Der Überfall auf einen pensionierten Lehrer in Münchens U-Bahn schockierte durch hemmungslose Brutalität. Die Geschichte des türkischen Täters, bei dem alle Versuche der Jugendhilfe scheiterten, verweist auf ein deutsches Problem. Was tun mit jungen Gewalttätern? Von Rupp Doinet, Markus Götting und Martin Knobbe

Grausam: Donnerstagabend, 20. Dezember. Serkan A. und Spiridon L. haben den pensionierten Schuldirektor Bruno N. nach einem Streit im Zug verfolgt, niedergeschlagen und treten nun auf den am Boden Liegenden ein© DDP
Drei Zimmer, Küche, Bad im Münchner Stadtteil Harthof, dem sogenannten Armenhaus der Stadt. Die Wohnzimmerwände sind rosa gestrichen, im reich verzierten Regal stehen kleine Figuren aus Porzellan. Besucher werden höflich gebeten, ihre Schuhe auszuziehen. Alles sauber wie in einem TV-Spot über glückliche Hausfrauen. Aber die Frau hier am Tisch ist verzweifelt. Am Samstag vor Weihnachten hatte die 62-Jährige im Supermarkt eine Münchner Tageszeitung gekauft und sich von ihrer Tochter übersetzen lassen, was da über zwei junge Männer zu lesen war, die in der U-Bahn-Station Arabellapark einen 76-Jährigen niedergeschlagen und fast zu Tode getreten hatten. "Wie schrecklich", hatte sie gesagt, "was sind das nur für Menschen?" Einer der beiden ist Serkan. Ihr Sohn. Serkan A. ist 20 und in Deutschland geboren, aber türkischer Staatsbürger, und seine Geschichte ist die klassische Biografie eines notorischen jugendlichen Gesetzesbrechers.
Stammgast im Jugendamt und vor Gericht, seine Akte bei der Jugendhilfe ist fast 1000 Seiten dick, sein Strafregister bei der Polizei hat 41 Eintragungen und drei Verurteilungen wegen Raubes, Körperverletzung und Drogendelikten. Zuletzt war er auf Bewährung frei. Serkan wuchs in München in einer aus dem mittelanatolischen Kayseri stammenden Familie auf, die einem orientierungslosen Kind kaum Halt geben kann: der Vater ein gewalttätiger Alkoholiker, die Mutter quasi lebensuntüchtig. Alles hatte man versucht: Heimaufenthalt und therapeutische Angebote, Sozialstunden und Arrest. Aber Jungen wie Serkan, resistent gegen Hilfe, stellen eine Gesellschaft vor die Frage, wie man mit ihnen umgehen soll. Das Überwachungsvideo aus der UBahn-Station ist deshalb so verstörend, weil es alltägliche Gewalt konkret werden lässt. Man sieht, wie Serkan den ersten Schlag führt. Er stürzt sich auf den ahnungslos vor ihm laufenden Mann, schlägt ihn zu Boden, tritt so brachial auf ihn ein, dass er dabei den Schuh verliert; sieht zu, wie sein Komplize den Wehrlosen mit Faustschlägen traktiert, sich von ihm abwendet und Anlauf nimmt, als wollte er einen Strafstoß schießen. Er tritt mit voller Wucht gegen den Kopf. Dann stehlen beide seinen Rucksack, flüchten und lassen ihr Opfer liegen wie ein Stück Abfall. Drei Schädelbrüche diagnostizieren später die Ärzte. Er hat unvorstellbares Glück gehabt.
Der Anlass für die Gewaltexplosion war banal. Der pensionierte Schuldirektor Bruno N. hatte in der U-Bahn die Männer aufgefordert, ihre Zigaretten auszumachen. Sie beschimpften den alten Mann als "Scheißdeutscher", pöbelten: "Sau du"; bespuckten und bedrohten ihn. Am Arabellapark stieg N. aus, nicht ahnend, dass die beiden ihn verfolgen würden. Drei Tage nach der Tat wurden Serkan A. und der 17-jährige Grieche Spiridon L. gefasst. Das Video vom Arabellapark und die Verbindungsprotokolle eines Handys, das die beiden zuvor geraubt hatten, brachten die Beamten auf die Spur. Es folgte der Haftbefehl wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. In der ersten Vernehmung sagte Spiridon L.: "Selbst schuld, was labert der uns auch so an! Wir waren besoffen." Sie legten ein Geständnis ab, dann fragten sie: "War's das? Können wir jetzt gehen?" Die Münchner Kriminalbeamten waren sprachlos angesichts dieser Kälte. Psychologen sprechen von Affektverflachung. Gewaltforscher Thomas Bliesener von der Uni Kiel sagt: "Diese Jugendlichen tun sich schwer, ihre Gefühle zu beschreiben. Wir wissen nicht, ob es ein Defizit in der Sprache ist oder ein Defizit im Erleben.
Es kann sein, dass sie gewisse Gefühle gar nicht kennen." Es gibt nur mir geht es gut oder mir geht es schlecht. Nichts dazwischen. Psychologe Bliesener: "Sie können deshalb die emotionale Tragweite dessen, was sie da tun, manchmal gar nicht erfassen." Genauso wenig wie die Konsequenzen einer Tat - für ihr Opfer und für sich selbst. In dem rosa Wohnzimmer in München-Harthof, da klingt das alles ganz anders. Serkan, der in der Öffentlichkeit der Brutalität ein Gesicht gibt, ist hier: das Kind, der Sohn, der Bruder. Mit 13 hat er noch im Bett der Mutter geschlafen, weil er so ängstlich war. Er war im Fußballverein Eintracht München, besuchte die Grundschule, die Hauptschule, begann eine kaufmännische Lehre, die er abbrach. Seither lebt er von Zuwendungen seiner Bekannten und Verwandten. Seine Freunde sind hauptsächlich Deutsche, die Lehrer waren Deutsche, er träumt in Deutsch. Die Worte "Scheißdeutscher", so hat die Familie gehört und daran klammert sie sich, habe nicht er gesagt, sondern Spiridon. Und den kannte er doch erst seit drei Wochen.
Die jüngere Schwester zeigt Serkans früheres Zimmer. Das große blaue Auge über dem breiten Bett hat er gemalt; mavi boncuk - die blaue Perle. Ein türkisches Glückssymbol. Es soll beschützen vor dem "bösen Blick". Serkan hat getrocknete Rosen an die Wand geklebt und ein Gedicht, das er für die Schwester schrieb. In den vergangenen Monaten war er nur selten daheim, er lebte bei seiner Freundin, die er in den ersten Tagen des neuen Jahres angeblich heiraten wollte und mit der er ein zwei Monate altes Kind hat. Das er, so sagt seine Familie, über alles liebt. Vor drei Wochen aber wurde die Mutter mit der Kleinen in einer Mutter-Kind- Einrichtung untergebracht, zu der Männer keinen Zutritt haben. Für Serkan eine unzumutbare Schikane. Doch seine Freundin, von der es heißt, dass sie Drogen nehme, hat bereits zwei Kinder, die bei Verwandten untergebracht sind. An jenem Donnerstag hatten die Behörden erneut einen Antrag abgelehnt, seine Tochter sehen zu dürfen. Serkan war verzweifelt, er fuhr zum Vater, der ihn auf ein paar Runden Bier einlud. Danach zog Serkan mit Spiridon durch die Kneipen. Angetrunken bestiegen sie die U4.
Frust, der benebelte Kopf, diffuse Männlichkeitsvorstellungen - all das hat wohl den Gewaltexzess ausgelöst. Türkische Jugendliche, sagt der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer, haben oft eine Machismo-geprägte Erziehung. Kommt ihnen jemand quer, nehmen sie die Pose des Kämpfers ein. Im Fall Serkan vermutet Pfeiffer: "Sie haben es nicht ertragen können, dass sie in einem öffentlichen Raum von einem älteren Herrn zurechtgewiesen werden. Die Beleidigung und Herabsetzung ihrer Ehre musste beantwortet werden. Mit brutalstem Niederschlagen." Gerade hat Pfeiffer im Münchner Stadtrat die Ergebnisse einer Langzeitstudie vorgestellt. In mehreren Städten waren über Jahre hinweg Tausende von Jugendlichen befragt worden. Das Ergebnis: "Die Schere im Gewaltverhalten zwischen Deutschen und Nichtdeutschen wächst." Besonders deutlich ist der Unterschied bei Mehrfachtätern. Ihr Anteil unter den nichtdeutschen Jugendlichen ist doppelt so hoch wie unter den deutschen. Als Mehrfachtäter gilt, wer mindestens fünfmal in einem Jahr gewalttätig geworden ist. Und in München ist laut Pfeiffer jeder fünfte männliche türkische Jugendliche ein Mehrfachtäter.
Die Forscher haben eine weitere Beobachtung gemacht: In München ist der Anteil der türkischen Gymnasiasten stark zurückgegangen, von 18,1 Prozent im Jahr 1998 auf 12,6 Prozent im Jahr 2005. In derselben Zeit ist der Anteil türkischer Jugendlicher an der Zahl der Mehrfachtäter um das Doppelte gestiegen. "Wenn die Bildungsintegration sinkt, steigt die Gewalt. Das kann man in München sehr gut sehen", sagt Pfeiffer. Da sitzen sie nun im Wohnzimmer, Kaffee und Gebäck auf dem Tisch: Serkans Mutter mit den Schwestern, 19 und 40 Jahre alt. Sie wollen nicht, dass ihre Vornamen genannt werden; so sehr schämen sie sich. Bei ihnen ist Anwältin Krystina Stelter, die vom Münchner Vormundschaftsgericht vor drei Jahren als Betreuerin für Serkans Mutter eingesetzt worden ist. Krystina Stelter hat Vollmacht über die Konten, betreut die Post der Frau, verhandelt mit Behörden. Es ist nicht ihre Aufgabe, sich auch um Serkan zu kümmern, aber natürlich hat sie oft mit ihm gesprochen. Als "einen introvertierten jungen Mann" beschreibt sie ihn, in seiner Reife zurückgeblieben. "Man kann sich vor ihn hinstellen, ihn schimpfen, und die einzige Reaktion ist, dass er sich schweigend in sich selbst zurückzieht." Das wirke auf den ersten Blick gefühllos, stoisch. Man könnte denken: autistisch.
"Mein Serkan ist kein schlechter Mensch", beharrt die Mutter. Und dann erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, im Mittelpunkt der prügelnde Vater. Wenn Mutter und Töchter von ihm sprechen, werden ihre Augen schmal. Ob er denn nicht reden könne, hat ihn mal die jüngere Tochter gefragt. Ob es immer gleich Prügel sein müssten. Im Jahre 2001 flüchtete die Frau mit den jüngeren Kindern für drei Monate in ein Frauenhaus, im selben Jahr wurde die Ehe geschieden. Der Vater, wegen Körperverletzung und Drogendelikten drei Jahre in Haft, lebt immer noch in München. Knapp entging er einer Abschiebung. Gewalt in der Familie traumatisiert Kinder, vor allem senkt es ihre eigene Hemmschwelle. Wer sein Leben lang mit Schlägen erzogen wurde, hält Prügel für eine geeignete Argumentationshilfe. Kriminologe Pfeiffer sagt, dass Migrantenkinder doppelt so häufig misshandelt werden wie deutsche. "Wir haben auch gefragt, ob die Eltern untereinander prügeln - bei den Türken waren es 27 Prozent, bei den Deutschen waren es sechs."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 02/2008