300 Leute sind in die New York Library gekommen, um die Geschichte von Murat Kurnaz zu hören - einem Fall, der in den USA bislang nur wenige interessierte. Bei der Veranstaltung sprach sein Anwalt mit stern.de über den Grund, warum sich der US-Umgang mit Guantanamo ändern könnte.

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Am Ende sieht man ihn doch noch, in den USA, in der New York Public Library, im South Court Auditorium, wohin etwa 300 Leute gekommmen sind, um seine Geschichte zu hören. Die Geschichte des Bremer Türken Murat Kurnaz und seiner Leidenszeit in Guantanamo. Die Deutschen kennen diese Geschichte schon seit Jahren, in den USA entdecken sie den Fall erst allmählich. Murat Kurnaz wurde jahrelang unschuldig im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba festgehalten und gefoltert. Sein Erlebnisbericht wurde bereits in zwölf Sprachen übersetzt, nun erscheint das Buch in den USA. Es trägt dort den Titel: "Five years of my life: An innocent man in Guantanamo".
Der Schauspieler Wallace Shawn hat an diesem Abend einige Passagen aus dem Buch vorgelesen, die Rockmusikerin Patti Smith hat das Vorwort geschrieben und sogar einen Song für Kurnaz, "Without chance" wird mehrmals eingespielt. Auf der anschließenden Podiumsdiskussion haben Anwälte, Journalisten und Vertreter von Bürgerrechtsorganisationen die menschenrechtswidrige Praxis solcher Lager wie in Guantanamo angeprangert, die Folter mit der Kälte in den Isolationszellen oder die Folter mit der Luftlosigkeit, so dass Gefangene öfter in Ohnmacht fallen. Die Zuhörer schüttelten mehrmals fassungslos den Kopf. Bernhard Docke, der deutsche Anwalt von Murat Kurnaz, erzählte mit bewegenden Worten von der Rückfahrt mit Kurnaz nach dessen Freilassung nach Bremen und wie Kurnaz auf dem Parkplatz einer Raststätte aus dem Auto stieg und dann minutenlang nach oben schaute - es war das erste Mal nach 44 Monaten Haft in einer kleinen Zelle, dass er den Himmel und die Sterne wieder sah. Und nun kommt Murat Kurnaz.
Er erscheint bei seiner Buchpremiere riesengroß auf einem Bildschirm, er richtet auf Englisch eine Grußbotschaft ans Publikum und bedauert, dass er an diesem Abend nicht bei ihnen sein kann. Kurnaz wurde im August 2006 freigelassen, er gilt also nun auch in den USA als unschuldiger Mann, doch das heißt nicht, dass er so einfach in dieses Land einreisen darf. Murat Kurnaz hat, wie alle ehemaligen Guantanamo-Häftlinge, den Status eines "unlawful enemy combattant", eines "feindlichen Kämpfers". Deshalb haben er und sein Bremer Anwalt Bernhard Docke beschlossen, dass er der Buchpremiere lieber fern bleibt. "Wir haben kein Visum beantragt, weil wir uns sicher waren, dass er es nicht bekommen hätte", sagte Bernhard Docke.
Am vorvergangenen Sonntag strahlte der US-Fernsehsender CBS in seinem hoch angesehenen Politikmagazin "60 Minutes" zur besten Sendezeit einen langen Beitrag über den Fall Kurnaz aus. Der Sender wollte mit der Geschichte von Kurnaz das Thema Guantanamo in den anstehenden US-Präsidentenwahlkampf tragen. Doch das Echo auf den Fall und den Beitrag ist kaum zu hören. Von hochrangigen Politikern gibt es keine Statements dazu, die Kandidaten für das Präsidentenamt haben gerade andere Themen und Probleme.
Alle großen Zeitungen in den USA haben über Murat Kurnaz schon berichtet, es wird Buchbespechungen geben, aber bisher ist dieser Fall nicht in den Mittelpunkt einer Debatte gerückt. Und wie US-Bürger auf die Story reagieren, konnte man auf der Webpage von CBS lesen, einige schrieben Kommentare nach dem Motto: Wir hätten den Kerl erschießen sollen, dann könnte er jetzt nicht solche Lügen erzählen.
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Zur Person Murat Kurnaz, 25, wurde in Deutschland zur Symbolfigur für Guantanamo. In dem Lager auf Kuba hielten ihn US-Militärs viereinhalb Jahre als Terrorverdächtigen gefangen. Zuvor hatten sie ihn in Afghanistan gefoltert. Dank des Einsatzes von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) kam der junge Türke aus Bremen im August 2006 frei. Zuvor war die Rückkehr des Gefangenen unter der Regie des damaligen Kanzleramtschefs Steinmeier verhindert worden. Kurnaz lebt heute bei seiner Familie in Bremen. Ein US-Bundesgericht hat bereits entschieden, dass er trotz der widerrechtlichen Inhaftierung in dem Gefangenenlager keinen Anspruch auf Entschädigung hat.