Kümmern Sie sich um Ihre Fahrgäste!

13. Juli 2010, 16:28 Uhr

Defekte Züge, überfordertes Personal. Bei der Bahn stimmt etwas Grundsätzliches nicht: Offenbar steht das Wohl der Fahrgäste nicht mehr an oberster Stelle. Ein offener Brief an Bahnchef Rüdiger Grube. Von Florian Güßgen

Bahn, Deutsche Bahn, Klimaanlage, Hitze, ICE, Passagiere, Bahnfahrt, Grube, Mehdorn, Börsengang, Klimapanne

Der Vorstandsvorsitzende der Bahn: Rüdiger Grube©

Sehr geehrter Herr Grube, Sie haben nach dem Hitze-Desaster ein E-Mail-Postfach eingerichtet, an das betroffene Fahrgäste ihre Wiedergutmachungsbitten schicken können. "Hitzewelle@DeutscheBahn.com" lautet die Adresse. Ich habe am vergangenen Wochenende nicht unmittelbar gelitten, werde deshalb das Postfach nicht missbrauchen. Aber als regelmäßiger Fahrgast und passionierter Bahnfahrer brennt mir bei dem Thema Hitzewelle und Wiedergutmachung durch die Bahn doch noch einiges auf der Seele. Es gilt, künftig einiges besser zu machen. Anders als Ihr Vorgänger stehen Sie im Ruf, auch zuzuhören, Kritik aufnehmen zu können. Deshalb erlaube ich mir, Ihnen diesen offenen Brief zu schreiben. Wohlan.

Um meinen wichtigsten Punkt gleich vorweg zu nehmen: Für mich steht Ihre Hitzepleite stellvertretend dafür, dass Sie meine Interessen und Bedürfnisse als Fahrgast aus dem Auge verloren haben. Ihre Züge sind schlicht zu oft kaputt, Ihr Personal ist zu oft überfordert, und Ihre Sprecher tun so, als ob ich an einer Wahrnehmungsstörung leiden würde, denn sie beschönigen munter, was nicht zu beschönigen ist. Bitte ändern Sie all das.

Es kann doch nicht sein, dass Sie es nicht auf die Reihe bringen, robuste und wetterfeste Züge zu bestellen, abzunehmen und auf die Gleise zu setzen? Die Klimaanlagen in den ICE-2-Zügen sind dabei nicht mehr als der jüngste Beleg dafür, dass Ihre Züge erschreckend oft technisch schlicht mangelhaft sind: Der Achsenbruch des ICE-3 in Köln im Jahr 2008, die Risse in den Achsen bei den ICE-3 und den ICE-T-Zügen, die auf Jahre hinaus ständig Ultraschalluntersuchungen und Reparaturen nötig machen; das Versagen der verfrorenen ICEs kurz vor Weihnachten 2009; die Tür, die sich in diesem Jahr aus einem fahrenden ICE löste und zum gefährlichen Geschoss wurde; dazu das Desaster bei der Berliner S-Bahn. Da läuft doch irgendetwas grundsätzlich schief, oder?

Wo liegt der Fehler?

Nur, Herr Grube, was genau stimmt da nicht im System? Wo liegt der Fehler? Warten Sie Ihre noch fahrtüchtigen Züge tatsächlich nicht richtig, weil es keine vernünftige Zugreserve gibt, weil ein Großteil der Flotte wegen technischer Macken (siehe oben) ständig in den Werkstätten steht? Das erscheint doch reichlich absurd, denn dass Sie nicht in der Lage sind, sich darauf einzustelllen, dass Filter von Klimaanlagen verstopfen können, erscheint kaum vorstellbar. Oder, und das ist eigentlich die interessantere Frage, bestellen Sie nicht richtig oder bei den Falschen? Versagen Ihre Ingenieure oder machen die Hersteller der Züge Fehler - Siemens, Alstom und Bombardier? Auf welche Temperaturen sind ihre Züge denn nun genau ausgerichtet? Minus 20 bis plus 35 Grad? Minus 40 bis plus 40 Grad? Und was halten Sie aus?

Es ist Zeit, und das ist eine konkrete Bitte, dass Sie uns, Ihre Fahrgäste, in Kenntnis darüber setzen, wer genau hier was verbockt - und was Sie tun, um die offenbaren Missstände zu beheben. Keine Scheu, nur Mut. Jedes Vertuschen ist nicht akzeptabel, denn die Leidtragenden Ihrer Pannen-Züge sind wir, Ihre Fahrgäste. Die Mahnung gilt übrigens auch für den Bund, Ihren Eigner. Offenbar waren die Mängel in der Bordelektronik dem Verkehrsministerialen schon länger bekannt - und auch von dieser Seite ist offenbar nicht genug Dampf gemacht worden. Transparenz gegenüber Ihren Kunden tut also dringend Not. Schließlich sind wir sind diejenigen, die an Haltestellen warten, im Schnee stehen oder in der Hitze dürsten.

Sparen Sie nicht am Personal

Sicher, es ist sehr wohlfeil von Politikern, wenn die von Ihnen einerseits verlangen, mehr in die Infrastruktur der Bahn zu investieren, Sie aber andererseits, wie es Schwarz-Gelb mit dem Sparpaket plant, jedes Jahr 500 Millionen Euro von Ihrem Gewinn an den Bund abführen sollen. Und es stimmt auch nicht, dass Sie gar nichts in die Infrastruktur investieren. Im Gegenteil. Bis 2014 wollen Sie, das haben Sie im Winter verkündet, bis zu 41 Milliarden Euro in Züge und Schienennetz stecken. Insofern bringt es nichts, Ihnen pauschal einen Sparkurs vorzuhalten. Aber investieren und sparen Sie doch bitte an der richtigen Stelle! Denn dass Sie derzeit etwa mit einer so einer knappen Reserve an Zügen fahren, ist ja ebenso falsch wie gewollt.

Auch bei der Schulung Ihres Personals sollten Sie nicht sparen. Denn zwar sprechen viele Zugchefs jetzt englisch, aber, und das hat das vergangene Wochenende gezeigt, ist Ihr Personal nicht in der Lage, in einer Krisensituation angemessen zu reagieren. Es wäre zu simpel, jetzt auf die ohnehin - unter anderem von Ihrem Vorgänger - malträtierte Bahn-Belegschaft zu schimpfen, aber augenscheinlich sind auch hier falsche Prioritäten gesetzt worden. Es ist jedenfalls ein schlechtes Zeichen, wenn Staatsanwälte, wie jetzt in Bielefeld, wegen fahrlässiger Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung gegen einen Zugchef ermitteln müssen.

Überhaupt die Prioritäten. Die Endlosdiskussion über Für und Wider eines Börsengangs will ich hier nicht fortsetzen. Aber eines muss schon klar sein: Die Entwicklung der Bahn zu einem Global Player - auch das so ein beständiges Leitbild aus der Ära Hartmut Mehdorns - mag unternehmerisch kühn und wagemutig klingen. Aber, und das ist ja das Tolle an ihrem Job, unternehmerische Kühnheit ist nicht Ihre wichtigste Aufgabe, das ist der Transport von Menschen. Deshalb muss auch der Börsengang weit hinter den praktischen Interessen Ihrer Fahrgäste zurückstehen.

Entsprechend kritisch finde ich, dass Ihr Vorgänger im Januar 2009 die polnische Güterbahn PCC Logistics erworben hat. Das mag Ihrer Logistiksparte nützen, aber mir nützt das doch nur, wenn die entsprechenden zusätzlichen Gewinne meinem Fahrvergnügen zu Gute kommen. Und das tun sie ja offenbar nicht. Auch das britische Bus- und Bahnnunternehmen Arriva haben Sie in diese Jahr übernommen - für schlappe 2,7 Milliarden Euro. Was nützt mir das? Inzwischen steht die Bahn mit insgesamt 15 Milliarden Euro in der Kreide, verjuxt Geld in der Fremde, und bringt es daheim nicht gebacken, die Züge am Laufen zu halten. Auch das, werter Herr Grube, will mir nicht einleuchten.

Zusammenfassend habe ich eigentlich nur eine einfache Bitte. Sorgen Sie dafür, dass die Bahn in Deutschland Fahrgäste zuverlässig, sicher und pünktlich von A nach B bringt. Das ist nicht viel verlangt, scheint aber gerade in diesen High-Tech-Zeiten dennoch unmöglich. Vielleicht, Herr Grube, wird es einfach Zeit, dass Ihr Konzern sich endgültig von der Ära der Großmannssucht verabschiedet und sich auf sein ganz banales Kerngeschäft konzentriert.

Über eine Antwort Ihrerseits würde ich mich sehr freuen,

Ihr Florian Güßgen

Zum Thema
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Global Player ICE
KOMMENTARE (10 von 44)
 
ArnoA.Evers (15.07.2010, 17:12 Uhr)
Grube ist ein guter Mann
Ruediger Grube ist schon ein guter Mann, er tut was er kann. Die Bahn AG ist eine komplexe Struktur, dass man man/frau auch sehen. Die teagliche Befoerderungsleistung zu wuppen ist schon eine grossartige Leistung, an der viele ihre gehoerigen Anteile haben. Macht bitte so weiter!
filosof (15.07.2010, 17:02 Uhr)
Brief an Herrn Grube
Auch ich gratuliere Herrn Güßgen zu dem sehr richtigen und gelungen Brief. Man kommt sich als Bahnkunde schon wirklich sehr veräppelt vor, denn was kann ich schon machen? Wie kann ich mich wehren? Soll ich meine eigene Bahnstrecke bauen? Monopolisten sind nie gut für das Allgemeinwohl! Beschwerden verlaufen vermutlich ins Nirwana, also lasse ich es gleich sein und ärgere michm im Stillen GRün und Rot.
LaoLu (15.07.2010, 16:21 Uhr)
@Egonaut: Ihre Erklärung für den Unterdruck
außerhalb eines Verkehrsflugzeuges (14.07., 20:23) ist schon einigermaßen abenteuerlich.
mid63 (15.07.2010, 11:37 Uhr)
Die Deutsche Bahn ist ein Unternehmen, das ...
... zwischen dem alten Beamtentum dort und den hochfliegenden Plänen des überambitionierten und egoman agierenden Herrn Mehdorn aufgerieben wurde. Mehdorns Auftreten war allerdings bei der Deutschen Bahn auch nicht viel anders, als bereits aus seiner Zeit bei Heidelberger Druck bekannt.

Über die merkwürdige Sparbrötchenhaltung bei der Instandhaltung höre ich schon seit Jahren. Die Haltung der Bahn gegenüber ihren Lieferanten tut dann ein Übriges - Augenhöhe ist das nicht, was die Beteiligten da so praktizieren. So gesehen sind die aktuellen Probleme "nur" das konsequente Fortführen eines fatalen Status Quo. Verschärft wird das noch durch die Erwartungshaltung unserer Politischen Nomenklatura im Bund, die die Bahn zum Renditeobjekt zu degradieren versucht.

Für den Kunden interessiert man sich schon lange nicht mehr! Er wird vom Bahn-Management eher als unvermeidbarer Störenfried angesehen und viel zu oft auch im direkten Kontakt entsprechend behandelt.

"Alle reden von Wetter" lautete der Werbespruch vor vielen Jahren. Ihr bei der Deutschen Bahn hoffentlich nicht nur dann, wenn der private Ausflug an den Badesee oder das private Grillfest ansteht!
rynaldo (15.07.2010, 11:12 Uhr)
Noch was anderes
Kleiner Tipp für die DB. Vielleicht könnten ihr mal die Einfachheit der Karten-Bestellung vom französischen TGV abkupfern - nur mal so als Tipp. Das DB Internet Portal ist ein undurchschaubarer Dschungel, kein Mensch findet darin auch nur eines dieser großspurig angekündigten Angebote. Beim TGV bestelle ich und am nächsten Tag finde ich die Tickets in meinem Briefkasten - ich muss nichts bestätigen, muss nicht an die kundenfeindlichen Automaten und muss mich nicht, mit einem oft schlecht gelaunten Auskunftspersonal, herumschlagen.
gunsha (15.07.2010, 11:03 Uhr)
Bahnverbindung nach China?
Die Bahn beherrscht doch noch nicht mal den Bahnbetrieb im eigenen Land! Die Bahnverbindung nach China, könnte einen Krieg auslösen! Solche Pleiten könnten als Absicht ausgelegt werden!
Bleibe im Lande und nähre dich redlich!
kepe (15.07.2010, 10:01 Uhr)
ein Eintrag ins ICE Tagebuch
gestern eine Reise:

- Eisenach - Fulda,
- Fulda - Hamburg,
- Hamburg - Kopenhagen.

Nicht funktionierende Klimanalage zwischen hamburg-Kopenhagen. Nachdem die Zugbegleitung darauf hingewiesen wurde, dass etwas mit der Klimaanlage nicht stimmt, wurde uns lediglich unfreundlich mitgeteilt, dass man die Türen zwischen den Abteilen nicht zu öffnen habe, dann würde auch die Klimaanlage funktionieren. Ah ja, das war mir neu.

Nachdem sich viel zu viele Menschen in Hamburg in einen viel zu kurzen Zug quetschen mussten, die Menschen standen und sassen wirklich überall, Kinder sassen in den Gängen zwischen den Sitzen mit ihren pommes frites, hatten wir dann in Hamburg auch 15 Minuten Verspätung. Ich wurde dann schonmal etwas unruhig, weil ich in Kopenhagen nur 15 Minuten zum Umsteigen nach Stockholm hatte. Und so kam es dann auch:

25 Minuten Verspätung in Kopenhagen, Anschlusszug nach Stockholm weg ..... aber dann:

In Malmö stand dann gut sichtbar eine nette Dame von der SJ (svenska järnvägen) Kundenbetreuung und überreichte mir ein Ticket für den nächst möglichen Zug nach Stockholm. Sie wusste genau wieviele Kunden ihre Anschlusszüge verpasst hatten und hatte ein Ticket für jeden.

Es war dann zwar der Nachtzug, anstatt 23.00 Uhr gestern abend kam ich dann 6.30 Uhr heute morgen. Aber immerhin. DAS nenne ich Service.
Freddylein (15.07.2010, 09:43 Uhr)
Kunden???
Die Bahn hat Kunden? Ich glaube die sehen das etwas anders. Für sie sind das nur ein paar unverschämte Reisende, die für wenig Geld von A nach B transportiert werden müssen. Da braucht man doch keinen Service leisten.
ganzbaf (15.07.2010, 09:36 Uhr)
Die Rendite...

MUSS durch die Decke schiessen...
Da interessiert der Fahrgast höchstens peripher.
botschek (15.07.2010, 09:34 Uhr)
Ein toller Brief
Herr Güßgen, Glückwunsch zu ihrem Brief, ich bin gespannt, ob Sie eine Antwort bekommen und ob diese dann auch im Stern veröffentlicht wird.

@Frau Merkel: ich habe den Verdacht, dass aufgrund unserer Subventionen an Griechenland, die Qualität der Griechischen Bahn wesentlich höher ist als bei uns. Tun Sie was daran und kümmern Sie sich um die Innenpolitischen Probleme, die wir haben. Sie haben schließlich einen Eid geleistet, leider ist das nicht einklagbar.
Panorama
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity