Wenn der Papst auf Deutschland-Reise geht, ist sein Privatsekretär, der "George Clooney des Vatikans", dicht an seiner Seite. stern.de hat Monsignore Gänswein besucht. Von Ulrike Posche

Der Deutschland-Besuch des Papstes Benedikt XVI. spaltet die Nation© Boris Roessler/DPA
Signora Posche per il Segretario Personale del Ponteficio Monsignore Gänswein", flüstert der erste Türsteher seinen kostümierten Hintermännern zu. "Per favore", "grazie", "molto gentile", und so weiter, flüstere ich. Die Schweizer Gardisten an der Porta S. Anna, dem Tor in der östlichen Vatikanmauer, wissen natürlich sofort Bescheid. Trotzdem vergleichen sie minutenlang Namen und Listen, Zettel und Telefon. "Prego", sagt dann einer.
Wer mit dem Privatsekretär des Papstes einen Abendspaziergang durch die Gärten dieser heiligen Festung machen will, der muss angemeldet sein. Und Frauen in blauen Hosenanzügen sowieso. Denn es gibt wohl kaum einen Orden, außer der "Schwesternschaft der Fliegenden Hosenanzüge" von Hillary Clinton und Angela Merkel, der Klamotten von "Zara" oder "Boss" erlaubte. Nur Nonnen gehen hier unangemeldet ein und aus. Nicht Zivilistinnen.
Ein Treffen im Vatikan!
Es ist kurz vor neun. Es ist warm. Nur wenig ist noch vom Autolärm zu hören, der Rom durch unzählige Baustellen durchpflügt. Kaum anzunehmen, dass es eine exklusivere Verabredung geben könnte als diese. Höchstens vielleicht mit dem echten George Clooney. May be. Aber ich weiß sehr genau, dass der Besetzungscouch-Clooney viel kleiner ist als der vom Heiligen Stuhl.
Porta S. Anna also.
Ein junger Gardist geht nun voraus, erst über den Hof mit den abgestellten Kleinwagen in scheußlichen Farben, dann links eine Treppe hinauf, über einen gästeklogroßen Innenhof, durch eine Art Hausflur, dann in den nächsten Hof. Silenzio. Über uns ragen nun die rückwärtigen Mauern des Palazzo Apostolico auf, des päpstlichen Palastes. Hoch oben ruht in diesen Stunden der Papst in seinen privaten Gemächern und blickt allein auf die Tauben des Petersplatzes und die opalen schimmernde Kuppe des Domes.
Ab hier übernimmt Vittorio.
Er ist ein heiter gestimmter Gendarm aus Verona, der seine Nachtschicht in einem Verschlag mit Stehpult und Telefon versieht. Er kann kein deutsch, ich kein italienisch. Wir verstehen uns glänzend. Er mag den Papst, sagt er, aber er verehre Don Giorgio. Ein feiner Mann, ein pünktlicher Mann, sagt Vittorio. Und "con senso dell’umorismo", obwohl er Deutscher sei. Nur wenn er aufhöre zu sprechen, wenn er ganz still werde, wenn er kaum grüße, dann sei das ein schlechtes Zeichen beim Monsignore Segretario. Das heiße Ärger, Sorgen, dann mache man lieber einen großen Bogen. Don Giorgio habe ihm zur Hochzeit neulich eine schriftliche Segnung des Heiligen Vaters geschenkt, erzählt Vittorio. Ein nobler Mann! Und dort aus dem kleinen Aufzug werde er gleich rauskommen, der Don, alla nove, puntualmente.
Und so geschieht es. Der Aufzug öffnet sich und entlässt eine Duftwolke aus "Kouros" oder "Antaeus", Yves-Saint-Laurent oder Chanel - eines von beiden. Und darin hurtig über das Pflaster eilend Georg Gänswein im schwarzen Priesterrock mit Salewi-Bergwanderweste, festen Schuhen und großem Don-Giorgio-Strahlen. Man weiß sofort, dass es ein Fehler war, in Ballerinas hier aufzukreuzen.
Wenn Gänswein nämlich "Abendspaziergang" sagt, dann versteht er darunter einen Marsch durch die Botanik. Zu diesem Zeitpunkt hat er erst ein einziges Mal für diesen Tag den heiligen Tempel für eine halbe Stunde verlassen können. Um sieben hat er mit Papst Benedikt die Runde absolviert, die sie täglich über asphaltierte Wege durch die Gärten machen: bis zum Lourdes-Altar und einmal um ihn herum. Dort beten sie den Rosenkranz.
Und dann geht es zurück an die Arbeit, zu den "Essungen", oder zur "Tagesschau", die der Papst sich mit seinen beiden Sekretären ansieht. Sowohl Benedetto wie auch Giorgio wollen über das, was Deutschland bewegt, auf dem Laufenden sein - nicht nur jetzt, vor dem Heimatbesuch. Obwohl Deutschland, wenn Gänswein ganz ehrlich ist, längst kein wichtiges Land mehr ist für die Katholische Kirche. "Es gibt Völker", sagt Gänswein, "da ist das Katholische etwas mehr in den Genen." Apropos Gene. Als der Privatsekretär des Papstes im vergangenen Oktober mitbekam, welche Wellen Thilo Sarrazin mit seinen Thesen schlug, da hat er sich und seinem Chef gleich Sarrazins Buch besorgt. Immer auf der Höhe der Diskussion. "Können Sie denn in den Schuhen überhaupt laufen?", fragt Gänswein halbcharmant, als wir losrennen. "Ich will ja nicht, dass Sie hier als gefallenes Mädchen raushumpeln." Georg Gänswein ist 55. In den Organigrammen der Römischen Kurie rangiert er als "Päpstlicher Ehrenprälat". Kritiker halten den promovierten Theologen für einen Opus-Dei-Mann, denn der oft beinhart argumentierende Priester hielte mit seinen streng traditionellen Lehren selten hinterm Berg.
Ein Boris Becker zum Beispiel ist für so einen natürlich eine Anfechtung. Becker wollte, so hatte er es in Zeitungen groß angekündigt, mit dem Papst nach einer Generalaudienz über Missbrauch und Verhütung reden. Dafür hätten er und Gattin Lilly gern Karten für die erste Reihe der Audienzhalle. La Prima Fila. Natürlich haben sie ihm keine gegeben. Vor solchen Angriffen will der Monsignore seinen Chef schützen. Denn der setze sich schon selbst genug mit diesen, oft quälenden, Themen auseinander. Natürlich auf intellektuell höherem Niveau.
Doch manchmal wundert sich Gänswein, wie gelassen der Papst wegstecke, was trotz des Filters auf ihn einprasselt. Sogar das "Annus horribilis" 2010. Jenes schlimme Jahr, in dem unzählige Missbrauchsfälle durch katholische Kirchenleute bekannt wurden. In dem schwierige Personalentscheidungen zu fällen waren. Stichwort "Mixa". Das Amt sei ja ohnehin kompliziert, sagt Gänswein, mit all den Befindlichkeiten, Erwartungen und Sorgen dieses weltweit operierenden Unternehmens. Im Jahr 2010 hätten bei ihm "gelegentlich die Nerven blank gelegen", sagt der Ehrenprälat.