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11. Februar 2004, 10:34 Uhr

Auf dem Pfad der Erleuchtung

Was hält uns im Innern zusammen, wofür leben wir, woran glauben wir? Auf der Suche nach Lebenssinn zieht es immer mehr Deutsche zum Buddhismus. Botschaft der fernöstlichen Religion: Finde zu dir selbst.

Buddhas Mann in Berlin, der Mönch Bhante Medhayo. Hier wurde 1924 das erste deutsche Buddhismus-Zentrum gegründet. Das Haus gehört heute der "German Dharmaduta Society" aus Sri Lanka© Gregor Lengler

Auf der Suche nach Glück hätte Hugo fast seine Frau verloren. Große Liebe, Heirat, Kind. Davon hatte Hugo immer geträumt. Das Leben lief anders. Unzufriedenheit, Streit, er wurde zu einem Ekel. Zwischendurch eine andere Frau, dieselben Probleme. Alkohol, Joggen, nichts half. Irgendwann, die Ehe war fast am Ende, empfahl ihm ein Freund, sich zur Ruhe zu zwingen und Gefühle wie Lust und Zorn, Hass und Ärger zu erforschen. Er sprach von Buddha. Hugo Zimmermann begann zu meditieren.

Das war vor 13 Jahren. Hugo Zimmermann sagt heute, er sei nicht immer glücklich. Aber, so nennt er das, stets "voller Freude". Spürt er Wut in sich aufsteigen, brüllt er nicht gleich los, sondern versucht zu analysieren, woher sein Zorn kommt. "Die Quelle von Glück und Leid", sagt Hugo Zimmermann, "liegt in dir selbst." Der Krankenpfleger, 44 Jahre alt, ist Buddhist. Er geht den "Weg des Mitgefühls und des Respekts für alle Wesen". Ein Weg, der Geduld und Disziplin erfordert. Buddhisten lernen, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Nicht, wie sie sein sollen. Um frei zu werden von Illusion und Erwartung. Um bessere Menschen zu werden.

Das hört sich gut an. Friede, Freude, Buddhafahrt. Eine echt frohe Botschaft für alle, die schlecht drauf sind. Jeder von uns, sagt der Dalai Lama, habe das Potenzial, glücklich zu sein; wir müssten es nur freilegen. Das ist, sehr knapp gesprochen, die Lehre des Buddha.

Ein Charisma wie Nelson Mandela

Ist es ein Wunder, dass in diesen miesen Zeiten immer mehr Menschen einen Sinn suchen? Sich an einem kahl geschorenen Mönch aufrichten, der seine Heimat, aber nicht seinen Humor verloren hat? Heiter zieht er durch die Lande, gütig und weise grinsend, kichernd fast wie ein Kind. Sein Charisma lässt sich nur mit dem des Nelson Mandela vergleichen. Der Global Prayer begeistert vor ausverkauften Hallen und Stadien. Seine Bücher vom Weg zum Glück erreichen Millionenauflagen, selbst "Bild", der Deutschen liebstes Jammerblatt, druckt des Weisen Worte in dicken Balken. Buddhas bester Mann beschert seiner 2500 Jahre alten Lehre einen Boom. Lächelt der Lama, vergessen Deutsche ihre Depression.

Die Zahl buddhistischer Gemeinschaften steigt stetig und schnell: von 15 Gruppen Anfang der 70er Jahre auf über 600 heute. Die Deutschen können zwischen den Hauptrichtungen wählen: "Theravada" aus Sri Lanka, Thailand und Burma, "Zen" aus China, Japan und Korea und dem "Tibetischen Buddhismus", der auch im indischen Ladakh, der Mongolei und in Bhutan gelehrt wird. Die beliebteste Technik ist das "Vipassana", eine Atemschulung, die Achtsamkeit und Einsicht fördern soll.

Es gibt Kurse und Schulungen zu allen Lebenslagen, mal fürs Herz, mal fürs Hirn. Die "Deutsche Buddhistische Union" schätzt die Zahl der praktizierenden Buddhisten auf mehr als 200 000. Was Sympathisanten betrifft, sind es sicherlich Millionen. Traf man sich früher in vollgeräucherten Wohnzimmern, stapeln sich die Sitzkissen heute in bester Lage. Buddhisten kaufen ehemalige Klöster und wagen Wohnprojekte. Im Hamburger Stadtteil St. Pauli bauten junge Leute eine alte Schiffsschraubenfabrik zum spirituellen Zentrum aus, 40 Menschen wohnen um einen klosterähnlichen Innenhof unweit der Reeperbahn. In der Nachbarschaft steht eine evangelische Kirche, niemand weiß, wie sie heißt: Hier zählt das Christentum zum alten Europa.

Viel geschieht, ohne dass es nach außen dringt

Die Laienbuddhisten treffen sich zweimal täglich zur "Medi", zum stillen Sitzen in einer großen lichten Meditationshalle, Väter und Mütter mit Babyphone. Die Anhänger der "Karma Kagyü", einer der großen tibetischen Schulen, errichten überall in Deutschland ähnliche Zentren. Ärzte, Werber und Architekten zählen zu den Unterstützern, viel geschieht, ohne dass es nach außen dringt. Eine Zielgruppe, aufgeklärt und gebildet, um die sich Wirtschaft und Politik wohl balgen würden, wären diese Menschen für Floskeln erreichbar. Nach der Meditation gibt‘s Tee und Kekse, im Sommer Fußball. Manchmal kommt ein tibetischer Meister und spricht über Bewusstsein und Klarheit, vom Loslassen und Anhaften. Die Atmosphäre ist herzlich, Schuhe vor dem stillen Sitzen bitte ausziehen.

Die Hamburger sind Schüler des dänischen Meisters Ole Nydahl, 63, der weltweit schneller Zentren errichtet, als christliche Gotteshäuser dichtmachen. Der ehemalige Boxer lebt seit 1972 aus dem Koffer. Sein Lehrer, der tibetische Meister Löpon Tsechu Rinpoche, hat ihn gebeten, im Westen Still-Gruppen zu gründen. Ole Nydahls Buddhismus ist schick, schnell und nicht verstaubt. Nydahl sagt, man könne auch beim Autofahren meditieren.

Nur knapp hundert Jahre hat der Buddhismus gebraucht, in Deutschland Fuß zu fassen. 1903 gründete der Leipziger Privatgelehrte Karl Seidenstücker den "Buddhistischen Missionsverein". Bald darauf wurde der erste Deutsche buddhistischer Mönch: Anton Güth. 1924 beförderte der Arzt Paul Dahlke eine Gründerzeitvilla in Berlin-Frohnau zu einem buddhistischen Zentrum, in dem heute vor allem Mönche aus Sri Lanka leben. Die deutschen Buddhisten waren damals beeinflusst von den Ideen des Philosophen Arthur Schopenhauer, der 1854 "den Verfall des Christentums" kommen sah: "Dereinst wird sich gewiss indische Weisheit über Europa verbreiten."

Vom Dach der Welt in die norddeutsche Tiefebene

Lange Zeit blieb die Lehre von Ursache und Wirkung Lieblingslektüre elitärer Zirkel, bis Ende der 60er Jahre Hippies und Sinnsucher das Wissen vom Dach der Welt in deutsche Tiefebenen trugen. Literarisch befördert von Hermann Hesse und seinem psychologisch-religiösen Entwicklungsroman "Siddhartha". Es ist die Geschichte des jungen, sinnsuchenden Brahmanensohnes. Hesse ließ sich von seiner Beschäftigung mit der Verflechtung von Philosophie und Religion und seiner Indienreise 1911 inspirieren.

Worte des Buddha "Kein anderer Pfad wie dieser ist‘s Der zur Erkenntnisreinheit führt. Drum wandelt diesen Pfad entlang, Dann wird der Mahr* geblendet sein.

Denn wenn ihr diesem Pfade folgt, Macht ihr ein Ende allem Leid. Gelehrt hab? ich den Pfad, erkannt Wie man vom Stachel sich befreit.

Ihr selber müsst euch eifrig müh‘n, Die Buddhas zeigen bloß den Weg. Wer diesem folget selbstvertieft, Wird aus den Banden Mahrs erlöst."

*"Mahr", im Indischen "Mörder" oder "Tod", ist in der buddhistischen Lehre die Gestalt des Verlangens und der Leidenschaften.

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