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Knobloch rät Juden, "sich nicht erkennbar zu machen"

Bei der jüdischen Bevölkerung in Deutschland wächst die Sorge vor einem neuen Antisemitismus. Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden spricht eine bestürzende Warnung aus.

Der Brandanschlag auf die Bergische Synagoge in Wuppertal-Barmen in der Nacht zum Dienstag hat für Bestürzung bei den Juden in Deutschland gesorgt. "Die Nachricht über den Anschlag auf die Wuppertaler Synagoge macht uns alle fassungslos", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post". "Schon im Vorfeld gab es diverse Drohungen gegen jüdische Einrichtungen, die einer ganz besonderen Aufmerksamkeit der Behörden bedürfen", sagte Graumann.

Seine Vorgängerin in dem Amt, Charlotte Knobloch, sieht jüdische Mitbürger zunehmend bedroht. Nach dem Anschlag von Wuppertal und vorherigen gewalttägigen Übergriffen rät sie allen Juden in Deutschland, sich derzeit "nicht als Jude erkennbar zu machen". Das Risiko, Ziel eines Angriffs zu werden, sei sonst zu groß, sagte sie dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist, betonte: "Was wir derzeit erleben, ist die kummervollste und bedrohlichste Zeit seit 1945. Bei uns stehen die Telefone nicht still, die Mail-Postfächer quellen über - wir sind konfrontiert mit Beleidigungen und Hassparolen. Dass Juden "in unserem Land wieder angegriffen und beleidigt werden, dürfen wir niemals akzeptieren. Spätestens wenn Synagogen brennen, ist es doch Zeit für alle Verantwortlichen zu fragen: Was müssen wir tun, um jüdische Mitbürger zu schützen!"

"Die breite Masse schweigt"

Es sei auch nicht hinzunehmen, so Knobloch, dass die "hohen Güter der freien Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit dazu missbraucht werden, gegen Juden zu hetzen und zu Gewalt aufzurufen. Da wird auch der Nahostkonflikt missbraucht, um Judenhass auszuleben. Das ist radikaler Hass. Diesen gibt es, und das hätte ich mir nie vorstellen können, dass wir so etwas noch einmal in Deutschland erleben müssen." Sie fügte hinzu: "Die hemmungslose Judenhetze hat in unserem Land eine neue Qualität erreicht." Knobloch beklagte eine mangelnde Unterstützung für jüdische Mitbürger: "Ich bin zutiefst besorgt, weil so wenig aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Ich höre den Ruf nicht: Jetzt reicht's! Wir sehnen uns nach einer breiten Front des Widerstands gegen diese Judenhetze. Aber die breite Masse schweigt. Wer jetzt schweigt, bejaht was geschieht."

Sie fordert die Bundesländer auf, die Sicherheitsmaßnahmen auf das höchste Niveau hinaufzuschrauben. Falls die Synagoge in Wuppertal nicht ausreichend geschützt gewesen sei, wäre dies sehr bedenklich.

Einer der drei mutmaßlichen Täter soll Palästinenser sein

Wie die Polizei mitteilte, warfen insgesamt drei Täter mehrere mit Benzin und Öl gefüllte Flaschen auf das Gebetshaus. Ein 18-Jähriger sei festgenommen worden. Verletzt wurde niemand. Am Gebäude sei nach ersten Ermittlungen kein Sachschaden entstanden.

Die Staatsangehörigkeit des mutmaßlichen Täters sei noch ungeklärt, sagte Oberstaatsanwalt Hans-Joachim Kiskel. Bei der Polizei habe er aber angegeben, er sei Palästinenser. Der junge Mann besitze eine aufenthaltsrechtliche Duldung. Zwei weitere Täter konnten laut Kiskel fliehen.

Eine Anwohnerin, die ein Feuer auf der Straße vor dem Gebetshaus bemerkte, hatte in der Nacht die Polizei verständigt. Die Beamten fanden einen brennenden Gegenstand. Bei diesem handelte es sich offenbar um einen Molotow-Cocktail, der den Tätern aus der Hand gefallen sei, sagte Kiskel. Die auf den Eingangsbereich geschleuderten Brandbomben seien dagegen nicht explodiert, da sich offenbar der Brandbeschleuniger nicht entzündet habe. Die Flaschen seien an der Außenwand und dem Podest zerschellt, erläuterte der Staatsanwalt.

Wuppertaler versammeln sich zu Solidaritätskundgebung

Am Dienstagabend versammelten sich etwa 250 Menschen zu einer Solidaritätskundgebung vor der Bergischen Synagoge. Die etwa einstündige Versammlung sei friedlich verlaufen, teilte die Polizei mit. Die Kundgebung stand unter dem Motto "Solidarität mit der jüdischen Kultusgemeinde und Kampf gegen jeden Antisemitismus". In der vergangenen Woche war die Synagoge bereits von Unbekannten mit dem Schriftzug "Free Palestine" beschmiert worden.

In Deutschland und anderen Ländern hatte es in den vergangenen Tagen mehrfach antisemitische Proteste gegeben. Hintergrund ist die Offensive der israelischen Armee gegen die radikalislamische Hamas im Gazastreifen.

Antisemitismus im Netz und auf Demonstrationen

Nach Recherchen der Antisemitismus-Forscherin Monika Schwarz-Friesel haben judenfeindliche Äußerungen ein neues Ausmaß erreicht. "Wir beobachten im Internet eine riesige Flut antisemitischen Schreibens", hatte die Wissenschaftlerin von der Technischen Universität Berlin am Dienstag der Nachrichtenagentur DPA gesagt. Der Forscherin zufolge geht es um Begriffe wie "Wucherer", "Kindermörder", "Schacherer" oder "große Weltverschwörung".

In den Niederlanden gab es zudem in den vergangenen Tagen heftige Proteste des Simon Wiesenthal Centers gegen Aufrufe zum Judenhass bei einer Kundgebung von muslimischen Gruppen gegen die Bombardierung von Gaza. Die Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte habe zu wenig unternommen, obwohl Parolen wie "Tötet die dreckigen Juden" gerufen wurden, kritisiert die Internationale Nichtregierungsorganisation.

kng/OTS/anb/Reuters/DPA/DPA/Reuters
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