Für die chinesischen Überlebenden, Verletzten und Helfer ist das Erdbeben noch längst nicht vorbei. Zhu zum Beispiel, Manager einer Computerfirma, hat im Epizentrum geholfen und kommt zurück in seiner alten Welt kaum noch zurecht: Zu sehr hallt das Grauen nach. Aber Zhu erlebt auch Gutes. Von Ellen Deng und Adrian Geiges

Zhu arbeitet eigentlich als Manager einer Computerfirma und hat freiwillig in Chinas Erdbebengebiet geholfen© Ellen Deng
Wir trafen Zhu, als wir selbst nach Hilfe suchten. Die Straßen, die aus dem Dorf Xuankou herausführten, waren von Steinen verschüttet, das Boot der einzige Weg rauszukommen. Wir hörten, bei der Aluminiumfabrik gebe es einen provisorischen Hafen. Auch die Flüchtlinge aus den Bergen von Yingxiu versuchten, von dort mit den Booten von Armee und Polizei nach Chengdu zu kommen, in die Hauptstadt der Provinz Sichuan, eine vergleichsweise sichere Welt.
Hunderte von ihnen standen Schlange. Die Zahl der Boote war begrenzt. Ein Mann mittleren Alters in grauer Uniform kam auf uns zu, erklärte uns höflich, dass auch wir uns in die Schlange stellen müssen, aus Gründen der Fairness. Das war Zhu. Erst später erfuhren wir, dass er weder der "Chef" der Fährstelle ist noch ein Armeeoffizier, sondern ein Freiwilliger, der selbst die Initiative ergriffen hat, Ordnung ins Chaos zu bringen.
Zhu ist eigentlich Manager einer Computerfirma in der idyllischen Großstadt Hangzhou, 2500 Kilometer vom Erdbebengebiet entfernt, außerdem ein erfahrener Bergsteiger. Zwei Tage nach der Katastrophe entschied er sich, nach Sichuan zu gehen und schloss sich dort mit zwei anderen Bergsteigern, sieben Freiwilligen des Roten Kreuzes and einem Hauptmann auf Urlaub zusammen. "Fähige Leute sind gemeinsam stärker", glaubte Zhu.
Sie machten sich auf nach Yingxiu, in die fast völlig zerstörte Kleinstadt im Epizentrum des Bebens. Dort wollten sie bei der Rettung von Verschütteten helfen und selbst gekaufte Medizin verteilen. Die, die in den Ort gekommen waren, um auf eigene Faust Verwandte zu finden, wollten sie überzeugen, dies nicht zu tun, da die Gefahren immer größer wurden: Seuchen, Nachbeben, Erdrutsche.
Aber bald merkte die Gruppe, dass sie auch selbst nicht zur Rettung Verschütteter beitragen konnte. Die Begeisterung in ihren Herzen konnte keinen schweren Zement wegräumen. Zhu sah, wie beschränkt seine Möglichkeiten sind: "Feuerwehrleute und professionelle Rettungsteams trugen die Hauptlast, sogar die Soldaten konnten ihnen nur helfend zur Seite stehen."
Dann wanderten die Freiwilligen weiter, in umliegende Dörfer. Auf dem Weg sahen sie verstreute Helme, von Steinen bedeckte halbe Beine und Arme, deren Hände noch Essenstüten und Wasserflaschen umgriffen - Opfer von Erdrutschen nach dem Beben.
An einer Tankstelle einige Kilometer von der Stadt entfernt machte Zhu die schmerzvollste Erfahrung seines Lebens. "Ich sah einen Polizisten, der seinen beim Erdbeben schwer verletzten Hund hinter sich herzog. Ein schöner Hund mit goldenen Haaren. Seine Augen waren weit offen, er wimmerte noch ein bisschen, aber nichts an seinem Körper war mehr heil, auch die Eingeweide waren offenbar schwer verletzt. Jeder wusste, er liegt im Sterben und wird die Umgebung gefährden, wenn nicht sofort etwas getan wird."
Der Polizist wollte den Hund so begraben, aber Zhu dachte, das würde der kleinen Kreatur noch mehr Qualen bringen. "Es war meine Aufgabe, da der junge Polizist offensichtlich seinem Begleiter nichts antun konnte." Zhu, selbst ein großer Hundeliebhaber, wurde zwangsläufig zum Henker. "Lasst mich der Teufel sein, wenn es sonst niemand machen kann."
"Ich fand einen großen Stein. Der Hund starrte mich an, bevor ich es tat. Ich glaube, er wusste, was ihm geschieht." Ein dumpfer Schlag. Der Hund spuckte Blut. Zhu konnte es nicht ertragen. Er kniete sich auf der Straße nieder, jammerte laut.