Keine Schulklingel, mehr Zeit zum Lernen, dazu viel Theater und Musik: Die Wartburg-Grundschule in Münster ist in Berlin von Bundespräsident Horst Köhler zur besten Schule Deutschlands gekürt worden. Außerdem sind sechs weitere Schulen ausgezeichnet worden. Was machen sie besser? stern.de präsentiert die Vorzeigeschulen. Von Catrin Boldebuck

Schüler der Siegerschule, der Wartburg-Grundschule in Münster. Gemeinsames Lernen mit anderen Jahrgängen ist normal© Theodor Barth
In der Grundschule in Münster begegnen sich die 360 Schüler und 40 Pädagogen und Erzieher auf Augenhöhe, alle sind per Du. Die Kinder dürfen mitbestimmen, nicht nur im Schulparlament. "Demokratie wird an dieser Schule ganz groß geschrieben", sagt Enja Riegel. Die ehemalige Leiterin der legendären Helene-Lange-Schule in Wiesbaden ist Mitglied der Expertenjury, die über die Vergabe des Deutschen Schulpreises entscheidet.
Nachdem sie die Wartburgschule zwei Tage lang inspiziert hat, stellt Enja Riegel der Wartburgschule ein hervorragendes Zeugnis aus: "Die Schule ist rundum sehr gut. Jedes Kind ist intensiv bei der Arbeit, mit sehr guten Materialien. Auch geistig behinderte Kinder werden integriert. An allen Ecken Kunst, dazu viel Theater und Musik. Und das alles in einer freundlich gelassenen und ermutigenden Atmosphäre."
Der Bundespräsident zeichnet die Schule aus
Die Wartburg-Grundschule ist deshalb am Mittwoch von Bundespräsident Köhler in Berlin als "Beste Schule Deutschlands" ausgezeichnet worden. Initiatoren des Wettbewerbs sind die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung in Kooperation mit dem ZDF und dem stern. 900 Schulen haben bisher teilgenommen, 250 waren es in diesem Jahr.
Nicht nur beim Schulklima und im Umgang mit der Vielfalt ihrer Schüler, auch bei den Kriterien Leistung, Unterrichtsqualität, Verantwortung und Schulentwicklung, erhielt die Schule hervorragende Noten.
Klassenzimmer mit Rückzugsräumen
Die Schule, das sind vier Häuser, zwei Stockwerke mit flachen Dächern, großen Glasfronten und Holzterrassen. Sie wurden 1996 gebaut. Architekten haben das pädagogische Konzept in Holz, Glas und Stein umgesetzt. "Kinder brauchen Geborgenheit", erklärt Schulleiterin Gisela Gravelaar. "90 bis 100 Kinder sind in einem Haus untergebracht, sie kennen und helfen sich."
Die Häuser sind durch einen langen Gang verbunden und nach Kontinenten benannt: Afrika, Asien, Australien und Europa. Alle Türen haben Fenster - der Unterricht ist offen. Die Klassenräume sind verwinkelt, mit Nischen in die sich die Schüler auf Sofas und Kissen zum Lesen und Arbeiten zurückziehen können. In drei Häusern dauert der Unterricht bis 15.40 Uhr, im Haus Asien endet der Unterricht mittags um 12.40 Uhr.
Das Los entscheidet morgens über den Sitzplatz
Greta und Johanna sitzen im Untergeschoß des Europahauses an einem Tisch. Die beiden Siebenjährigen gehen in die Igel-Klasse. Die Schüler haben keine festen Plätze, sondern ziehen jeden Morgen, wenn sie zwischen 7.30 Uhr und 8.15 Uhr in die Klasse kommen, eine Nummer und suchen sich dann ihren Platz. "Dadurch sitzt man jeden Tag neben jemand anderem. Manchmal auch neben einem Kind, das man nicht so mag. Aber dann lernt man sich besser kennen und mag sich doch", erzählt Greta.
Auf der Tafel steht der Plan für den Tag, heute liest ihn Karolina vor: "1. Tagesplan lesen, 2. Wochenarbeitsplan, 3. Frühstück und Pause, 4. Musik mit Wolfgang, 5. Mittagessen, 6. Was ihr wollt, 7. Faustlos, 8. Knobeleien."
Viel Zeit zum Lernen Gelernt wird in fächerübergreifenden Projekten und nach dem Wochenarbeitsplan, kurz "Wap". Die Kinder bekommen viel Zeit zum Lernen: Der 45-Minuten-Takt wurde aufgehoben, die Stunden dauern 60 Minuten, oft gibt es Doppelstunden. Auch die Schulklingel wurde abgeschafft. Johanna hat sich ihren "Wap" gegriffen. Ein Heft, in dem rund zwanzig Aufgaben für die nächsten zwei Wochen stehen, zum Beispiel Aufgaben im Mathe-Heft lösen oder Übungen im Schreibheft machen. Die Lehrer achten darauf, dass die Kinder alle Fächer gleichermaßen lernen. Wenn Johanna mit ihrem Wap fertig ist, schreibt sie in ihr Heft, wie sie gearbeitet hat: Was ist ihr gut gelungen? Was nicht? "Wenn wir im Wap alles fertig haben, dürfen wir Freiarbeit machen", erklärt Johanna.
Jedes Kind hat Lernziele
Ein Gong ertönt. Felina, steht vor der Tafel, den Gong in der Hand. "Mir ist es hier zu laut", sagt sie. Sofort sind alle 28 Kinder wieder ruhig. Felina geht an ihren Platz zurück und arbeitet weiter. Fachgespräche im Flüsterton sind erlaubt, lautes Gequatsche mit der Freundin nicht.
Greta hat ihre "Lernlandkarte" vor sich ausgebreitet. An einer langen Spur, die sich in Kurven über den DIN-A-3-Zettel schlängelt, stehen ihre Lernziele, abgeleitet vom offiziellen Lehrplan. Da heißt es zum Beispiel: "Ich kann anderen zuhören", "Ich kann eigene Erlebnisse aufschreiben" oder "Ich kann Zahlen bis 100". Einige der Stationen hat Greta bunt angemalt, bei manchen steht "Ja" dahinter, bei einigen "Nein". "Nur Gisela darf die Kreise machen", erklärt Greta. "Ich sage, was ich kann und sie prüft es mit mir." Schulleiterin Gisela Gravelaar unterrichtet zwölf Stunden bei den Igeln. "Wenn ich alles in der Lernlandkarte geschafft habe, dann komme ich zu den Luchsen", erklärt Greta, die jetzt schon ein Jahr bei den Igeln ist. Die Luchse gehen in die Jahrgangsstufe 3 bis 4.
Die Jahrgänge lernen zusammen
Die Kinder lernen jahrgangsübergreifend, das heißt Erst- und Zweitklässler lernen zusammen, die Dritt- mit den Viertklässlern. "Wenn wir etwas nicht verstehen, dann fragen wir ein anderes Kind", erklärt Greta. Erst wenn der Mitschüler nicht weiter weiß, fragen sie einen Lehrer. Alle profitieren von dem Helfer-System: Wer erklärt, der verfestigt sein Wissen. Und im nächsten Jahr sind die Kleinen die Großen und stolz darauf, den Neuen alle Regeln zu erklären und sie beim Lernen zu unterstützen. "Die Kinder kommen mit einem ganz unterschiedlichen Wissensstand zu uns", erklärt Schulleiterin Gravelaar. "Wenn eines bei der Einschulung schon lesen kann, dann hat es das Recht zu lesen." Wer länger als die üblichen zwei Jahre braucht, bleibt ein drittes Jahr in der Lerngruppe.
So wie Luca. Der Zehnjährige ist seit den Sommerferien bei den "Wombats", dem Jahrgang 3 bis 4 im Haus Australien. "Ich war in Mathe nicht so der Kracher, ich bin immer hinterher gehinkt. Deshalb bin ich noch ein Jahr geblieben. Das war nicht schlimm, ich fand es schön in meiner alten Klasse", erzählt er seelenruhig. "In dem Jahr habe ich viel in Mathe gemacht. Und jetzt kann ich es sogar sehr gut." Sein Klassenkamerad Tim dagegen ist erst sieben und hat eine Klasse übersprungen.
Lehrer und Erzieher arbeiten im Team
In allen Klassen arbeiten zwei Grundschullehrerinnen und eine Erzieherin im Team. 29 Kinder mit besonderem Förderbedarf verteilen sich auf fünf Lerngruppen. In den Integrationsklassen gibt es neben der Grundschullehrerin eine Sonderschullehrerin und eine Heilpädagogin. Shirin geht in die Gazellen-Klasse. "Ich kann nicht so gut schreiben", erklärt die Zehnjährige ihr Handicap. Sie braucht Förderung bei ihrer Körpermotorik.
Die Pädagogen-Teams bereiten ihren Unterricht gemeinsam vor. Alle zwei Wochen treffen sich die Kollegen aus den Nachbargruppen. Und einmal im Monat setzen sich alle Lehrer und Erzieher aus dem ganzen Haus zusammen. "Unsere Schule hat den Ruf, dass man hier mehr arbeiten muss als an anderen", sagt Lehrerin Ulrike Ilskensmeier, 42. Ein Wochenende brauche sie schon dazu, die Waps durchzusehen und neue zu schreiben.
"Wir sind eine Leistungsschule."
"Ja, die Lehrer arbeiten hier viel", sagt Schulleiterin Gisela Gravelaar. Aber das findet sie völlig in Ordnung. So kämen schließlich nur die motivierten an ihre Schule. Die Lehrer gestalten ihren Lehrplan selbst und verwalten pro Haus einen eigenen Etat von dem sie Lernmaterialien kaufen. Die Schule bekommt nicht mehr Mittel als andere Ganztagsschulen in Münster.
Mit ihrer Art zu Unterrichten hat die Schule Erfolg: "Wir sind eine Leistungsschule", sagt die Schulleiterin. Obwohl niemand Sitzen bleibt, keiner Zensuren bekommt, statt dessen Seiten lange Berichte über seinen Lernstand, es weder Hausaufgaben noch Klassenarbeiten gibt, herrscht an der Wartburg-Grundschule keine Kuschelpädagogik. Rund 70 Prozent der Schüler wechseln nach der vierten Klasse aufs Gymnasium oder die Gesamtschule, gut 20 Prozent gehen zur Realschule und nur 5 Prozent besuchen eine Hauptschule.
Die Kinder lernen, selbstständig zu lernen
Auch auf den klassischen humanistischen Gymnasien kommen die Schüler gut zurecht, weil sie in der Grundschule gelernt haben selbständig zu lernen, Referate vorzubereiten und vorzutragen. Eine Mutter erzählt beim Info-Tag den neuen Eltern, die ihr Kind an der Wartburgschule anmelden wollen: "Mein Ältester ist inzwischen an der Uni. Jetzt, im Studium schreibt er sich selbst Arbeitspläne zum Lernen, so wie er es hier in der Grundschule gelernt hat."
In Zukunft wollen die Lehrer alle Kinder zusammen unterrichten "Die Schulen sollten mehr Freiheiten bekommen", fordert die Schulleiterin. Sie und ihre Kollegen würden die Grundschulzeit gern um zwei Jahre verlängern, damit sie die Kinder nicht mehr so früh auf die weiterführenden Schulen verteilen müssen. Auch die Noten am Ende der vierten Klasse würden die Lehrer am liebsten abschaffen. "Noten sind ungerecht, sie beschämen die Kinder. Wir brauchen sie nicht", sagt Gisela Gravelaar. Durch die erfolgreiche Teilnahme am Deutschen Schulpreis, so hofft sie, "bekommen wir mehr Spielraum".
Lehrer werden mit dem Vornamen angesprochen
"Unsere Schule hat gleich mehrere Preise verdient", meint Luca von den "Wombats". "Die Lehrer sind sehr nett, wir dürfen sie mit dem Vornamen ansprechen. Wir haben tolle Klettergerüste. Und es gibt keine Hausaufgaben." Auch die Schulpreis-Jury findet: "Von dieser Schule können Praxis, Wissenschaft und Bildungspolitik sehr viel lernen."