. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
5. Juli 2007, 10:14 Uhr

"Engländerin legt einen Deutschen flach"

Eigentlich verstehen sich Deutsche und Türken ganz gut in der Urlaubsmetropole Antalya. Doch kurz vor dem zweiten Gerichtstermin im Fall von Marco W. gibt es heftige Kritik an den deutschen Medien und der Regierung. Ein Ortstermin von Frauke Hunfeld und Metin Yilmaz

In diesem Gericht in Antalya wird Marcos Prozess verhandelt© Yoray Libermann

Die Hitze hat dieses Jahr in der Türkei alle Rekorde gebrochen. Anfang vergangener Woche wurden über 50 Grad in der Sonne gemessen. Da schmolz der Asphalt zwischen Antalya und Kemer. Ausgerechnet während der Hochsaison - nicht gut für Hasan, einen Taxifahrer in Antalya.

Und dann auch noch der Wirbel um den hier inhaftierten 17-jährigen Schüler Marco W. "Was haben wir mit all dem zu tun?", fragt Hasan erzürnt. "Der Junge ist Deutscher, sie Engländerin. Meinetwegen soll er gleich nach Hause!" schimpft er, während er mit seinen Kollegen im Schatten eines Hotelhochhauses an der Mittelmeerküste sitzt und hofft, dass die Hitze am Abend ein wenig abnehmen möge.

Antalya, eine Urlaubsmetropole wie viele

"Antalya, ohne Zweifel die schönste Stadt auf Erden." Mit diesem angeblichen Zitat des Staatsgründers Kemal Atatürk begrüßt der Gouverneur von Antalya die Besucher auf den Internetseiten der Stadtverwaltung, neben Türkisch, Deutsch und Englisch neuerdings auch auf Russisch.

Wer will, kann im Dezember noch baden und wem es im Hochsommer zu heiß wird, der kann auf das nahe gelegene Taurusgebirge mit Gipfeln von über 3000 Metern ausweichen.

"Aus uns wird nichts"

Auf den Straßen Antalyas werden allerlei Waren auf Deutsch, Englisch, Hebräisch oder Russisch feilgeboten. Leicht bekleidete Touristen so weit das Auge reicht. Die Stadt ist nicht zu unterscheiden von vergleichbaren Metropolen in Griechenland, Frankreich, Italien oder Thailand: Kneipen, Discos, junge und schöne Menschen lachen, flirten - Urlaubsstimmung eben.

Hier an der "Türkischen Riviera" zwischen Antalya im Westen (über 650.000 Einwohner) und dem Kap Anamur im Osten verbringen jedes Jahr fast sieben Millionen Touristen ihren Urlaub. Für viele Deutsche ist der Küstenstreifen inzwischen sogar zur zweiten Heimat geworden. Das Verhältnis zwischen den deutschen Einwanderern und Touristen sowie den Einheimischen ist seit Jahrzehnten ausgesprochen gut. Im Dolmuş (Sammeltaxi), im Männercafe oder selbst in schicken Szenelokalen fangen die Debatten oft mit dem Spruch "Adamlar yapiyor abi ya / Die (Deutschen) machen es schon ganz gut!" und enden mit "Bizden adam olmaz! / Aus uns wird nichts!"

Die Rechtsanwältin Deniz Yildirim© Metin Yilmaz

Arrogante Haltung der Deutschen

Doch in diesem Sommer ist die Stimmung gekippt. Die Urlaubsleichtigkeit wird von schweren Tönen belastet. Gewöhnlich werden pro Jahr zehn bis 15 Fälle, bei denen Urlaubsbekanntschaften vor dem Richter enden, geräuschlos abgewickelt. Dafür kennen Konsularbeamte und spezialisierte Anwälte Mittel und Wege. Aber jetzt, seit der Fall Marco W. erst durch die deutschen, dann durch die türkischen Massenblätter in allen Details breitgetreten wurde und zur bilateralen Krise ausgewachsen ist, reagiert nun auch eine breite türkische Öffentlichkeit anders als sonst.

"Es irritiert uns, dass Journalisten, Politiker aber auch Juristen aus Deutschland sich zu dem Fall äußern, ohne sich vorher zu erkundigen, worum es hier überhaupt geht. Es ist eine sehr arrogante Haltung", sagt Deniz Yildirim von der deutsch-türkischen Rechtsanwaltskanzlei in Antalya. Yildirim hat ein Gymnasium in Dortmund besucht, ein Jurastudium in Ankara und ein Aufbaustudium an der Ruhr-Universität Bochum absolviert. Zwischen 1999 bis 2005 hat sie als Rechtsbeistand für türkisches Recht in Dortmund gearbeitet und anschließend ihre Zulassung als Rechtsanwältin in der Türkei erhalten. Seitdem hat sich eine enge Zusammenarbeit mit dem deutschen Konsulat in Antalya, sowie mit der österreichischen Botschaft entwickelt. Viele ihrer Mandanten sind Versicherungen und Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum Europas.

Türkische Kolumne erzürnt Frauenrechtlerinnen

Die unverhohlenen Drohungen von deutschen Politikern und die Verknüpfung des Falles Marco W. mit den EU-Beitrittsbemühungen der Türkei macht sie "fassungslos".

"Man kann, wie alle Gerichtsentscheidungen, auch diese Entscheidung des Gerichtes kritisieren, Marco länger in Haft zu behalten. Es ist aber eine Ermessensentscheidung der Richter, und die kann nun mal nicht per Anweisung des Außenministers geändert werden", sagt Yildirim. Die Behandlung durch die Deutschen empfände die türkische Justiz als eine "Behandlung à la Bananenrepublik".

"Milliyet", einer der auflagenstärksten liberalen Tageszeitungen des Landes, musste diese Woche eine halbe Seite für eine Entschuldigung opfern. Stein des Anstoßes war eine Kolumne des prominenten Journalisten Hasan Pulur, der den Zwischenfall Marco W. mit der Überschrift kommentierte "Eine Engländerin legt einen Deutschen flach, wir sollen den Kummer tragen?" Derya Sazak, der Ombudsman der Zeitung, berichtet, dass der Kolumnist und die Chefredaktion mit erzürnten Reaktionen nicht nur der Frauenrechtlerinnen überschüttet wurden. Dabei wollte Pulur nur die Unabhängigkeit der türkischen Justiz betonen und die Einmischung deutscher Medien und Politiker kritisieren.

Vertreterinnen von MEDIZ, eine Gruppe von Frauen, die aufmerksam die Medien verfolgen, Ärzte, aber auch männliche Leser schrieben an die Redaktion. Ayse Sargin brachte es für viele Leserinnen des Blattes auf den Punkt: "Eine Zeitung, die den Vorwurf eines sexuellen Missbrauchs nicht ernst nimmt, kleinredet, und auf 'flachlegen' reduziert, macht die Opfer mutloser und bestärkt nur die Belästiger und die Vergewaltiger. Dabei ist es wichtig, dass die Männer die Gewalt, der Frauen oft ausgesetzt sind, verstehen und sich mit den Opfern solidarisieren lernen." Chefredakteur Sedat Ergin und Kolumnist Pulur entschuldigten sich für diese "Diskriminierung".

Diese und ähnliche Geschichten sind Zeichen einer neuen Sensibilisierung in der Türkei - und ihrer Auswüchse. Kurz vor der zweiten Gerichtsverhandlung im Fall Marco W. klingelte bei einem Anwalt in Antalya das Telefon. Eine aufgeregte Frauenstimme aus Deutschland schilderte einen Fall, bei dem der Anwalt erst an einen "schlechten Scherz" dachte.

Ihre Tochter mache in Antalya Urlaub mit ihrem Freund. Sie sei in einer Ferienanlage von einem Masseur sexuell belästigt worden. Auf der Polizeiwache, wo sie Anzeige erstatten wollte, habe man aber ihren Freund nicht mit reingelassen. Sie sei sehr besorgt, "aber machen Sie schnell, sonst rufe ich die 'Bild'-Zeitung an". So schnell sah man den Anwalt selten zum Staatsanwalt rennen...

Ein Ortstermin von Frauke Hunfeld und Metin Yilmaz
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Loki-Asgard (10.07.2007, 10:36 Uhr)
@WolfgangWiebke
Es würde mich wirklich interessieren warum das Opfer in UHaft sollte.Die Türkische Justiz mach das schon richtig,sollt Marco überführt werden dann bitte liebe Türken verhängt eine möglichst lange Haftstrafe.
magic_whispering (10.07.2007, 09:15 Uhr)
Marco bekommt kein faires Verfahren
nachdem ich jetzt einwenig versucht habe herauszufinden, was so auch in türkische Zeitung stand, bin ich immer mehr davon überzeugt, dass Marco kein faires Verfahren bekommt.
Staatsanwalt Osman Vuraloglu lässt bewußt Fakten außen vor und läßt weder den deutschen Rechtsanwalt zur Verhandlung zu noch hat er die englische Familie geladen.
Es mussten 2 Gutachten erstellt werden, weil daß 1. Gutachten vielleicht nicht das brachte, was man gern wollte. Auch Gutachter stellen Gutachten so aus, wie sie gewünscht werden und nicht wie sie tatsächlich sein sollten.
An der Aussage von Charlotte ist mächtig etwas faul und trotzdem hielt es der Staatsanwalt nicht für nötig, dieses Mädchen persönlich zu befragen.
Die Motivationen des Staatsanwaltes kann man nur vermuten, die könnten reichen von einmal im Leben sich als "Herr" über Leben und Leben lassen zu fühlen, bis zu einem gewissen "Hass" auf Deutsche.
Das der türkische Rechtsanwalt schon einen Tag früher ein Interview geben konnte, wo er für Haftverlängerung plädieren würde und die auch prompt eintrat, zeigt doch wie korrupt und käuflich die Justiz ist.
Man brauchte keine Beweise oder Zeugen um Marco in Haft zu belassen und somit ist die Türkei leider meilenweit entfernt von einem rechtsstaatlichen Staat.
Mir tut diese ganze Vorgehensweise nur um die Türken leid, die sich ernsthaft bemühem im Jahre 2007 anzukommen und immer wieder gegen Windmühlen anrennen.
Wir in Deutschland bekommen das leider nur zu gut mit, weil wir selbst hier überwiegend anstatt die fortschrittlichen europäischen Türken überwiegend die Hinterwäldler aus Anatolien haben.
Diese schimpfen immer über Deutschland und sagen wieviel besser die Türkei doch ist, kleben aber hier an Deutschland wie "Nissen" im Haar.
Ihnen gefällt es hier nicht, aber sie bleiben trotzdem. Warum wohl?
In meinen Augen einfach nur Menschen, die hier das bessere Leben haben wollen, als sie es in dem Teil ihrer Heimat bekommen.
Sie müssen ja auch gar nichts tun, denn die haben sich hier in ihren Parallelgesellschaften schön eingerichtet. In vielen Städten gibt es Stadtteile die Kleinanatolien gleichen.
Das hätte Deutschland niemals zulassen dürfen.
Sache1 (09.07.2007, 14:43 Uhr)
@muhtesem1, vieles ist relativ
Nun ja, ist es nicht immer schon so gewesen, dass die, welche die Macht haben, bestimmen was richtig und was falsch ist? Je mächtiger, desto mehr trifft dies wohl zu (z.B., USA).
Ohne, dass ich jetzt speziell auf die Situation in der Türkei eingehe.
muhtesem1 (08.07.2007, 15:00 Uhr)
@Sache 1, solange es Menschen wie dich, Sachsenwinni & Co gibt, die aus halben Wahrheiten ganze Lügen formen....
...wird es auch Terror auf dieser Welt geben.Die Türkei behauptet, es gäbe viele Verbündete Länder, die dem Terror gegen die Türkei helfen. EU macht auch nicht mehr,wie zu sagen:"Wie erkennen PKK-Kurden als eine Terrorgruppe",aber unterstützen diese dennoch aus dem Hintergrund.So auch die Amis.Also,was liegt nahe als die Sache selbst in die Hand zu nehmen.Zumal das ein anderes Thema ist.WIR beide wollen ja wegen Marco gegen die Türkei in den Krieg ziehen:-)
Sache1 (08.07.2007, 12:25 Uhr)
@muhtesem1
Da müssten wir uns wohl beeilen muhtesem1 bevor die Türkei dem Irak den Krieg "erklärt" und dort einmaschiert, so wie sie es vor hat...
muhtesem1 (08.07.2007, 00:33 Uhr)
@Sache1,wir sollten der Türkei gleich den Krieg erklären.
Aber dazu bräuchten wir Kämpfer.Wollen wir beide uns freiwillig melden Sache 1?Noch eine Info wg.des Urlaubs.Die Türkei bietet an 4 Meeren über 8000km Strand.Über 350 Pflanzenarten mehr als in Europa und über 150 Pflanzenarten die nur in der Türkei wachsen.Es herrschet immer ein Temperaturunterschied von 59 Grad.Man kann im Winter baden und im Sommer Skifahren gehn...und...und...und bietet in allem mehr als Griechenland bei viel geringerem Kosten.Dann fliegt mal hin wohin ihr wollt*lol*.
didi63 (06.07.2007, 23:11 Uhr)
Überlegungen am Rande
Da musste ich doch neulich erfahren, dass der amerikanische Staat 2 Milliarden (!) Dollar für eine Kampagne ausgegeben hat um die Keuschheit der Jugend zu fördern. Hat aber nichts genutzt, lt. einer Umfrage liegt das Durchschnittsalter der Teens beim 1. Mal bei 14,9 Jahren. (Warum ist das wohl so???). Nun, gewisse Politiker hätten sich jedenfalls die Finger nach so einem "Fall Marco" geleckt, übermittelt das doch klipp und klar die Botschaft: Petting ist strafbar, im Zweifelsfall werden die Fakten gebogen und ein Teilnehmer in eine für die Dauer nicht absehbare Zeit in U-Haft gesteckt - alles klar?
Ach ja, und dann las ich noch, dass Marcos deutscher Anwalt zum Prozess heute nicht zugelassen war. Hurra, es lebe die türkische Justiz!
Ich weiss nicht, wer hier lügt oder nicht, aber anscheinend ist eine faire Behandlung der Beteiligten gar nicht mehr möglich.
Meine 18-jährige Tochter grinst: Ich habe jetzt immer ein kleines Kärtchen dabei, wenn ich angebaggert werde, darauf steht: Mann, ich sehe aus wie 15, bin 13 aber vielleicht lüge ich ja auch!
Einen schönen Abend noch.
Sache1 (06.07.2007, 22:27 Uhr)
Handelt doch Freunde!
Da kann ich nur sagen: Bucht keinen Urlaub mehr in der Türkei! Das trifft eine wichtige Einkommensquelle der Türkei. Auch in Griechenland ist es schön, wenn nicht schöner!
Und bestehen wir doch auf eine Volksbefragung zum EU-Beitritt der Türkei! Handelt, Freunde!
TheWurst (06.07.2007, 21:40 Uhr)
Es ist echt nicht zu glauben...
dass einige hier immer so tun als wäre er ein gestörter Kinderf*cker. Wäre sie 15 gewesen, hätte kein Mensch was gesagt, wenn sie aber 13 ist, aussieht wie 15 und sich als 15 ausgibt, ist er pädophil - hallo, wie unlogisch ist das bitte? Stehen Pädos nicht eher auf jung aussehende Mädchen??
Ich hoffe nur dass man wirklich eindeutige Beweise gegen ihn hat, die es rechtfertigen dass er jetzt noch mal mindestens einen Monat in diesem Drecksloch sitzen darf...
WolfgangWiebke (06.07.2007, 17:25 Uhr)
Gab es die Engländerin gar nicht?
Offensichtlich nicht,denn es findet immer nur eine Vorverurteilung von Marco statt,während die ungeklärten Fragen bei dem mädchen(Alter und frabiges Bändchen sowie ihre Rolle) gar nicht gestellt werden, und wrum ist sie bis zur Klärung nicht auch in U-Haft?Die türkische Justiz ist arrogant wie schon vor Jahrzehnten, so hat die Türkei nichts in der EG zu suchen!
MEHR ZUM ARTIKEL
Fall Marco W. Charlotte M. und die Wut der Briten

Charlotte M. aus England beschuldigt den deutschen Schüler Marco W. sie sexuell missbraucht zu haben. Der 17-Jährige sitzt in einem türkischen Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. Doch wo und wie lebt das 13-jährige Mädchen? mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe