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19. März 2007, 17:18 Uhr

Quälereien waren "Höhepunkte der Ausbildung"

Junge Bundeswehrrekruten wurden grausam gequält, doch die angeklagten 18 Ausbilder wollen von Misshandlungen mit simulierten Geiselnahmen nichts gesehen haben. Zudem hätten die "Übungen" zu den "Höhepunkten der Ausbildung" gehört. Von Matthias Lauerer, Münster

Zwei der Angeklagten sitzen mit ihren Anwälten im Prozess um die Rekruten-Misshandlungen bei der Bundeswehr© Friso Gentsch dpa

Eine ruhige, eher geschäftsmäßige Atmosphäre herrscht im Münsteraner Landgericht. Sie passt so gar nicht zu den grausamen Foltervorwürfen gegen 18 Ausbilder der Bundeswehr, die hier angeklagt sind. Folter bei der Bundeswehr? Oder nur ein sommerlicher Spaß, ein "Ausbildungshöhepunkt" wie ein Angeklagter später sagen wird, den die insgesamt 141 jungen Rekruten da erleben durften?

Augen verbunden und Hände gefesselt

Rückblende: Von Juni 2004 bis Oktober 2004 sollen in der Coesfelder Freiherr-vom-Stein Kaserne Wehrdienstleistende bei einer simulierten Geiselnahme gefoltert worden sein. Rekruten wurden die Augen verbunden und die Hände mit Kabelbinder gefesselt. Dann schaffte man sie per Lastwagen zu einer nahen Sandkuhle. Hier kam es zu Mißhandlungen mit einer zehn Liter Wasser fassenden roten Kübelspritze. Beschimpfungen und Stromschläge mit einem Feldtelefon folgten. Einige der Taten wurden sogar auf Foto und Video festgehalten. Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern gemeinschaftliche körperliche Misshandlung Untergebener und entwürdigendes Verhalten vor.

Zunächst sagt einer der drei mutmaßlichen Hauptbeschuldigten, der 34-jährige Hauptmann Ingo S., verheiratet, aus. Blaues Hemd, graues Sakko, kurze Haare. Ruhig und gelassen schildert er die damaligen Ereignisse aus seiner Sicht. Einmal habe er tatsächlich "als Highlight der Ausbildung" eine Geiselnahme genehmigt. Das sei schon richtig. Er selbst hatte über einen halben Tag lang ein ähnliches Prozedere während seiner Ausbildung in der Hamelner Kaderschmiede der Bundeswehr über sich ergehen lassen müssen.

"Das Feindbild hat sich seitdem geändert. Wir wollten auf die aktuelle Lage eingehen." Daher "gefiel mir die Idee, die mir von den beiden Zugführern vorgeschlagen wurde". "Ausgelassen" hätten die nass gespritzten Rekruten später reagiert und hätten sich sogar nach der Aktion bei ihm "bedankt und gelacht". Niemand habe sich beschwert. Und: "Es war ein heißer Tag mit morgendlichen Temperaturen von über 25 Grad."

Das Wässern und Im-Sand-Knien von jungen Männern also nur ein Vergnügen? Der Vorsitzende Richter Mattonet fragt immer wieder gezielt nach. "Überarbeitet" sei Kompaniechef S. gewesen und als er von den Vorwürfen erfuhr, "da habe ich natürlich sofort die Ermittlungen aufgenommen".

Und doch fuhr S. kurze Zeit später in den Urlaub. Nach seiner Rückkehr hätte dann schon der Kommandant in der Sache ermittelt und alle Computer konfisziert. Warum jedoch der Dienstplan der fraglichen Woche im Juni 2004 dann das Datum des 23.11.2004 trägt, er fast fünf Monate später datiert ist, bleibt zunächst unklar. Mit einer Wiederholung der Geiselnahme zu einem späteren Zeitpunkt "habe er nicht gerechnet".

Erst jetzt, fast 45 Minuten nach Beginn der Aussage nimmt S. erschöpft seine silberne Brille ab. Für einen Moment sieht es so aus, als ob Tränen in seine Augen schießen. Der Soldat ringt um Fassung. Doch dann reißt sich der Mann, dessen Karriere bei der Bundeswehr zur Zeit "ruht", wieder zusammen.

Der zweite mutmaßliche Hauptschuldige, Hauptfeldwebel und Zugführer Martin D., 33, liest dann nur eine Erklärung von einem weißen Blatt Papier ab, die es jedoch in sich hat. Fragen des Richters will er auf Rat seines Anwalts Brencken heute nicht beantworten. Kalkweiß im Gesicht, jedoch mit fester Stimme trägt er seine Sicht der Dinge vor.

Er, der "Unteroffizier-Vater, der sich besonders gerne um die Rekruten kümmerte", war von Juni 2003 bis Januar 2004 in Afghanistan. Die Gefangennahmen gehörten dabei mit zum Repertoire. Für Rekruten verbietet die Bundeswehr diese jedoch ausdrücklich. "Wir waren die Vorzeigekompanie des Bataillons und meine Arbeit erfüllte mich mit stolz", so schleudert er es allen im Saal entgegen. "Ein Höhepunkt der Ausbildung sei die Geiselnahme gewesen." "Exzesse" habe er nicht beobachtet. Zudem hätten die beiden Codewörter "Tiffy und Stopp" von jedem Rekruten benutzt werden können, um die Handlungen zu beenden. Doch "niemand habe dies in Anspruch genommen".

Er habe sich "nichts vorzuwerfen", doch, ja von "einem Digitalbild" habe er gehört, dieses jedoch nach Bekanntwerden "sofort wieder löschen lassen". Betrunkene Ausbilder, seien von ihm "sofort wieder weggeschickt worden und hätten nicht an der Aktion teilgenommen." Und überhaupt "habe ich nie mit meinem Stiefel die Hoden eines Rekruten angehoben. Und bedauere es, falls es zu Übergriffen oder Exzessen kam, von denen ich nichts wusste."

Alles gut gelaufen

Stille. Kopfschütteln im Saal. Ingo S. blickt nach dieser Rede entrückt vor sich auf den braunen, dreckigen Teppichboden. Es folgt der Auftritt des mutmaßlichen nächsten Hauptbeschuldigten. Michel H, 32. Sein Anwalt verliest den Text. Fazit: Alles kein Problem, alles gut gelaufen, "aber wenn es zu Übergriffen kam, dann entschuldige ich mich hiermit. Denn menschenverachtendes Verhalten ist mir zutiefst zuwider".

Und so geht der Reigen beim nächsten Beschuldigten munter weiter. Nichts gesehen, nichts gewusst und nichts bemerkt. Aber dennoch schon einmal entschuldigt. Der Korpsgeist der Bundeswehr funktioniert wohl noch immer ganz wunderbar.

Eine Farce, die hier vor Gericht stattfindet. Dies würde gut zu dem passen, was ein Anwalt rauchend und unter dem Mantel der Anonymität in der Sitzungspause berichtete. Noch gestern habe sein Mandant einen Anruf von höchster Stelle der Bundeswehr erhalten. Nach kurzem Small-Talk habe sich der Unbekannte dann mit einem Rat verabschiedet. "Sagen Sie vor Gericht besser nichts!" Im roten Klinkerbau des Landgerichts Münster ging sein Wunsch heute in Erfüllung.

Von Matthias Lauerer, Münster
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
Daisan (20.03.2007, 09:45 Uhr)
Thema verfehlt:
die BW dient zum Zwecke der Verteidigung - eine Verteidigungssituation vermag ich jedoch in Afghanistan nicht erkennen,
somit ist alleine schon der ZWECK nicht gerechtfertigt!
Somit habe ich Respekt vor Soldaten, die in einem offenen Brief an den Verteidigungsminister ihre Zweifel anmelden und sogar mal einen Befehl verweigern. Meuterei? Nein, ziviler Ungehorsam.
Kadavergehorsam und Obrigkeitshörigkeit gehören in die Mülltonne der Geschichte und ich hoffe, daß sich dieser "Ungehorsam" mit der Zeit weltweit ausbreitet. Dies entzöge den Mächtigen jegliche Grundlage für die Realisierung ihrer kranken Machtgier.
Ich zitiere Robert Walser:
Die Grossen sind nicht durch sich selbst groß, sondern durch die andern,
durch alle die, denen es ein Entzücken bereitet, sie als groß zu erklären.
Durch vieler Leute Würdelosigkeit entsteht diese eine überragende Ehre
und Würde.
Durch vieler Leute Kleinheit und Feigheit entsteht diese auf einem Punkt aufgehäufte Summe von Größe und durch vieler Leute Verzicht
auf Macht diese gewaltige Macht.
Ohne Gehorsam ist der Befehlshaber und ohne Diener ist der Herr
nicht möglich.
- Robert Walser – (1878 – 1956)
...ich kann das Gequatsche von Befehl und Gehorsam nicht mehr hören - die Welt wäre eine bessere, wenn die Leute in der überwiegenden Mehrheit ihren "Volksvertretern" ein herzhaftes "L...mich..am...A..." entgegenrufen würden.
Ich habe bei der Bundeswehr auch einige "komische" Dinge erlebt, unter anderem einen Uffz, der vor meinen Augen einem Gefreiten einen schmerzhaften Tritt in den Hintern verpasste. Der Gefreite wollte zuerst Meldung machen, wurde jedoch unter Druck gesetzt und sagte nichts, obwohl ich ihm meine Zeugenaussage anbot. Er ging sogar wo weit, meine Absicht einer Meldung unabhängig von seiner Aussage in Abrede zu stellen.
Da liess ich es. Die Geschichte ging weiter, der Uffz kam auf mich zu und bedrohte mich und da an dem damaligen Standort auch ziemlich seltsame Leute in den etwas höheren Mannschafts- und unteren Offiziersrängen waren, teilte ich dem Uffz sehr drastisch mit, was ich mit ihm körperlich anstelle wenn er mir zu nahe kommt. Anscheinend glaubwürdig. Er hatte mich nie wieder blöd angeredet.
Es ist wichtig sich zu wehren.
Grüsse
Daisan
rud0815 (20.03.2007, 08:42 Uhr)
Durcheinander
Soweit ich es gelesen habe, hadelt es sich bei dieser Ausbildung nicht um eine Grundausbildung, sondern um eine Ausbildung zur Vorbereitung des Auslandeinsatzes.
Da waren dann auch keine Grundwehrdienstleistenden dabei, diese werden nicht ins Ausland geschickt. Es waren bestenfalls freiwillig Längerdienende, also Soldaten, die sich freiwillg gemeldet haben und wissen sollten was sie unterschrieben haben.
Wann und wo sollen denn die Soldaten auf das vorbereitet werden, was sie evtl. im Ausland erwartet?
Oder haben wir doch nur Schönwettersoldaten? Jeder der ins Ausland geht, geht freiwillig und sollte aus meiner Sicht bestmöglich auf seinen Einsatz / seine Arbeit vorbereitet sein.
gerhardrolf (19.03.2007, 23:48 Uhr)
BW-Quälereien
Na, da muss ich ja wohl noch mal.
Allein der Ausdruck Quälerein ist schon ein Lacher. Ein Soldat der nicht lernt über seine eigene Schwäche zu springen, hat bei jeder sich bietenden Gelegenheit Angst und weicht zurück.
Wir haben gerade das beste Beispiel, dass ein Oberstleutnant sein Dienst verweigert, weil er von dem Beschluss des Bundestages nicht überzeugt ist.
Das ist Meuterei im wahrsten Sinne. Und dafür wird er auf einen Druckposten versetzt.
Armes Deuschland. Für das Menschenmaterial und den Nachwuchs an Soldaten ist der Staat verantwortlich. Schauen wir uns an, was heranwächst und welche Motivation vorhanden ist einen militärischen Beruf zu erlernen.
Zur Frage ob ich gedient habe, ich habe länger gedient als dieses Deutschland wieder Einigvaterland sich nennen kann.
Diese Entwicklung zur Gewerkschaftsarmmee, wo jeder entscheidet wann und wo er mit seinem Gewissen Befehle ausführt oder verweigert ist nicht das Geld wert was für die Verpflegung ausgegeben wird.
Spätestens dann, wenn eine Wehr dieses Staates wieder im Feuer liegt, werden wir uns an Einschätzungen führender westlicher und israelischer Militärs erninnern die über deutsches Militär ihre Kampfkraft, Moral, Ausbildungsgüte und vorbildliche Haltung nicht mit Häme sondern mit Bewunderung und Anerkenung geäußert haben.
Gott sei Dank gibt es noch Offizire wie einen General, besser gesagt gab es, der die KSK befehligt und zu einem Eliteverband gemacht hat.
Jede demokratische Armee des Westens bildet härter und gefechtsnaher aus als unser Wehrdienstgewerkschafthaufen.
Was das mit fehlender Demokratie zu tun hat. Aber klingt ja so schön mit diesem Begriff bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit sich ihrer zu bedienen.
Eine Demokratie die nicht wehrhaft ist, eine starke, kampfkräftige, disziplinierte und stolze Armeee oder Wehr hat, ist eine Jammerdemokratie und genau in diese Richtung bewegen wir uns oder sind schon angekommen.
Rosenengel (19.03.2007, 22:03 Uhr)
@gerhardrolf und waelder
Das mit dem braunen Teppich war Ironisch gemeint, sieht es doch so aus, als wenn der Autor des Artikels hier etwas metapherartiges Erfunden hat. "Braun" wie "Braune Vergangenheit". Anscheinend will der Artikel - Autor die Bundeswehrangehörigen eine Geisteshaltung aus dieser Vergangenheit untersetellen, siehe "entrückt".
Ich mag keine amerikanischen Kriegsfilme. Aus verschiedenen Gründen.
pedites (19.03.2007, 21:10 Uhr)
BW-Quälereien
Einsatznahe Ausbildung ist ein zweischneidiges Schwert. Wie weit kann und sollte man gehen? Zum Einen bilden dort junge Menschen andere junge Menschen aus und zum Anderen ist die BW keine Friedensarmee mehr sondern teilweise eine Einsatzarmee. D.h. die Ausbildung ist zu einem großen Teil Garant für das Überleben des Einzelnen, der Gruppe oder des ganzen Zugs. Das ergibt natürlich noch lange keinen Freibrief für sadistische Ausbildungsmethoden. Weiterhin muß man bedenken, daß die BW bzgl. der Personalausstattung zur Zeit wenig Auswahl hat (dem zu begegnen ist allerdings ein anderes Thema) und dort Menschen dienen, denen man Macht über andere verleiht; mit allen fast Konsequenzen.
Der Kommentar von gerhardrolf ist mehr als schwach (wie der reißerische Artikel von stern.de ebenfalls).
@gerhardrolf: Hast Du gedient, als das Du so etwas vom Stapel lassen kannst?
Jack74 (19.03.2007, 21:10 Uhr)
Tat es Not
in der Grundausbildung? Mit Wehrdienstleistenden, bei denen nicht sicher ist, dass sie überhaupt im Ausland eingesetzt werden? Das war unangemessen. Und es ist wie überall. Wenn tatsächlich entsprechend ausgebildet werden muss, weil notwendig zur Vorbereitung: Wenn ich keine professionellen Spezialisten einsetze, die gefestigt höchste ethische Grundsätze erfüllen, gerahmt von unbedingtem Verantwortungsbewußtsein. Und einer jederzeitigen Beobachtung durch Kontrollpersonal. Wir sollten stolz darauf sein, keine amerikanischen Verhältnisse zu besitzen!
waelder (19.03.2007, 20:28 Uhr)
Bundeswehrschinderei
Die bisherigen Kommentare scheinen von Leuten zu stammen, die an "Full Metal Jacket" vermutlich ihre reine Freude hätten.
Demokraten sind sie jedoch auf keinen Fall. Das Grundgesetz beginnt mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Das gilt vor allem für eine Institution die dieses Grundgesetz und das Territorium, in dem es gilt, vor Angriffen von außen schützen soll.
Und die Gerichte haben die Aufgabe, es vor Angriffen von innen zu schützen. Und ich hoffe doch sehr, dass das Gericht in Münster seiner Verfassungspflicht nachkommt!
gerhardrolf (19.03.2007, 19:49 Uhr)
Quäreleien??
So ein Blödsinn. Wo sollen diese Soldaten mal kämpfen, in einer Kaerne oder in der Kneipe. Für das Gefecht wo es hart auf hart geht und Blut fliesst, sind das keine Soldaten. Rosenengel redet oder faselt was von braunen Teppich.
Die Wessis sind eine lasche Gesellschaft. Keine Armee, keine Härte. Uffz. kommen vor Gericht weil sie etwas gefechtsnah versuchten zu auszubilden.
Sinnloser Gewerkschaftshaufen.
Rosenengel (19.03.2007, 18:03 Uhr)
?????????
"Ingo S. blickt nach dieser Rede entrückt vor sich auf den braunen, dreckigen Teppichboden."
Mmmh, na jah, was hatte der Teppich wohl an sich, das Ingo S. "entrückt" wurde und wohin wurde er "entrückt"? Natürlich ein "brauner" Teppich und dreckig dazu.
Ich empfehle dem Münsteraner Landgericht seine Reinigungskräfte auszuwechseln oder noch besser den braunen Teppich gegen einen mit einer weniger belasteten Vergangenheit.
Was uns der Artikelschreiber lehrt ist, seid wachsam, auch bei Teppichen.
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