17. April 2012, 19:00 Uhr

Mit Staatsanwältinnen scherzt man nicht

Nach Breiviks kruder Erklärung beginnt die Staatsanwaltschaft mit dem Verhör. Der Attentäter von Utøya lobt al Kaida, kritisiert sich selbst und erklärt, warum er am ersten Prozesstag geweint hat. Von Swantje Dake, Oslo

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Staatsanwältin Inga Bejer Engh im Gespräch mit Anders Behring Breivik (r.). Sein Anwalt Geir Lippestad hört aufmerksam zu©

Inga Bejer Engh gibt sich wirklich Mühe. Zwischen der Staatsanwältin und Anders Behring Breivik sind nur zwei, drei Meter. Die 41-Jährige lehnt sich weit über ihren Tisch nach vorn, hält Augenkontakt und spricht mit einer sanften, aufmunternden Stimme. Und Breivik gerät im Zeugenstand ins Plaudern - über seine Zeit in einer HipHop-Gang, wie er den Wehrdienst verweigerte und warum er sich einer Schönheitsoperation unterzog.

Doch irgendwann kann er nicht mehr. "Willst Du bis 16 Uhr ohne Pause durchmachen?", fragt er die Staatsanwältin. Man hört beinahe Entsetzen in seiner Stimme. Das "Du" ist dabei keine Unhöflichkeit. Die norwegische Sprache kennt das "Sie" nur in Ansprache von Königen und Richtern. "Brauchst Du eine Pause, Breivik?", schaltet sich Richterin Wenche Elizabeth Arntzen ein. "Ja, ich bin ganz schön durch." Diese Worte von dem Mann, der 69 Menschen durch Kopfschüsse tötete und Dutzende verletzte, erstaunen Prozessbeobachter.

Wer hat Dir das Recht gegeben?

Seine am Vormittag vorgelesene Erklärung, in der Breivik seine krude Ideologie ungestört mehr als eine Stunde darlegen durfte, war für ihn eine erkennbar leichtere Übung als das Verhör. Nun will die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten auf den Zahn fühlen. Und dabei dreht es sich überhaupt nicht um die Explosion oder das Attentat auf Utøya. Bejer Engh geht ganz zum Anfang zurück: Kindheit, Jugend, Schulabbruch, diverse gescheiterte Firmengründungen und politisches Engagement.

Das passt nicht in Breiviks Plan. Seine Kindheit täte nichts zur Sache, darauf werde er nicht antworten, protestiert er. Also versucht es Bejer Engh auf einem anderen Weg: "Wer gab dir das Recht, das norwegische Volk zu verteidigen, Breivik?", fragt die Staatsanwältin. Der Angeklagte windet sich: "Alle Völker dürfen sich gegen ihre Ausrottung wehren. Auch wenn sich das so isoliert womöglich etwas absurd anhört." Mehrfach fragt Bejer Engh nach, was ihn persönlich in dem Glauben lässt, dass das norwegische Volk von ihm gerettet werden will. Breivik verliert sich in Ausflüchten und gibt dann irgendwann nach: "Ich habe uns das Mandat gegeben. Ich bin militanter Nationalist."

Verhör im Plauderton

Die dunkelblonden, ordentlich im Mittelscheitel liegenden Haare fallen Bejer Engh immer wieder ins Gesicht. Ihre hellblauen, leicht geschminkten Augen haben Breivik ins Visier genommen. Nicht böse, eher aufmerksam. So als würde sie mit einem Kind sprechen und versuchen, die wirren Gedankengänge nachzuvollziehen. Bejer Engh lässt sich nicht irritieren, nicht provozieren. Weder durch ein schelmisches Lachen, noch durch eine Zurechtweisung. "Das habe ich doch in meiner Rede erklärt", entgegnet ihr Breivik leicht ungehalten.

Stoisch arbeitet sich die Staatsanwältin durch Breiviks Manifest und rupft es auseinander. Mal geht es um al Kaida und die Ansicht Breiviks, dass die Organisation die erfolgreichste Terrorgruppe sei, dann um eine Schlägerei unter Jugendlichen, bei der Breivik die Nase gebrochen worden sein soll. Er behauptet, dass die Schläger Muslime gewesen seien, eine Schönheits-OP sei notwendig geworden. Selbstgefällig gibt Breivik Auskunft. Es ist nichts, worauf er stolz sein könnte: Die Schule abgebrochen, diverse Firmengründungen endeten im Desaster. Dazu wippt er hin und wieder in der Lehne des Bürostuhls.

Vier psychiatrische Gutachter beobachten den Angeklagten genau. Zwei von ihnen hatten den Attentäter für zurechnungsfähig erklärt, zwei für unzurechnungsfähig. Auf ihr Verhör im Plauderton angesprochen, sagt Bejer Engh: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Angeklagte mehr erzählen, wenn ich ihnen freundlich begegne."

Zuschauer verlassen den Saal

Und tatsächlich: Breivik gibt ihr eine Erklärung für die Tränen am ersten Prozesstag. Er sei gerührt gewesen von der Kombination aus Musik und Aussagen seines Films. "Mein Land stirbt." Breivik beißt sich auf die Lippen, blickt auf die Papiere vor sich. Es scheint, als würde er um Fassung ringen.

Um Fassung ringen auch die Zuhörer am zweiten Prozesstag, mal aus Bestürzung, mal aus Sprachlosigkeit, aber auch aus Langeweile. Die Reihen im Saal 250, die für die Angehörigen der Todesopfer reserviert sind, sind am zweiten Tag deutlich leerer als zum Prozessauftakt. Während Breivik über Kindheit und Jugend spricht, verlassen einige den Saal. Für sie scheinen diese Erzählungen aus dem Leben des Attentäters keine Erklärung für das zu sein, was auf Utøya passierte. Noch vier weitere Tage wird Breivik von der Staatsanwaltschaft und den Anwälten der Nebenkläger befragt. Bis die konkreten Geschehnisse vom 22. Juli 2011 zum Thema werden, wird noch mindestens ein Prozesstag vergehen.

Von Swantje Dake, Oslo
 
 
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