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Kümmern Sie sich um Ihre Fahrgäste!

Defekte Züge, überfordertes Personal. Bei der Bahn stimmt etwas Grundsätzliches nicht: Offenbar steht das Wohl der Fahrgäste nicht mehr an oberster Stelle. Ein offener Brief an Bahnchef Rüdiger Grube.

Von Florian Güßgen

Sehr geehrter Herr Grube, Sie haben nach dem Hitze-Desaster ein E-Mail-Postfach eingerichtet, an das betroffene Fahrgäste ihre Wiedergutmachungsbitten schicken können. "Hitzewelle@DeutscheBahn.com" lautet die Adresse. Ich habe am vergangenen Wochenende nicht unmittelbar gelitten, werde deshalb das Postfach nicht missbrauchen. Aber als regelmäßiger Fahrgast und passionierter Bahnfahrer brennt mir bei dem Thema Hitzewelle und Wiedergutmachung durch die Bahn doch noch einiges auf der Seele. Es gilt, künftig einiges besser zu machen. Anders als Ihr Vorgänger stehen Sie im Ruf, auch zuzuhören, Kritik aufnehmen zu können. Deshalb erlaube ich mir, Ihnen diesen offenen Brief zu schreiben. Wohlan.

Um meinen wichtigsten Punkt gleich vorweg zu nehmen: Für mich steht Ihre Hitzepleite stellvertretend dafür, dass Sie meine Interessen und Bedürfnisse als Fahrgast aus dem Auge verloren haben. Ihre Züge sind schlicht zu oft kaputt, Ihr Personal ist zu oft überfordert, und Ihre Sprecher tun so, als ob ich an einer Wahrnehmungsstörung leiden würde, denn sie beschönigen munter, was nicht zu beschönigen ist. Bitte ändern Sie all das.

Es kann doch nicht sein, dass Sie es nicht auf die Reihe bringen, robuste und wetterfeste Züge zu bestellen, abzunehmen und auf die Gleise zu setzen? Die Klimaanlagen in den ICE-2-Zügen sind dabei nicht mehr als der jüngste Beleg dafür, dass Ihre Züge erschreckend oft technisch schlicht mangelhaft sind: Der Achsenbruch des ICE-3 in Köln im Jahr 2008, die Risse in den Achsen bei den ICE-3 und den ICE-T-Zügen, die auf Jahre hinaus ständig Ultraschalluntersuchungen und Reparaturen nötig machen; das Versagen der verfrorenen ICEs kurz vor Weihnachten 2009; die Tür, die sich in diesem Jahr aus einem fahrenden ICE löste und zum gefährlichen Geschoss wurde; dazu das Desaster bei der Berliner S-Bahn. Da läuft doch irgendetwas grundsätzlich schief, oder?

Wo liegt der Fehler?

Nur, Herr Grube, was genau stimmt da nicht im System? Wo liegt der Fehler? Warten Sie Ihre noch fahrtüchtigen Züge tatsächlich nicht richtig, weil es keine vernünftige Zugreserve gibt, weil ein Großteil der Flotte wegen technischer Macken (siehe oben) ständig in den Werkstätten steht? Das erscheint doch reichlich absurd, denn dass Sie nicht in der Lage sind, sich darauf einzustelllen, dass Filter von Klimaanlagen verstopfen können, erscheint kaum vorstellbar. Oder, und das ist eigentlich die interessantere Frage, bestellen Sie nicht richtig oder bei den Falschen? Versagen Ihre Ingenieure oder machen die Hersteller der Züge Fehler - Siemens, Alstom und Bombardier? Auf welche Temperaturen sind ihre Züge denn nun genau ausgerichtet? Minus 20 bis plus 35 Grad? Minus 40 bis plus 40 Grad? Und was halten Sie aus?

Es ist Zeit, und das ist eine konkrete Bitte, dass Sie uns, Ihre Fahrgäste, in Kenntnis darüber setzen, wer genau hier was verbockt - und was Sie tun, um die offenbaren Missstände zu beheben. Keine Scheu, nur Mut. Jedes Vertuschen ist nicht akzeptabel, denn die Leidtragenden Ihrer Pannen-Züge sind wir, Ihre Fahrgäste. Die Mahnung gilt übrigens auch für den Bund, Ihren Eigner. Offenbar waren die Mängel in der Bordelektronik dem Verkehrsministerialen schon länger bekannt - und auch von dieser Seite ist offenbar nicht genug Dampf gemacht worden. Transparenz gegenüber Ihren Kunden tut also dringend Not. Schließlich sind wir sind diejenigen, die an Haltestellen warten, im Schnee stehen oder in der Hitze dürsten.

Sparen Sie nicht am Personal

Sicher, es ist sehr wohlfeil von Politikern, wenn die von Ihnen einerseits verlangen, mehr in die Infrastruktur der Bahn zu investieren, Sie aber andererseits, wie es Schwarz-Gelb mit dem Sparpaket plant, jedes Jahr 500 Millionen Euro von Ihrem Gewinn an den Bund abführen sollen. Und es stimmt auch nicht, dass Sie gar nichts in die Infrastruktur investieren. Im Gegenteil. Bis 2014 wollen Sie, das haben Sie im Winter verkündet, bis zu 41 Milliarden Euro in Züge und Schienennetz stecken. Insofern bringt es nichts, Ihnen pauschal einen Sparkurs vorzuhalten. Aber investieren und sparen Sie doch bitte an der richtigen Stelle! Denn dass Sie derzeit etwa mit einer so einer knappen Reserve an Zügen fahren, ist ja ebenso falsch wie gewollt.

Auch bei der Schulung Ihres Personals sollten Sie nicht sparen. Denn zwar sprechen viele Zugchefs jetzt englisch, aber, und das hat das vergangene Wochenende gezeigt, ist Ihr Personal nicht in der Lage, in einer Krisensituation angemessen zu reagieren. Es wäre zu simpel, jetzt auf die ohnehin - unter anderem von Ihrem Vorgänger - malträtierte Bahn-Belegschaft zu schimpfen, aber augenscheinlich sind auch hier falsche Prioritäten gesetzt worden. Es ist jedenfalls ein schlechtes Zeichen, wenn Staatsanwälte, wie jetzt in Bielefeld, wegen fahrlässiger Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung gegen einen Zugchef ermitteln müssen.

Überhaupt die Prioritäten. Die Endlosdiskussion über Für und Wider eines Börsengangs will ich hier nicht fortsetzen. Aber eines muss schon klar sein: Die Entwicklung der Bahn zu einem Global Player - auch das so ein beständiges Leitbild aus der Ära Hartmut Mehdorns - mag unternehmerisch kühn und wagemutig klingen. Aber, und das ist ja das Tolle an ihrem Job, unternehmerische Kühnheit ist nicht Ihre wichtigste Aufgabe, das ist der Transport von Menschen. Deshalb muss auch der Börsengang weit hinter den praktischen Interessen Ihrer Fahrgäste zurückstehen.

Entsprechend kritisch finde ich, dass Ihr Vorgänger im Januar 2009 die polnische Güterbahn PCC Logistics erworben hat. Das mag Ihrer Logistiksparte nützen, aber mir nützt das doch nur, wenn die entsprechenden zusätzlichen Gewinne meinem Fahrvergnügen zu Gute kommen. Und das tun sie ja offenbar nicht. Auch das britische Bus- und Bahnnunternehmen Arriva haben Sie in diese Jahr übernommen - für schlappe 2,7 Milliarden Euro. Was nützt mir das? Inzwischen steht die Bahn mit insgesamt 15 Milliarden Euro in der Kreide, verjuxt Geld in der Fremde, und bringt es daheim nicht gebacken, die Züge am Laufen zu halten. Auch das, werter Herr Grube, will mir nicht einleuchten.

Zusammenfassend habe ich eigentlich nur eine einfache Bitte. Sorgen Sie dafür, dass die Bahn in Deutschland Fahrgäste zuverlässig, sicher und pünktlich von A nach B bringt. Das ist nicht viel verlangt, scheint aber gerade in diesen High-Tech-Zeiten dennoch unmöglich. Vielleicht, Herr Grube, wird es einfach Zeit, dass Ihr Konzern sich endgültig von der Ära der Großmannssucht verabschiedet und sich auf sein ganz banales Kerngeschäft konzentriert.

Über eine Antwort Ihrerseits würde ich mich sehr freuen,

Ihr Florian Güßgen

Mitarbeit: Sebastian Huld

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