Genau zehn Jahre ist es her, dass beim Amoklauf an der Columbine Highschool 15 Menschen starben. "Sie steigerten sich in ihre Fantasien rein, sie wollten Gott spielen", sagt Joachim Gaertner im Interview mit stern.de über die beiden Täter. Der Autor hat 25.000 Seiten Material über die Attentäter von Columbine gesichtet, deren Amoklauf auch in Deutschland Nachahmer auf den Plan rief.

Zehn Jahre nach dem Attentat: Trauer in Littleton© Chris Schneider/AP
Alles, was FBI und die Polizei über Dylan Klebold und Eric Harris zusammengetragen haben: Tagebücher, Liebesbriefe, Zeichnungen, Schulaufsätze, Chatprotokolle. Die Dokumente reichen bis in die Kindheit der Täter zurück. Außerdem habe ich alle Protokolle von den Notrufen und von den Vernehmungen mit Freunden und Tatzeugen bekommen.
Kurz vor der Tat hatte Harris geschrieben: "Wenn wir den Tag wider Erwarten überleben, kapern wir ein Flugzeug und lassen es über New York abstürzen." Und das zweieinhalb Jahre vor den Anschlägen vom 11. September: Da gefriert einem das Blut in den Adern. Erschütternd sind auch der unfassbare Hass und die detaillierten Fantasien, wie sie sich ihre Gewaltorgie ausmalten. Sie wollten am liebsten die ganze Menschheit töten.
Das war eine langjährige Entwicklung. Harris hat herzergreifende Kindheitserinnerungen aufgeschrieben, zum Beispiel von einem Tag mit seinem Vater beim Fischen. Da fühlte er zum ersten Mal in seinem Leben wirklich Frieden und Ruhe. Er hatte stark darunter gelitten, dass seine Familie so oft umgezogen war und er immer wieder alle Freunde verloren hatte. Ich habe auch verzweifelte Liebesbriefe gelesen, die er nie abgeschickt hatte. Und Harris berichtete von Mobbing in der Schule.
Das liegt sicherlich an der psychischen Disposition des Einzelnen, wie er mit solchen Problemen umgeht. Klebold und Harris waren sehr einsam, verzweifelt und hasserfüllt. Sie bauten sich eine Fantasiewelt aus Hass, Gewalt und Rache auf, die sie aus Filmen und Computerspielen entlehnten und die sie sehr geschickt von der Außenwelt verbargen. Sie steigerten sich so krankhaft in diese Fantasien hinein, dass sie diese Fantasien Realität werden ließen, wollten Gott spielen. Vielleicht erhofften sie sich dadurch eine Erlösung von dem psychischen Druck.
Im Laufe der Zeit verloren sie ihre Hemmungen. Fachleute sprechen von einem erweiterten Selbstmord: Die Täter fühlen sich wie in einem beklemmenden Tunnel, den sie immer weiter gehen müssen. Es wird immer enger, es gibt aber nur einen Ausweg, der Erlösung verspricht. Es gibt einen ungeheuren Druck, diesen Weg zu gehen. Dann haben sie mit der Welt abgeschlossen.
Solche Menschen wünschen sich einen möglichst spektakulären Abgang. Sie selbst sehen ja ihr Leben als völlig sinnlos an, fühlen sich klein und mickrig. Aber das wollen sie verschleiern. Ihren letzten Akt soll die ganze Welt wahrnehmen. Sie fühlen sich eigentlich überlegen und höherwertiger als alle anderen Menschen.
Ihre Freundschaft bestand schon seit Jahren, sie wurde mit der Zeit immer exklusiver, die beiden isolierten sich immer mehr von anderen. Gerade aufgrund der unterschiedlichen Charaktere entwickelte sich eine fatale Interaktion zwischen den beiden. Sie spielten sich selbst gegenüber Rollen; vor Harris gebärdete sich Klebold als knallharter Typ, der auch über Leichen gehen kann. Aber das war er nicht, wie seine Tagebuchaufzeichnungen verraten.
Das kann man nicht sagen. Sie ergänzten sich gut, erst in ihrem Zusammenspiel entwickelte sich die unheilvolle Dynamik.
Sie haben sich sehr viele Gedanken über allerhand Details gemacht, zum Beispiel wie man möglichst viele Waffen am Körper befestigen kann. Sie haben selbstgebastelte Bomben im Wald ausprobiert und Übungen veranstaltet.
Wirkliche Zweifel nicht. Aber einmal hatte sich Klebold in ein Mädchen verliebt: Das war ein Moment, der ihn von den negativen Gedanken abbrachte. Als es dann nicht klappte, war es wiederum viel schlimmer als vorher. So gab es abschwächende und verstärkende Momente.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Klebold und Harris plötzlich ihren Amoklauf beendeten, warum Columbine viele andere Attentäter zu Nachahmungstaten inspirierte.
Zur Person Kein anderer deutscher Autor hat sich so intensiv mit Eric Harris und Dylan Klebold auseinandergesetzt wie Joachim Gaertner. 25.000 Seiten Ermittlungsmaterial über die Attentäter von Columbine wertete der Münchner aus und verfasste daraus den Dokumentarroman "Ich bin voller Hass - und das liebe ich!".