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20. April 2009, 09:07 Uhr

Das Massaker als Erlösung

Genau zehn Jahre ist es her, dass beim Amoklauf an der Columbine Highschool 15 Menschen starben. "Sie steigerten sich in ihre Fantasien rein, sie wollten Gott spielen", sagt Joachim Gaertner im Interview mit stern.de über die beiden Täter. Der Autor hat 25.000 Seiten Material über die Attentäter von Columbine gesichtet, deren Amoklauf auch in Deutschland Nachahmer auf den Plan rief.

Columbine, Joachim Gaertner, Amoklauf, Ich bin voller Hass, Littleton

Zehn Jahre nach dem Attentat: Trauer in Littleton© Chris Schneider/AP

Herr Gaertner, für Ihr Buch über die beiden Attentäter von Littleton haben Sie 25.000 Seiten gesichtet. Was war das für Material?

Alles, was FBI und die Polizei über Dylan Klebold und Eric Harris zusammengetragen haben: Tagebücher, Liebesbriefe, Zeichnungen, Schulaufsätze, Chatprotokolle. Die Dokumente reichen bis in die Kindheit der Täter zurück. Außerdem habe ich alle Protokolle von den Notrufen und von den Vernehmungen mit Freunden und Tatzeugen bekommen.

Welches Dokument hat sie am meisten erschüttert?

Kurz vor der Tat hatte Harris geschrieben: "Wenn wir den Tag wider Erwarten überleben, kapern wir ein Flugzeug und lassen es über New York abstürzen." Und das zweieinhalb Jahre vor den Anschlägen vom 11. September: Da gefriert einem das Blut in den Adern. Erschütternd sind auch der unfassbare Hass und die detaillierten Fantasien, wie sie sich ihre Gewaltorgie ausmalten. Sie wollten am liebsten die ganze Menschheit töten.

Rührte der Hass aus bestimmten Erlebnissen?

Das war eine langjährige Entwicklung. Harris hat herzergreifende Kindheitserinnerungen aufgeschrieben, zum Beispiel von einem Tag mit seinem Vater beim Fischen. Da fühlte er zum ersten Mal in seinem Leben wirklich Frieden und Ruhe. Er hatte stark darunter gelitten, dass seine Familie so oft umgezogen war und er immer wieder alle Freunde verloren hatte. Ich habe auch verzweifelte Liebesbriefe gelesen, die er nie abgeschickt hatte. Und Harris berichtete von Mobbing in der Schule.

Das sind doch ganz normale Probleme, die Millionen Jugendliche haben. Was machte die beiden zu Attentätern?

Das liegt sicherlich an der psychischen Disposition des Einzelnen, wie er mit solchen Problemen umgeht. Klebold und Harris waren sehr einsam, verzweifelt und hasserfüllt. Sie bauten sich eine Fantasiewelt aus Hass, Gewalt und Rache auf, die sie aus Filmen und Computerspielen entlehnten und die sie sehr geschickt von der Außenwelt verbargen. Sie steigerten sich so krankhaft in diese Fantasien hinein, dass sie diese Fantasien Realität werden ließen, wollten Gott spielen. Vielleicht erhofften sie sich dadurch eine Erlösung von dem psychischen Druck.

Wie kamen sie auf den Plan zu einem Schulmassaker?

Im Laufe der Zeit verloren sie ihre Hemmungen. Fachleute sprechen von einem erweiterten Selbstmord: Die Täter fühlen sich wie in einem beklemmenden Tunnel, den sie immer weiter gehen müssen. Es wird immer enger, es gibt aber nur einen Ausweg, der Erlösung verspricht. Es gibt einen ungeheuren Druck, diesen Weg zu gehen. Dann haben sie mit der Welt abgeschlossen.

Warum haben die beiden dann nicht einfach Suizid begangen?

Solche Menschen wünschen sich einen möglichst spektakulären Abgang. Sie selbst sehen ja ihr Leben als völlig sinnlos an, fühlen sich klein und mickrig. Aber das wollen sie verschleiern. Ihren letzten Akt soll die ganze Welt wahrnehmen. Sie fühlen sich eigentlich überlegen und höherwertiger als alle anderen Menschen.

Klebold soll ein depressiver Typ gewesen sein, Harris der skrupellose Psychopath. Wie fanden sie zueinander?

Ihre Freundschaft bestand schon seit Jahren, sie wurde mit der Zeit immer exklusiver, die beiden isolierten sich immer mehr von anderen. Gerade aufgrund der unterschiedlichen Charaktere entwickelte sich eine fatale Interaktion zwischen den beiden. Sie spielten sich selbst gegenüber Rollen; vor Harris gebärdete sich Klebold als knallharter Typ, der auch über Leichen gehen kann. Aber das war er nicht, wie seine Tagebuchaufzeichnungen verraten.

War Harris die treibende Kraft?

Das kann man nicht sagen. Sie ergänzten sich gut, erst in ihrem Zusammenspiel entwickelte sich die unheilvolle Dynamik.

Wie professionell war die Planung der Tat?

Sie haben sich sehr viele Gedanken über allerhand Details gemacht, zum Beispiel wie man möglichst viele Waffen am Körper befestigen kann. Sie haben selbstgebastelte Bomben im Wald ausprobiert und Übungen veranstaltet.

Kamen ihnen zwischendurch auch mal Zweifel, ob sie die Tat wirklich ausführen sollten?

Wirkliche Zweifel nicht. Aber einmal hatte sich Klebold in ein Mädchen verliebt: Das war ein Moment, der ihn von den negativen Gedanken abbrachte. Als es dann nicht klappte, war es wiederum viel schlimmer als vorher. So gab es abschwächende und verstärkende Momente.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Klebold und Harris plötzlich ihren Amoklauf beendeten, warum Columbine viele andere Attentäter zu Nachahmungstaten inspirierte.

Zur Person

Zur Person Kein anderer deutscher Autor hat sich so intensiv mit Eric Harris und Dylan Klebold auseinandergesetzt wie Joachim Gaertner. 25.000 Seiten Ermittlungsmaterial über die Attentäter von Columbine wertete der Münchner aus und verfasste daraus den Dokumentarroman "Ich bin voller Hass - und das liebe ich!".

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
germinal (21.04.2009, 03:20 Uhr)
Opfer...
...sind auch die Täter! Kein Kind kommt böse auf die Welt. Die Versager sind die anderen, Eltern, Lehrer, peer. Wie weit muß ein junger Mensch (Mann) verzweifeln, um so ein Massaker zu planen, zu realisieren? Die Antwort auf diese Frage werde ich hier im Forum sicher nicht finden.
Bleibt die Frage nach der Schadensbegrenzung! Woher bekommen diese armen Menschen die Werkzeuge für ihre Taten? Warum gebietet niemand der Waffen- Lobby Einhalt? Solange unter den Kopfkissen der Republik 45er liegen dürfen, werden wir Eltern niemals beruhigt unsere Kinder in die Schule bringen können.
Schluß damit!
PazaaR (20.04.2009, 15:11 Uhr)
Amerikanischer Alltag
I don't mean this in a disrespectful way
But Columbine happens in the ghetto every day
wir sollten aufpassen das das nicht auch bei uns zur Realität wird
Yslsl (20.04.2009, 14:52 Uhr)
Columbine
fügt sich in eine lange Serie ähnlicher Attentate auf amerikanischem Boden ein. Wem Erklärunge wie die hier gelieferten (offensichtlich schwachsinnigen wie "die beiden wollten Gott spielen") zu einfach sind sei das Buch "Going Postal" von Marc Ames ans Herz gelegt.
sininen (20.04.2009, 13:36 Uhr)
Aufmerksamkeit
So gut ich es finde, dass die Presse frei ist und frei berichten kann, bekomme ich bei diesem Andenken Zweifel. Könnte es nicht sein, dass diese Aufmerksamkeit auf die Massaker (Amokläufe) mehr Nachahmer darin bestärkt dass es mit solch einer Tat viel posthume Aufmerksamkeit gibt?
Finde ich gefährlich.
Dr.Tonklin (20.04.2009, 12:52 Uhr)
Nichts neues
Dass diese Geschichte zum zehnjährigen Jubiläum ausgegraben wird, war zu erwarten. Ebenso die Tatsache, dass man auch 10 Jahre nach Columbine, dem innerhalb EINES JAHRES geplanten Mordanschlag, immer noch von einem "Amoklauf" spricht, weil das ja so hip und trendy klingt.
Joachim Gärtner hat mit seinem wenig erkenntnisreichen Buch genau den gleichen Fehler gemacht, wie sein US-Kollege Dave Cullen, der vor gut 2 Wochen sein Buch "Columbine" veröffentlicht hat. Man verlässt sich einzig und allein auf die schriftlichen Quellen, deklariert Klebold als Depressiven und Harris als Psychopath, und fertig ist die Erklärung des Unerklärlichen. Andere Quellen werden dabei geflissentlich ignoriert und ausgeblendet, so dass die Frage gestattet sein muss, wem solch ein Buch - und auch dieser Artikel hier bei stern.de - letztendlich nützen soll. Den Opfern? Der Aufklärung? Ganz sicher nicht.
Countryjoe (20.04.2009, 11:43 Uhr)
Hetze und Sensationsgier
Angesichts der aktuellen Hetzkampagne und der Sensationsgier eines hysterischen Mobs wundert es nicht, daß diese Leichen wieder ausgegraben wurden.
Leondriel (20.04.2009, 11:09 Uhr)
Medienecho
Warum ahmen die Jugendlichen dieses Massaker nach? - Unter anderem wegen dem riesigen Medienrummel.
Na, da sind wir doch mal froh, dass der Stern, aus Mangel an aktuellen Amoktaten dann eben den von vor 10 Jahren wieder aufkocht. Natürlich mit mehreren "Siehe auch..."-Links auf die Winnenden-Artikel. Mit einem netten Alibi-Bild der "Trauer um die Opfer" und zwei Seiten allein über die Täter.
Muss denn jeden Tag irgendein Massaker in den Top-News stehen? Ist das interne Vorschrift? Aber wen störts... waren ja doch nur Killerspiele schuld... also macht die Amokläufer weiter mit euren Berichten und Schlagzeilen unsterblich, gebt ihnen post mortem die Aufmerksamkeit, nach der sie so gierten. Auf daß bald ein frischer Amoklauf Material reinbringt und man nicht auf alte Dramen von vor 10 Jahren zurückgreifen muss.
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