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15. November 2011, 15:35 Uhr

Amerikas Beste

Vor zehn Monaten wurde Gabrielle Giffords in den Kopf geschossen, nun ist sie zurück - mit einem TV-Auftritt und einem Buch. Es ist eine Geschichte ganz nach Amerikas Geschmack. Von Katharina Miklis

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Astronaut Mark Kelly und US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords sprechen in einem Interview über ihren schweren Weg zurück ins Leben© Ida Mae Astute/DAPD

Ihre braunen Haare sind kurz geschoren. Die Stimme klingt leise und brüchig, sie ringt nach Worten. Aber Gabrielle Giffords lächelt. Wie dünn die US-Politikerin geworden ist, lässt sich unter ihrem senfgelben Blazer nur erahnen. Mit schmaler Hand streichelt sie ihrem Ehemann Mark Kelly zärtlich über die Glatze und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Mit nur einem Wort antwortet sie auf die Frage der Reporterin, wie sie ihren Mann beschreiben würde: "tapfer".

Es sind die ersten Bilder eines TV-Interviews mit der US-Politikerin, die vor zehn Monaten bei einem Attentat schwer am Kopf verletzt wurde. Der Sender ABC hatte die 41-jährige Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses bei ihrem Kampf zurück ins Leben begleitet, und ihr Porträt nicht nur mit exklusiven Interview-Sequenzen sondern auch mit rührenden Songs und reichlich Pathos untermalt. "Gabby und Mark – Mut und Hoffnung" titelte die ABC die Spezial-Sendung der berühmten US-Moderatorin Diane Sawyer, die am Montagabend zur Primetime - und pünktlich zur Veröffentlichung von Giffords' Memoiren - ausgestrahlt wurde. Das Plakat zur Sendung zeigt einen recht kitschigen Sonnenuntergang in sämtlichen Gold- und Rottönen. Davor das sich küssende Traumpaar – "das Beste, was Amerika zu bieten hat".

Gebrechlich, zart und voller Leben

Neben dem ersten TV-Interview, das die körperlich beeinträchtigte Politikerin gemeinsam mit ihrem Mann, dem NASA-Astronauten Mark Kelly, gibt, sind in der Sendung auch erstmals private Videoaufnahmen aus dem Krankenhaus in Houston zu sehen. Sie zeigen Giffords unglaubliche Genesung, wie sie nach dem Anschlag zunächst wieder sprechen, gehen und sogar nicken lernen musste. Man sieht eine gebrechliche Frau im Rollstuhl, auf ihrer Stirn eine riesige Narbe. Nur schwer ist eine Ähnlichkeit zu der energiegeladenen, blonden Power-Politikerin zu erahnen, die Giffords vor dem Attentat war. "Du sitzt auf einem...", beginnt die Sprachtrainerin einen Satz. Doch alles, was Giffords in dieser Zeit über die Lippen bringt ist: "Löffel". Man sieht eine weinende Frau, die daran verzweifelt, dass ihr die Worte fehlen. Doch es ist auch die Dokumentation eines kleinen Wunders. Tatsächlich ist es beeindruckend, wie die hoffnungsvolle, optimistische Frau ihr Leben zurück erobert und Monate nach dem Unglück mit ihren Pflegerinnen im Krankenhaus zu Cindy Laupers "Girls just wanna have fun" singt.

"Gabrielle Giffords ist zu stark, als dass sie sich von diesem Anschlag besiegen lässt", sagt ihr Ehemann. Tatsächlich wirkt die Politikerin in dem Interview selbstbewusst und fröhlich. Ihr Gang ist nach wie vor schwankend. Statt in ganzen Sätzen antwortet sie mit einzelnen Worten. "Ziemlich gut", fühle sie sich, so Giffords lächelnd. Eine monatelange Therapie ging diesem TV-Interview voraus. Zwei Stunden am Tag trainiere sie hart an ihrer vollkommenen Genesung, so die Abgeordnete. Man merkt, dass sie will, aber noch nicht kann. Von der Reporterin gefragt, ob sie jemals wütend darüber sei, was ihr passiert ist, antwortet Giffords: "No, no, no. Life, life". Nein, es ist das Leben.

Am 8. Januar diesen Jahres hatte ihr ein geistesgestörter junger Mann in der Nähe der Stadt Tuscon im Bundesstaat Arizona, wo die 41-Jährige eine Bürgersprechstunde abhalten wollte, aus rund einem Meter Entfernung in den Kopf geschossen. Die Kugel durchbohrte ihr Gehirn und zersplitterte Schädelknochen. Vor dem Supermarkt wurden auch einer von Giffords Mitarbeitern und Straßenpassanten getroffen. Sechs Menschen starben, darunter ein neunjähriges Kind, dreizehn weitere wurden verletzt. Der Schütze Jared Loughner wurde später wegen psychischer Störungen für nicht verhandlungsfähig erklärt.

Medienhype um Amerikas Traumpaar

Von diesem Attentat und ihrer Rückkehr ins Leben handelt auch das Buch, das heute in die US-Läden kommt. Mark Kelly hat die Geschichte seiner Frau aufgeschrieben, die seit dem Attentat mit einem Schädel-Implantat lebt. In "Gabby - Eine Geschichte von Mut und Hoffnung" schreibt der ehemalige Kommandant der Raumfähre Endevour von dem Schock, als einige Medien seine Frau am 8. Januar für tot erklärten. Er schreibt von den Tagen an ihrem Krankenbett, darüber, dass seine Frau eigentlich wenige Tage nach dem Attentat einen Termin für eine künstliche Befruchtung hatte. Und über die ersten Erinnerungen seiner Frau, zwei Monate nach dem Unglück, die sie mit drei Worten beschrieb: "Schuss. Schock. Angst". Panisch sei sie geworden, als die redegewandte Politikerin merkte, dass sie nicht sprechen kann. Mark Kelly sprach ihr Mut zu, auch als sie noch im Koma lag. Er flüsterte ihr ins Ohr, wie sehr er sie liebe. Und dass sie überleben werde. Das Buch endet mit einer von Giffords selbst geschrieben Seite. In kurzen Sätzen verspricht sie dort: "Ich werde zurückkehren".

Verbunden mit dem Interview und der Bucherscheinung überschlagen sich die US-Medien derzeit mit dramatischen Storys zu dem Paar, deren Schicksal sicherlich keiner Überzeichnung bedarf. Das US-Magazin Esquire hob Mark Kelly beispielsweise als "Amerikaner des Jahres" auf seinen Dezember-Titel. Das Klatschmagazin "People" titelt die "unglaubliche Geschichte" des neuen Traumpaares Amerikas.

Von Katharina Miklis
 
 
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