Die zwei Opfer von Unglücksflug 214

8. Juli 2013, 13:45 Uhr

Könnte eines der Mädchen, die bei der Bruchlandung in San Francisco starben, noch leben? Feuerwehr und Gerichtsmediziner gehen einem schrecklichen Verdacht nach. Eine Autopsie soll Klarheit bringen. Von Jens Wiesner

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Trauer um Wang Linjia (Foto) und Ye Mengyuan: Klassenkameraden und Freunde haben an der Außenmauer ihrer Schule eine Gedenkstätte für die in San Francisco verstorbenen Mädchen eingerichtet©

Ihre Reise sollte sie in eine strahlende Zukunft führen: Drei Wochen lang wollten die chinesischen Schülerinnen Ye Mengyuan und Wang Linjia in die amerikanische Kultur eintauchen, ihre Englischkenntnisse in einem Sommercamp verbessern, den Google-Campus und die Universität Stanford besuchen. Und von ihrer Gastfamilie lernen, wie man am geschicktesten Burger isst. Ein spaßiger Trip sollte es werden, aber einer mit ernsthaftem Hintergrund, wie die "New York Times" schreibt: Die Mädchen wollten sich auf ein mögliches Studium in den USA vorbereiten. Doch ausgerechnet hier sollten ihre Zukunftsträume ein jähes Ende finden.

Die Schule der beiden Zehntklässlerinnen, die Jiangshan High in der ostchinesischen Provinz Zhejiang, genießt einen hervorragenden Ruf: Wer es hier schafft, dem stehen die besten Universitäten des Landes offen. Aber vielen Schülern und ihren Eltern reicht das nicht aus: Sie träumen von einem Studienplatz in Harvard und Yale, von Universitäten, deren Namen rund um den Globus wohlklingen und die Türen öffnen zu den großen Jobs. Für dieses Ziel pauken viele junge Chinesen hart, opfern ihre Sommerferien, um sich bestmöglich auf die harten Aufnahmetests der Eliteanstalten vorzubereiten. Leisten können sich diese Zukunft nur wenige Familien: Umgerechnet 5000 US-Dollar müssen auch die Eltern von Ye Mengyuan und Wang Linjia laut "Shanghai East Day News" für den Sommerkurs in der West Valley Christian School zahlen.

Musterschüler und Anime-Fans

Die Mädchen zählen laut einem Bericht der lokalen Zeitung "Youth Times" zu den besten Schülern ihres Jahrgangs: Die 17-jährige Linjia hilft ihrer Klassenlehrerin als offizielle Assistentin aus und glänzt in Kalligraphie, der Kunst, chinesische Zeichen möglichst ausdrucksstark zu Papier zu bringen. Die 16-jährige Mengyuan gilt ebenfalls als Musterschülerin. Neben der Schule verbringt das Mädchen viel Zeit mit Büchern und an seinem Lieblingsinstrument, dem Klavier. Doch natürlich gibt es auch andere, leichtere Seiten im Leben von Mengyuan und Linjia. Auf ihren Profilseiten beim chinesischen Twitter-Pendant Weibo scheint der Alltag zweier ganz normaler Teenager durch: Wie die "New York Times" berichtet, besitzt Ye Mengyuan ein Faible für Hunde, verbringt viel Zeit vor dem Fernseher, schaut Zeichentrickserien und Animes aus Japan, Korea und den USA. In ihren letzten Online-Postings wenige Tage vor dem Abflug zeigen sich die Mädchen allerdings bedrückt.

Als Mengyuan und Linjia am Freitagmittag den Flieger in Shanghai besteigen, mischt sich in die Vorfreude auf die Zeit in Kalifornien wohl auch Trauer darüber, die Freunde zu Hause zurücklassen zu müssen. Aber die Entscheidung ist längst gefallen, das Geld gezahlt. "Los!", twittert Linjia kurz vor ihrem Abflug via Weibo - auf Englisch.

Flug ohne Wiederkehr

Nach einem kurzen Zwischenstopp im südkoreanischen Seoul nimmt die Gruppe - insgesamt 29 Schüler und vier Betreuer aus Jiangshan - im Heck des Anschlussfliegers Platz. Zwölf Stunden später, um 11.04 Uhr Ortszeit, soll Flug OZ-214 laut "Aviation Herald" planmäßig in San Francisco landen - genug Zeit, um viele Zeichentrickserien auf den winzigen Sitzmonitoren zu gucken.

Als die Boeing 777 nach 9000 Kilometern ihre Nase zum Landeanflug senkt, zeigt sich die kalifornische Stadt von ihrer schönsten Seite: Der Himmel blau, die Sonne strahlt. Längst haben Ye Mengyuan und Wang Linjia ihre Sitzgurte wieder angelegt. Nur noch wenige Minuten - dann wird das Flugzeug aufsetzen, das Abenteuer USA beginnen.

Schrecklicher Verdacht

Doch plötzlich erschüttert ein lauter Knall die Bordkabine. Wie die örtlichen Rettungskräfte laut "LA Times" später mitteilen, wird der Körper eines der Mädchen aus dem Flugzeug geschleudert, als die Boeing beim Landeanflug eine Grenzmauer zwischen der Landebahn und der Bucht von San Francisco streift. Seine Mitschülerin wird später von Rettungskräften leblos in der Nähe des Wracks gefunden - ganz nahe an einer Rettungsrutsche, über die sich der Rest der Reisegruppe in Sicherheit bringen konnte.

Doch als sich ein Feuerwehrmann über den Körper eines der Mädchen beugt, muss er stutzen: Ihre Verletzungen erinnern ihn an die Opfer von Verkehrsunfällen. Ein schrecklicher Verdacht keimt auf: Hat eines der über dreißig Rettungsfahrzeuge, die in den Minuten nach dem Crash auf das Rollfeld eilten, aus Versehen den Körper der Schülerin überrollt? Und: War sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch am Leben?

Behörden versprechen Aufklärung

Als Joanne Hayes-White, Leiterin der Feuerwehr von San Francisco, am Sonntag vor die Presse tritt, muss sie bestätigen, dass die Verletzungen des Mädchens in genau diese Richtung deuten. "Es könnte eins von unseren Fahrzeugen gewesen sein, oder ein anderes, dass ihr zusätzliche Verletzungen zugefügt hat", zitiert der "San Francisco Chronicle" Hayes-White. Ein erster Eindruck des örtlichen Gerichtsmediziners, Robert J. Foucrault, scheint diesen Verdacht zu bestätigen. Doch vor seinem endgültigen Urteil will Foucrault die Ergebnisse der Autopsie abwarten. "Wenn die junge Dame nach dem Absturz zusätzlich verletzt wurde, sollten alle beteiligten Personen - und die Familie - davon erfahren", sagte Foucrault am Sonntag der "Los Angeles Times".

In der West Valley Christian School haben die Gemeindemitglieder noch am Sonntag eine Andacht für die Hinterbliebenen abgehalten, am Donnerstagabend soll es eine Trauerfeier für die getöteten Mädchen geben. Ihre Weibo-Profilseiten haben sich unterdessen in ein Kondolenzbuch verwandelt. Freunde, aber auch komplett Fremde, hinterlassen letzte, digitale Grüße: "Kleine Schwestern, viel Glück auf eurem Weg in den Himmel!"

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