"Überall hingen Kabel herum"

11. März 2013, 18:15 Uhr

Die Ermittler sind sich fast sicher: Ein Technikdefekt hat das tödliche Feuer in Backnang ausgelöst, es war kein fremdenfeindlicher Anschlag. Ins Visier rückt der Vermieter des maroden Hauses. Von Frank Brunner, Backnang

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Brand, Feuer, Mietshaus, Familie getötet, Brandursache, technischer Defekt, Backnang, türkische Gemeinde

"Wir trauern um die Brandopfer": Sieben Kinder und eine Frau kamen am Wochenende bei dem Feuer in einem Mietshaus in Backnang ums Leben.

Am Montagnachmittag sitzt der 17-jährige Mohammed in der Moschee von Backnang und schaut immer wieder auf das zerknitterte Foto vor ihm auf dem Tisch. Ein kleiner Junge ist darauf, dunkle Haare, freches Lächeln. Es ist Mohammeds Cousin. Sechs Jahre alt ist er geworden. Am frühen Sonntagmorgen starben er, seine Mutter und sechs Geschwister beim Brand eines Hauses in der baden-württembergischen Kleinstadt.

Mohammed war bis zwei Uhr morgens im Haus, wie so oft. "Wenn ich da geblieben wäre, hätte ich vielleicht etwas tun können", sagt er. Sein Vater sitzt daneben. Der kräftige Mann erhebt schwere Vorwürfe gegen Vermieter und Behörden. "Die Familie wurde vom Jugendamt betreut, mindestens einmal im Monat kam eine Mitarbeiterin, aber niemand hat auf die Beschwerden wegen der kaputten Stromleitungen reagiert", klagt er. Auch der Hausbesitzer habe alle Warnungen ignoriert.

"Warum hat niemand etwas unternommen?"

Wenn stimmt, was die sichtlich schockierten Menschen in der Moschee erzählen, dann muss die elfköpfige Familie in katastrophalen Zuständen gelebt haben. Fulya Ö. ist eine Freundin der toten Frau und ihrer zehn Kinder. "Meine Mutter und sie kennen sich seit zwanzig Jahren, ich habe 'Tante' zu ihr gesagt", erzählt die 21-Jährige, die derzeit eine Ausbildung zur Hotelfachfrau macht. Auch sie berichtet von unmöglichen Lebensverhältnissen: "Im Haus gab es nur kaltes Wasser, ich habe die Kinder mit Wasser aus dem Wasserkocher gewaschen." Am schlimmsten aber seien die überall herumhängenden Kabel gewesen. "Meine Tante hat Schränke davor geschoben, damit die Kinder nicht damit spielen."

Die Polizei bestätigt, dass defekte Stromleitungen als Brandursache in Frage kommen. "Wir ermitteln in alle Richtungen, aber ein technischer Defekt wird untersucht", sagt Polizeisprecher Ronald Krötz von der Polizeidirektion Waiblingen zu stern.de. Krötz erzählt auch, dass die türkische Gemeinde in Backnang gut integriert war. "Viele türkische Mitbürger trainieren in unseren Sportvereinen, man kennt sich", so der Polizist. Trotzdem hört man in der Moschee immer wieder eine Frage: "Warum hat niemand etwas unternommen?" Backnangs erster Bürgermeister Michael Balzer weist die Vorwürfe zurück. "Ich habe keinen Zweifel, dass der Zustand der Wohnung zulässig war", sagt der Politiker während einer Pressekonferenz. Einige Türken schütteln bei seinen Worten die Köpfe, diskutieren aufgeregt.

Ermittler sehen kein fremdenfeindlichen Hintergrund

Erst kurz vor halb drei verstummen die Gespräche. Der türkische Botschafter in Deutschland ist aus Berlin gekommen, um die Angehörigen zu trösten. Er habe volles Vertrauen in die Arbeit der deutschen Ermittler, betont Hüseyin Avni Karsliogluin. Die zahlreichen Vertreter der türkischen Medien sind dennoch skeptisch. Nach den Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds, dem auch türkische Menschen zum Opfer fielen, ist das Misstrauen groß, dass die Polizei einen möglicherweise fremdenfeindlichen Hintergrund übersieht. Landespolizeipräsident Wolf Hammann versucht die Journalisten zu beruhigen: "Aktuell gibt es keine Hinweise auf eine fremdenfeindlichen Hintergrund, aber wir ermitteln ergebnisoffen", versichert er. Wenn es notwendig wird, werde man auch türkische Polizisten einladen, die Ermittlungen zu unterstützen.

Im Brandhaus, nur ein paar Schritte von der Moschee entfernt, haben die Beamten die Straße gesperrt. Ein schwarzes Tuch verhindert die Sicht auf die Spurensuche. Doch die rußschwarze Fassade des gelben Gebäudes ist zu erkennen. Auf der anderen Straßenseite haben Menschen Blumen niedergelegt, viele sind gekommen, um zu trauern. Im Innern des Hauses tragen Spezialisten des Landeskriminalamtes den Brandschutt scheibchenweise ab. Andere Beamte befragen Nachbarn und Feuerwehrleute. "Es kann noch einige Tage dauern, bis wir genau wissen, was passiert ist", sagt Polizeisprecher Krötz.

Derweil sitzt ganz hinten, abseits des ganzen Trubels, fast unbeachtet Murat. Er ist der Onkel der toten Kinder. Vor ihm steht ein Teller Suppe, den er nicht anrührt. "Er hat seit gestern nicht gegessen", sagt eine Mitarbeiterin der Moschee und schiebt das Essen näher an ihn ran. Murat starrt nur stumm auf den Tisch. Nach einer Weile beginnt er doch zu reden. So leise, dass man nicht jedes Wort versteht. "Es ging alles so schnell, ich habe versucht, das Feuer mit einem Eimer Wasser zu löschen, dann mit einer Decke. Aber die Flammen waren zu groß." Er habe um Hilfe geschrien und die Feuerwehr alarmiert. Als er ein zweites Mal ins Haus wollte, stand er vor einer schwarzen Rauchwolke. "Ich konnte nichts machen", flüstert er.

Voraussichtlich am Dienstagnachmittag sollen die Opfer in die Türkei geflogen werden, um beigesetzt zu werden.

 
 
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