Wenn einen der Zufall zum Lebensretter macht

28. November 2012, 13:34 Uhr

Als in der Caritas-Werkstatt in Titisee das Feuer ausbricht, arbeitet Nicolas K. in der Firma nebenan. Kurz darauf hilft er Menschen aus dem brennenden Gebäude - und erlebt, wie Tote geborgen werden. Von Ingrid Eißele und Mathias Rittgerott, Titisee-Neustadt

Titisee-Neustadt, Brand, Unfall, Tote, Behinderte, Behindertenwerkstatt, Schwarzwald

Die Caritas-Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt wurde für 14 Menschen zur Todesfalle.©

In einer Ecke der Firmenhalle, vis-à-vis vom Brandort, stehen am Tag danach noch zwei Rollstühle. Auf einem klebt an der Seite ein Foto, es zeigt eine hübsche junge Frau. Auf der Sitzfläche liegt eine Brille. In der Halle werden gewöhnlich Autos und Lastwagen mit Schriftzügen beklebt, am Montag aber dienten die Räume als Notaufnahme für mehr als hundert Menschen, die Überlebenden der Brandkatastrophe von Titisee-Neustadt. Die Mitarbeiter der Firma versorgten ihre Nachbarn mit Mineralwasser, Tee und guten Worten. Nicolas K. half zwei Behinderten, aus der Caritas-Werkstatt zu flüchten, in der 14 Menschen starben.

Der 33-jährige Fahrzeugbekleber, gelernter Maurer, arbeitet am Montagnachmittag in einer der beiden großen Hallen seiner Firma, als er drüben bei der Caritas Polizeikräfte erblickt. Seine Schwiegermutter, die direkt neben der Caritas-Werkstatt wohnt, ruft an. Es qualme aus dem Gebäude der Caritas, "komm lieber nicht rüber", rät sie dem Schwiegersohn. K. hält sich nicht an den Rat, er geht sofort über die Straße. Die Feuerwehr ist noch nicht eingetroffen. Als er am Metallzaun an der Seite des Werkstattgebäudes vorbeigeht, sieht er, dass starker Rauch aus den Fenstern des ersten Stockwerks dringt. Ein Mitarbeiter der Werkstatt für Behinderte hat eine Leiter gegen das Gebäude gelehnt, zwei Fenster sind geöffnet, ein Behinderter ist schon unten, ein zweiter versucht, sich über die Leiter zu retten. Zwei Polizeibeamte sind da. Nicolas K. hilft, den Behinderten herunter zu holen. Er hat verbrannte Haare, Brandverletzungen im Nacken, sein Kopf ist gerötet, er will sich nicht anfassen lassen, alles tut ihm weh.

Droben am Fenster schreit eine Frau um Hilfe, sie hat ein Bein schon über der Brüstung, sie hat panische Angst vor dem Feuer, vor der Tiefe. "Sie drohte herunterzufallen." Gemeinsam mit einem Polizeibeamten hilft K., die behinderte Frau über die Leiter nach unten zu bringen. Er weiß nicht, ob noch weitere Menschen in der völlig verqualmten Werkstatt sind. K. läuft um die Ecke des Gebäudes, auf der Rückseite ist eine Metalltreppe, die als Notausgang dient. Die Tür zum Flur der Werkstatt ist offen, doch auch hier ist alles voll schwarzem Rauch. Weil ein Teil des Rauchs abzieht, kann er etwa zwei Meter in den Flur hinein sehen. Er ist leer. Er ruft hinein. "Aber es war ganz still." Nicht mal ein Knistern ist zu hören.

Eine Halle als Versorgungsstation

Kurz darauf hört Nicolas K. eine Detonation im Gebäude. "Ich habe mich geduckt. Die Fenster vibrierten, ein paar sind kaputt gegangen. Darauf sagten die Polizisten, wir gehen hier weg."

Vorne am Gebäude sammeln sich verstörte Behinderte und ihre Betreuer. Ein älterer Mann, den K. in Sicherheit bringen will, bleibt stur stehen, er will unbedingt ein Holzstück aufheben, das ihm zu Boden gefallen ist. "Das war ihm ganz wichtig, vielleicht hatte er damit gearbeitet", berichtet Nicolas K., Vater von drei Kindern. Er ahnt: Drängen hilft hier überhaupt nichts. Er gibt dem Mann das Holzstück und bringt ihn so mit aus der Gefahrenzone.

Sein Chef hat inzwischen kurzerhand die Halle freigeräumt. "Wir haben Bänke und Tische aufgebaut, das DRK hat Decken verteilt." Die Polizei nimmt an der Tür die Personalien der Katastrophenopfer auf. "Alle, die noch laufen konnte", werden hier von Rettungskräften versorgt. Auch einige Leichtverletzte sind darunter, die Sauerstoffmasken tragen. Die anderen kommen ins Krankenhaus. Aus Mikrofonstativen werden provisorische Infusionsständer gebaut. Keiner geht noch seiner Arbeit nach, auch die Mitarbeiter umliegender Firmen helfen spontan.

Erzieher kümmern sich um ihre Schützlinge

"Die Betreuer waren komplett fertig, aber sie haben funktioniert", lobt Nicolas K. "Eine Frau hat zwei ihrer Schützlinge im Arm gehabt und sich gleichzeitig noch um den Dritten gekümmert." Sein 27-jähriger Kollege Dominik Z. sagt: "Die Erzieher waren großartig, ich ziehe den Hut vor ihnen, sie haben ihr persönliches Empfinden hinter die Bedürfnisse der Behinderten gestellt."

Auch Nicolas K. und seine Kollegen funktionieren. Selbst dann noch, als Menschen geborgen werden, die dem Feuer nicht mehr entkommen konnten. Er sieht an diesem Nachmittag kurz nach der Bergung vier Tote, einer hat schwerste Verbrennungen. Sie werden, wie auch die anderen Todesopfer, zugedeckt auf Tragen in die Halle eines benachbarten Unternehmens transportiert. Dominik Z. klebt mit Kollegen die Scheiben der Hallentore zu, damit keiner der Überlebenden diese Bilder sieht.

Gegen Abend, als alle Behinderten zu ihren Angehörigen gefahren sind, sind nur noch die Betreuer da. Sie ziehen sich zurück, sie bitten, dass man sie alleine lässt. "Was ich erlebt habe, war nicht so traumatisch, dass ich Hilfe gebraucht hätte", sagt Nicolas K. über sich. Aber als er nach Hause kommt, starrt er in den Fernseher, ohne etwas wahrzunehmen. In der Nacht muss er sich übergeben.

Die Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt
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