Sigmar Gabriel über seine Interrail-Tour 1976

18. Juli 2013, 08:27 Uhr

Der stern fragte Prominente: Was war der Sommer Ihres Lebens? Sigmar Gabriel erzählt von seiner Interrail-Tour 1976. Als er sehr schlank war und eine Dose Wurst am Grab Napoléons explodierte. Von Andreas Hoidn-Borchers

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Sigmar Gabriel, Urlaub, SPD, Sommer

Sigmar Gabriel, heute 53, blickt zurück. Damals war er 16 und tourte mit drei Freunden durch Europa. Jeder hatte etwa 200 Mark dabei. Das musste reichen.©

Der "Sommer meines Lebens" war eigentlich der erste Urlaub mit meiner Tochter Marie. Aber ich gebe zu: Zwei Wochen lang unserem Baby am Strand von Ahrenshoop beim Schlafen zuzusehen, fanden vielleicht nur wir Eltern aufregend. Also ein anderer Sommer: 1976. Wir waren vier Jungs. Gerald, Glasi, Dirk und ich. Mit Rucksäcken, Isomatten, Schlafsäcken, Rei in der Tube und dem unbändigen Drang, endlich ohne Aufsicht raus in die Welt zu fahren.

Per Interrail. Ich war 16 Jahre alt und gerade fertig mit der Mittelschule für Knaben. Ich hatte gejobbt, um das Ticket und die dreiwöchige Reise finanzieren zu können. Am Hochofen in der Glasfabrik für 6,23 Mark die Stunde, ein Riesenlohn für einen Jugendlichen. Oder acht Stunden monoton Filzmatten zuschneiden, die Bewegung kann ich heute noch.

Über Goslar, Bentheim an der holländischen Grenze weiter nach Amsterdam. Wir gehörten nicht zur Kiffer-Fraktion, Heineken reichte uns. Wir wollten weiter in die Stadt, von der alle träumten: Paris. Wir haben uns alles angeguckt, vom Eiffelturm bis zum Centre Pompidou. Das waren fantastische Eindrücke für einen Jungen aus kleinen Verhältnissen wie mich.

Eine Szene werde ich nie vergessen. Da wir wenig Kohle hatten, schleppten wir Dosen mit Rotwurst und Leberwurst aus eigener Schlachtung mit. 1976 war ein verdammt heißer Sommer. Nun saßen wir am Dôme des Invalides, diesem französischen Heiligtum, und hebelten eine Wurstdose auf. Die explodierte und saute alles mit flüssiger Rotwurst ein. Wir sind in hohem Bogen rausgeflogen. Also, meine Erinnerungen an Paris sind geprägt von einer explodierenden Dose Rotwurst am Grab Napoleons.

Wir fuhren dann ans Mittelmeer, holten uns unfassbare Sonnenbrände, und wieder zurück, rüber nach Großbritannien. Wales, Plymouth, Schottland, London, alles. Wir schliefen im Zug, im Freien, in Jugendherbergen. In Kensington landeten wir in einem Hostel, in dem es besser war, alle Habseligkeiten nachts an den Körper zu binden.

Wirklich seltsam, diese britischen Pubs

Danach haben wir lieber in Bahnhofshallen übernachtet als in derartigen Bruchbuden. Wirklich schockiert hat uns allerdings etwas anderes: dass die Pubs erst um 17 Uhr öffneten - und um 23 Uhr wieder schlossen. Nachdem die Wurst weg war, haben wir uns hauptsächlich von Weißbrot und Wasser ernährt. Ich vermute, ich war nie wieder so schlank wie in diesem Sommer. Wir hatten ja jeder nur etwa 200 Mark, und die wollten gut überlegt ausgegeben werden: für Heineken oder Karlsberg.

Am Ende landeten wir total pleite wieder in Amsterdam. In der Kantine der Eisenbahner bekamen wir ein Frühstück, die haben sich unser erbarmt, weil wir so abgerissen aussahen. In diesen Sommerwochen hatte ich das erste Mal das Gefühl, erwachsen zu sein. Nur eins fehlte. Wir hatten alle Freundinnen zu Hause und waren - man glaubt es kaum - treu.

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