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Wie eine Urne im Spätkauf landete

Das Paket mit der Urne, darin die Asche ihres Vaters, stand zwischen Getränkekisten und Lebensmittelregalen. Silvia Hohaus holte es ab. Und ist stinksauer auf die pietätlose Post.

Von Anja Lösel

  Silivia Hohaus mit der Urne, in der die Asche ihres verstorbenen Vaters ruht

Silivia Hohaus mit der Urne, in der die Asche ihres verstorbenen Vaters ruht

Es ist ein Alptraum: Der Vater stirbt und wird eingeäschert, der Beerdigungstermin steht fest – und plötzlich ist die Urne weg. Einfach verschwunden auf dem Weg vom Bestatter zum Friedhof.

Genau das ist Silvia Hohaus aus Berlin-Kreuzberg passiert. Und noch viel mehr: Als sie sich auf die Suche nach den sterblichen Überresten ihres Vaters macht, findet sie die Urne in einem türkischen Spätkauf, zwischen Getränkekisten und Lebensmittelregalen.

Ein schlechter Witz? Wenn es nicht so ungeheuerlich wäre, dann könnte sie vielleicht sogar ein wenig schmunzeln, aber dafür ist das alles noch zu nah und zu traurig. Immerhin: "Mein Vater würde sich amüsieren über seinen Ausflug in den Spätkauf", sagt Siliva Hohaus. Obskure Sachen fand er immer toll." Nun ist er selbst in so eine "obskure Sache" reingeraten.

Heinrich Schott starb im Alter von 88 Jahren in einem Pflegeheim in Bad Hersfeld. Dort wurde er eingeäschert. Und weil die Tochter ihren Vater gern in ihrer Nähe begraben lassen wollte, auf dem hübschen Magdalenenfriedhof in Neukölln, ging die Urne am 15. August auf die Reise nach Berlin – per Post vom Bestatter zur Friedhofsverwaltung.

Aber das Paket kam nicht an. Der Beerdigungstermin rückte näher. Silvia Hohaus begann unruhig zu werden und nachzufragen. Bei der Friedhofsverwaltung: keine Urne. Auch keine Benachrichtigung des Paketdienstes DHL. Nichts.

Bei der Post dann die Auskunft: Alles in Ordnung. Das Paket wurde bei einem Nachbarn abgegeben, bei Spätkauf Bulut. Spätkauf, das ist eine Berliner Spezialität: Läden, die bis in die Nacht hinein Zigaretten und Bier, Klopapier und Kekse verkaufen und als Service auch gern mal DHL-Pakete für Empfänger annehmen, die nicht zu Hause sind.

Wie bitte: Die Asche beim Spätkauf?

Wie bitte? Der Vater beim Spätkauf? Silvia Hohaus war entsetzt. Eine Nacht hatte er offenbar schon in dem Laden verbracht. Eine zweite wollte sie ihm und sich auf keinen Fall zumuten. Er musste da raus.

Aber wo war dieser Spätkauf Bulut überhaupt? Rund um den Magdalenenfriedhof gibt es jede Menge Läden, vom Schnäppchenparadies bis zur Spielhalle. Aber keinen Spätkauf Bulut.

Silvia Hohaus recherchierte im Internet und fand eine Adresse: Karl-Marx-Straße 208. Das musste er sein. Also hin. Tatsächlich: eingepfercht zwischen das Musikcafé Viva Polonia und das türkische Lokal Metropol liegt ein Spätkauf. Nicht Bulut steht dran, sondern Kevser. Egal, das musste er sein.

Die Sendungsnummer des Pakets hatte Silvia Hohaus vom Bestatter bekommen. Sie geht also rein in den Laden. Und entdeckt die Urne mit den Überresten ihres Vaters "gestapelt in einem Haufen diverser Pakete, zwischen Otto-Versand und Quelle".

Mit der Urne in die U-Bahn

"Würdelos" findet sie, wie ihr Vater da aufbewahrt wird. Noch dazu ist das Paket eingedrückt: "Das wurde nicht schonend transportiert. Wie der Karton aussieht, wie damit umgegangen wurde, das geht gar nicht."

Siliva Hohaus, Juwelierin von Beruf, ist eine weltgewandte Dame, blond, mit Perlenohrringen und dezentem Goldschmuck. Kurz entschlossen erklärt sie dem Spätkauf-Mitarbeiter, sie wolle "die Urne für den Magdalenenfriedhof abholen". Der zweifelt nicht an ihrer Seriosität und händigt ihr ohne zu zögern das Paket aus. Einfach so. Ohne Abholschein.

"Ich habe mir noch ein wenig Tabak gekauft und bin dann in die U-Bahn gestiegen", erzählt Silvia Hohaus. Mit ihrem Vater auf dem Schoß fährt sie heim. Das Wort "Urne" ist mehrfach in dicken schwarzen Lettern auf den Pappkarton gedruckt. "Die Leute haben mich schon ein wenig komisch angeguckt."

"Jetzt ist Papa bei mir"

Zu Hause nimmt sie den Edelstahlbehälter heraus und stellt ihn auf den Wohnzimmertisch. Zwei Vasen mit roten und weißen Lilien arrangiert sie daneben. Eine dicke Kerze brennt. "Jetzt ist der Papa hier bei mir, und bald hat er ja seine Ruhe."

Ja, das ist gegen das Gesetz. Sie macht sich damit strafbar. "Aber hätte ich ihn dort im Spätkauf lassen sollen? Niemals." Am Tag der Beerdigung wird sie ihn eigenhändig zum Friedhof tragen. "Stellen Sie sich vor, in der Urne wäre die Asche eines gestorbenen Kindes gewesen. Und das landet dann in so einem Kiosk-Laden. Für die Eltern wäre das doch entsetzlich! Sowas darf einfach nie mehr passieren."

Wenn alles vorbei und der Vater unter der Erde ist, will sie einen Beschwerdebrief an die Post schreiben.

Die entschuldigt sich schon mal vorab. "Das war eine Verkettung unglücklicher Umstände", sagt Post-Sprecherin Anke Blenn. "Wir werden unsere Zusteller sensibilisieren, damit so etwas nicht noch einmal geschieht."

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