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Der Fluch des Kennedy-Clans

Sex, Drogen, Tragödien - Mit dem Tod des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy vor 40 Jahren begann der Abstieg einer einzigartigen Familie

Vor 40 Jahren wurde John F. Kennedy ermordet. Mit dem Tod des amerikanischen Präsidenten begann der langsame Abstieg einer einzigartigen Familie, deren Ehrgeiz und Erfolg nur von ihrem Unglück übertroffen wurde

Es sei, so sagte seine Witwe Jacqueline später der Warren-Kommission, die den Mord an ihrem Mann untersuchte, "schrecklich heiß" gewesen an diesem Tag in Texas; es war ein Freitag. "Ich hörte diese schrecklichen Geräusche. Mein Mann hat keinen Ton von sich gegeben. Er hatte einen eigenartigen Gesichtsausdruck, seine Hand war erhoben. Ich sah ein Stück von seinem Schädel, ich erinnere mich, dass es fleischfarben war. Ich erinnere mich, dass ich dachte, er sieht aus, als habe er Kopfschmerzen. Ich sah nur das. Kein Blut oder irgendetwas. Und dann griff er mit seiner Hand nach seiner Stirn und fiel in meinen Schoß." So endet am 22. November 1963 in der Elm Street in Dallas das Leben des John Fitzgerald Kennedy. Als um 13 Uhr Ortszeit die Ermordung des 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten bekannt gegeben wird, legt sich lähmendes Entsetzen über die Welt, so wie seither nie mehr bis zum 11. September 2001.

Die tausend Tage sind Vergangenheit, und die Vergangenheit ist auch deswegen schön, weil sie vergangen ist. Es waren tausend Tage Präsidentschaft, in denen Kennedy die Welt begeisterte, und der Stil triumphierte über die Substanz. Er war der Held der Kuba-Krise und der Abrüstung, er war Held der Deutschen - "Ish bin ein Bearleener". Er war der Schönste, der Reichste, der Vitalste, der Jüngste; seine Amtskollegen Konrad Adenauer, Nikita Chruschtschow, Charles de Gaulle, Harold Macmillan, allesamt geboren im 19. Jahrhundert, schienen im Vergleich zu ihm versteinert an der Regierungsspitze, in Ehren ergraute oder kahle Senioren mit der Ausstrahlung von pensionierten Kapitänen, die in ihrer spärlichen Freizeit Boccia spielten und Strickjacken trugen und ansonsten zeigten, wie schwer die Verantwortung auf ihnen lastete.

Kennedy dagegen segelte sonnengebräunt im offenen Hemd und demonstrierte, dass Macht Spaß macht. Leger legte er die Füße auf den wichtigsten Schreibtisch der Welt und war dabei doch klug und hart und schnell. Die anderen waren Väter der Nation, Kennedy war Vater seiner Kinder, der erste Präsident mit Sex-Appeal und Sexualleben, der einzog ins Weiße Haus mit einer Dreijährigen und einem Säugling, an seiner Seite keine Nina Chruschtschow oder Mamie Eisenhower, sondern die schöne und schmale Jacqueline Bouvier, integraler Bestandteil des Gesamtkunstwerks Kennedy. "Politik ist die größte Show der Welt", sagte viele Jahre später sein Sohn, als er das Magazin "George" lancierte; sein Vater war der Erste, der das bewies.

Wenige wussten, dass dieser scheinbar vor Gesundheit strotzende Präsident in Wahrheit ein schwer kranker Mann war, der täglich Cortison, Testosteron, Antihistamine, Amphetamine, Antibiotika, Codein und Novocain schluckte, um Malaria, Koliken, Rückenleiden und die Addison-Krankheit zu bekämpfen, ein gefährliches Nebennierenleiden. Alle schwiegen über sein manisches Sex-Leben - "Er war wie Mussolini, vom Stil: Hier, gegen die Wand, Signora, wenn sie gerade fünf Minuten Zeit haben", erinnert sich später eine seiner Mätressen - und über seine unendliche Gleichgültigkeit gegenüber Frauen. Als Jackie 1956 eine tote Tochter zur Welt brachte, wollte er seine Ferien in Südfrankreich nicht unterbrechen; später, als Präsident, fragte er ein potenzielles Opfer: "Treffen wir uns im Motel?" - "Ich bin verheiratet!" - "Ich auch. Also wann?" Diskret überging man, dass er tausendundeine Affäre hatte, mit Marilyn Monroe etwa, auch mit Judith Campbell, die zugleich Gespielin zweier Mafiabosse war.

Man verzieh Kennedy die desaströse Invasion der Schweinebucht in Kuba und die Eskalation des Vietnamkrieges, wo er die Zahl der "Militärberater" auf 16 000 aufstockte und erstmals Napalm einsetzen ließ; man vergab ihm auch seine lange Zeit zögerliche Haltung im Kampf gegen die Rassendiskriminierung.

Denn das Leben war ein Fest. Die Kennedys tollten am Strand mit ihren Kindern, bestiegen anmutig Yachten und Flugzeuge, luden die Schönen und die Reichen und die Intellektuellen ins Weiße Haus; es kamen Leonard Bernstein und Pablo Casals, Gore Vidal und Norman Mailer, dazu wurden französischer Wein und perlende Konversation kredenzt. Jackie sorgte für Glanz, Jack für Gloria.

Am 22. November vor 40 Jahren ist die Party vorbei. Und auch die, die damals noch gar nicht geboren waren, kennen die Bilder: Jackie, gekleidet in ein rosa Chanel-kostüm, gebeugt über den Kofferraum der fahrenden Limousine, ihr Mann auf dem Rücksitz, sterbend. Dann: Jackie, noch immer im Chanelkostüm, blutbesudelt, an Bord der "Air Force One" auf dem Weg nach Washington, neben ihr Lyndon B. Johnson, der den Amtseid schwört und vom Vize- zum 36. Präsidenten der USA wird. Zwei Tage später, am Sonntag: Kennedys mutmaßlicher Mörder Lee Harvey Oswald, den Mund zum Schrei geöffnet, als ihn der Nachtclub-Besitzer Jack Ruby bei einem Gefangenentransport vor laufenden Kameras erschießt. Am Montag nach dem Freitag: Die Witwe, steinern, schwarz, verschleiert, flankiert von ihren Schwägern Robert und Edward, an den Händen ihre Kinder Caroline und John. Und natürlich: John, seine Hand erhoben zum Salut für den Vater, dessen Sarg gezogen wird von sechs grauen Pferden, gefolgt von einem Rappen ohne Reiter, ein Paar umgedrehte Stiefel in den Steigbügeln.

Der Tag, an dem sein Vater zu Grabe getragen wird, ist Johns dritter Geburtstag; die Tragik auch im Detail ist ein Merkmal seiner Familie. Der Einzige, der sich in diesen bleiernen Stunden daran erinnert, ist sein Onkel Edward. Und es ist Edward, inzwischen längst Veteran der Friedhöfe und Fauxpas, der 36 Jahre später in der St. Thomas-More-Kirche in Manhattan die Trauerrede auf seinen Neffen hält und sagt: "Er wird für immer in unserer Erinnerung bleiben und in unseren gebrochenen Herzen."

John Jr. wollte mit Frau Carolyn und Schwägerin Lauren im Privatflugzeug nach Cape Cod zur Hochzeit seiner Cousine Rory, auch sie ein vaterloses Kind, geboren sechs Monate nach Roberts Ermordung 1968. Ihre Hochzeit wird zur Totenmesse; vier Tage später birgt man drei Leichen aus 35 Meter Meerestiefe.

Amerika weint über den gefallenen Prinzen. Und weltweit wird wieder einmal gerätselt über den Fluch, der auf den Kennedys zu lasten scheint, jener mächtigen und reichen Dynastie, deren Ehrgeiz so grenzenlos ist wie ihr Unglück und die nun schon in der dritten Generation den Stoff liefert, aus dem Hollywood-Drehbücher und Albträume sind. Die Frauen der amerikanischen Ersatz-Königsfamilie sind fruchtbar und oft furchtbar unglücklich, sie ergeben sich ihren Männern, dem Weihwasser und gelegentlich auch dem Alkohol. Die Männer lenken mit der Souveränität und Selbstsicherheit von Herrschern Flugzeuge, Autos, Frauen, Meinungen und ein Land, sie sind reich, sie sind schön, sie haben eine gleichgültige, aristokratische Art, sich die Erde untertan zu machen. In dieser eigen- und einzigartigen Familie lebt man am offenen Grab und stirbt selten im Bett. Es gibt Mordopfer, Unfalltote, Drogentote, Kindstod, Vergewaltigungsprozesse, Alkoholexzesse.

Die Mythen-Maschine schwankt hin und her zwischen schicksalhafter Tragödie und selbst verursachter Katastrophe, zwischen Hochzeiten und fast genauso vielen Beerdigungen, zwischen Heroismus und Heroinkonsum, zwischen Eleganz und Erbrochenem, zwischen Messe und Mafia, zwischen ewiger Flamme und Quickies mit Flammen, zwischen perfekten Ehen - Joe und Rose, Jack und Jackie, Bobby und Ethel, John und Carolyn - und Affären ohne Ende: Joe und Gloria, Jack und Bobby und Marilyn, Jack und Fiddle und Faddle und Pam und Priscilla und Jill und Janet und Kim und Mary und Mimi und Judith, Bobby und Jackie, und neuerdings auch Carolyn und Michael.

Zur Erklärung bemühen die einen griechische Helden. Andere berufen sich auf Psychiatrie sowie Genetik. In seiner kürzlich erschienenen Grusel-Chronik wartet Autor Edward Klein nicht nur mit neuen tristen Einzelheiten aus der Glamour-Ehe des schönen John und der blonden Carolyn auf - sie kokste, knutschte mit ihrem Ex Michael Bergin und wollte keine Kinder; er wünschte sich einen Sohn, zog frustriert ins Hotel, kaufte sich nach nur 37 Flugstunden eine Piper Saratoga und flog mit der Selbstüberschätzung, die seiner Familie eigen ist, nachts bei Nebel übers Meer und in den Tod. Klein zitiert auch gelehrig "führende Autoritäten auf dem Gebiet des Narzissmus". Diese von ihm bei den Kennedys ferndiagnostizierte Pathologie soll an allem schuld sein, in Tateinheit mit "einer raren Variante des DRD4-7R-Gens", genannt auch "das Abenteuer-Such-Gen".

Die katholischen Kennedys dagegen machen stets nur einen verantwortlich für ihre Schicksalsschläge, nämlich Gott höchstpersönlich. Als Präsident Kennedy während der Totenmesse für seinen Sohn Patrick, der nur zwei Tage alt wurde, die Kirche nicht verlassen will und verwirrt nach dem winzigen Sarg greift, sagt ihm Kardinal Cushing: "Gott ist gut." Er nickt. "Es gibt da oben jemanden, der uns nicht mag", grollt Robert, nachdem sein Bruder Edward im Juni 1964 nach einem Flugzeugabsturz fünf Monate lang schwer verletzt im Krankenhaus liegt. "Gott schickt uns keine Last, die wir nicht tragen können", sagt die Clan-Matriarchin Rose jedes Mal, wenn eines ihrer Kinder vom Himmel fällt oder von Kugeln durchsiebt wird. Die so zierliche wie stahlharte Dame, die sich 104 Jahre Zeit nimmt, um zu sterben, hält nichts von "eitlem Bedauern der Vergangenheit" und hat wenig Verständnis für die Familienmitglieder, die unter den vielen Kreuzen, die der Allmächtige ihnen aufbürdet, in die Knie gehen.

Vier ihrer neun Kinder kommen früh und tragisch ums Leben; stets bewahrt ihre Mutter eisern Haltung. Sie bricht nicht zusammen, als ihr ältester Sohn Joe Jr. 29-jährig bei einem hochriskanten Einsatz als Pilot im Zweiten Weltkrieg stirbt. Den Tod ihrer rebellischen Tochter Kathleen, die mit 28 Jahren bei einem Flugzeugabsturz in den Cevennen ums Leben kommt, sieht sie als göttliche Strafe für deren Sünde, hatte sich Kathleen doch in einen geschiedenen britischen Protestanten verliebt und musste drum ins Fegefeuer. "Wir dürfen nicht zurückschauen", sagt sie nach der Ermordung ihres Präsidenten-Sohnes John. Und als Robert erschossen wird, verwahrt sie sich öffentlich gegen "nutzlose Trauer".

Wenn Rose je hadert, so nicht mit Gott, sondern mit ihrem Mann Joseph, doch das sagt sie erst lange Jahre nach seinem Tod 1969. "Wir hatten alles. Aber Joe hatte kein Quäntchen Bescheidenheit. Ich frage mich, ob er jemals verstand, wie viel ich seinetwegen verloren habe." Joe Kennedy, das ist der Mann, vor dem Roses Vater John Fitzgerald, genannt Honey Fitz, einst mächtiger Bürgermeister von Boston, sie immer gewarnt hatte. Sie heiratet ihn trotzdem, weil sie ihn liebt. Er will sie, weil sie irischer Abstammung ist wie er und für einen Katholiken die beste Partie von Boston. Anschließend betrügt er sie unablässig, insbesondere mit dem Filmstar Gloria Swanson. Seine Ehrgeiz ist immens. Er ist wohlhabend zur Welt gekommen und wird in zwei Jahrzehnten zu einem der reichsten Männer Amerikas, ein rücksichtsloser und charmanter Pirat des Kapitalismus, der Aktien, Banken, Alkohol, Werften, Filmstudios und durchaus auch Wahlen kauft und verkauft, gelegentlich mit Hilfe der Mafia. Seine politischen Ambitionen ruiniert er, als Präsident Roosevelt ihn zum amerikanischen Botschafter in London ernennt, wo er aus seinen Sympathien für Hitler und seinem rabiaten Isolationismus auch dann kein Hehl macht, als schon längst deutsche Bomben auf London fallen. 1940 zitiert Roosevelt ihn zu sich und sagt an- und abschließend: "Ich will diesen Scheißkerl nie mehr sehen."

Fortan konzentriert Joe seinen Ehrgeiz auf seinen Nachwuchs. Von seinen neun Kindern sind acht wohlgeraten. Die Mutter kann mit ihnen wenig anfangen. Wenn sie zu Hause ist in Brookline bei Boston und später in Bronxville nahe New York, oder in den Ferienresidenzen auf Cape Cod und in Palm Beach, führt sie ein strenges Regiment. Doch meistens sucht sie das Weite auf ausgedehnten Europa-reisen oder die Erbauung in Gesellschaft von Kardinälen. "Meine Mutter war entweder in einem Pariser Modehaus oder auf den Knien in irgendeiner Kirche", erzählt John F. Kennedy später über seine Kindheit. "Sie hat mich nie umarmt."

Rose umarmt nur ihre älteste Tochter Rosemary, ein Jahr jünger als John und leicht zurückgeblieben. Sie liebt dieses grünäugige und sommersprossige Kind. Stundenlang spielt sie mit Rosemary Tennis und drückt sie auch in der Öffentlichkeit an sich, "als müsste sie ihre Tochter vor dem Leben bewahren", wie eine ehemalige Nachbarin der Familie sagt. Die Erziehung der übrigen Nachkommen überlässt sie Domestiken und ihrem Mann. Er, nicht sie, ist der emotionale Mittelpunkt der Familie, die er lenkt wie ein Football-Coach. Er will draufgängerische Kinder, zäh wie Leder, hart wie Stahl. "Der Alte schubste Joe, Joe schubste Jack, Jack schubste Bobby, Bobby schubste Teddy, und Teddy fiel auf den Hintern", beschreibt Johns Freundin Inga Arvad später die bizarre Familienidylle. Joes erzieherische Maxime lautet: "Kennedys weinen nicht." Und drum schreitet keiner ein, wenn etwa Joe Jr., der Erstgeborene und Hoffnungsträger der Familie, seinen jüngeren und ewig kränkelnden Bruder John fast täglich windelweich prügelt. Der jüngere Bobby erinnert sich, einmal nachts aufgewacht zu sein, "weil Joe Jacks Kopf an die Wand schlug". Unablässig bombardiert der oft abwesende Vater seine Kinder mit Briefen, lobt, tadelt, treibt sie zu Höchstleistungen an, in der Schule, aber hauptsächlich im Sport. "Das einzig Wichtige war zu gewinnen", so Eunice Shriver, Kind Nummer fünf. "Werde nicht Zweiter oder Dritter, sondern siege, siege, siege." Die Einzige, die dabei nicht mithalten kann, ist Rosemary. Sie ist störrisch, sie ist anders. Sie wird zu einer sinnlichen jungen Frau, die zum Entsetzen ihrer Familie nicht unbedingt zurückschreckt vor "der Sache, von der die Priester predigen, dass man sie nicht tun soll", wie ihre Schwester Kathleen sagt. Joe denkt an seinen Erstgeborenen Joe Jr., den er eines Tages im Weißen Haus sehen will, und schämt sich seiner Tochter, die ihn abgöttisch liebt. "Ich tue alles, um dich glücklich zu machen", schreibt sie ihm. "Ich hasse es, wenn du enttäuscht bist." Doch sie macht ihn nicht glücklich, und er ist enttäuscht. 1941, als Rosemary 23 ist und seine Frau auf Reisen, lässt er eine damals unerprobte und später als "Eispickel-Operation" in Verruf geratene Lobotomie an ihr vornehmen, bei der Verbindungen im Hirn durchtrennt werden. Seither ist sie eine völlig hilflose und geistig schwer behinderte Frau, die aus dem Leben der Kennedys verschwindet und heute 85-jährig in einem Heim bei Milwaukee lebt.

Nicht die toten

Kinder sind die Tragödie in Roses Leben, sondern ihre lebende Tochter. Nach dem Tod ihres Mannes, dem sie nie verzeihen wird, was er Rosemary angetan hat, holt sie sie gelegentlich zu sich nach Cape Cod. Manchmal weint sie, wenn sie ihr wie früher durchs Haar fährt. Nach Joe Juniors Heldentod soll nun John statt seiner ins Weiße Haus. Der fühlt sich zwar "ausgesetzt und verletzlich", doch weil er sich auch später lieber mit Castro oder Chruschtschow als mit seinem Vater anlegt, tritt er an, wird erst Kongressabgeordneter, dann Senator und schließlich Präsident. Die Familie regiert mit: Robert wird Justizminister, Edward übernimmt seinen Senatorensitz, die Schwäger Sargent Shriver und Stephen Smith gehören zum Beraterkreis, und der angeheiratete Hollywood-Schauspieler Peter Lawford fungiert als Ma?tre de Plaisir, indem er Jack und Bob mit Marilyn Monroe bekanntmacht. Denn die Kennedys sind eine Mannschaft. "Wenn mir etwas passiert, übernimmt Bobby, und wenn Bobby etwas passiert, ist Teddy dran", sagt John, als habe er eine dunkle Vorahnung von dem, was kommt. "Wir müssen weitermachen", findet seine Mutter, nachdem er ermordet wurde. Und sie machen weiter. Viereinhalb Jahre nach Kennedys Tod geht sein Bruder Robert ins Rennen, als sei die Präsidentschaft ein Familienerbe. Zu diesem Zeitpunkt ist nichts mehr übrig von Camelot, jener sagenhaften Tafelrunde des Königs Artus, mit der Jack und Jackie ihre Jahre im Weißen Haus verglichen. Eine gewalttätige Dekade hat begonnen. Der Vietnamkrieg traumatisiert die Nation, die Studenten rebellieren, die Ghettos brennen, Malcolm X. wird ermordet und nach ihm Martin Luther King, sowjetische Truppen marschieren in Prag ein. Und Bobby, dieser tiefkatholische und rücksichtslose Moralist, einst begeisterter Mitarbeiter des Kommunistenfressers Joseph McCarthy, der Patenonkel des ersten seiner elf Kinder ist, will Präsident der Flower-Power-Generation werden.

Nach dem Mord

an John ist er zunächst völlig verzweifelt. Er spaziert in den alten Kleidern seines Bruders durch Washington, auf der Flucht vor seinem Zuhause Hickory Hill, seinen tosenden Nachkommen und seiner überdrehten, manisch auf Tennisbälle eindreschenden und ewig schwangeren Frau Ethel, die gern Verteidigungsminister ins Schwimmbad wirft, Staatssekretäre in Kleiderschränke sperrt und Gäste mit Bier begießt. Trost findet er bei Jackie und in der griechischen Mythologie. Bald ist er beseelt von der Vorstellung, er müsse "das unvollendete Werk" des Toten weiterführen. Vom rechten Eiferer mutiert er zum linksliberalen Prediger. Bei öffentlichen Auftritten, die oft gespenstisch sind - bei dem Versuch, den Bruder des Ermordeten zu berühren, zerkratzen Menschen ihm die Arme und zerreißen seine Hemden -, zitiert und interpretiert er beständig den Toten: "Er bemühte sich im Kampf gegen Hunger, Krankheit und Armut auf der ganzen Welt." Das stimmt nicht unbedingt, aber so verwandelt Bobby den brutalen Ehrgeiz seiner Familie in edlen Altruismus. Als er seine Kandidatur bekanntgibt, sagt er: "Es geht um unser Recht auf die moralische Führung des Planeten." Wenige Tage vor den Vorwahlen der Demokraten in Kalifornien prophezeit der französische Schriftsteller Romain Gary seinen Tod. "Er ist zu reich, zu jung, zu attraktiv." Bobby Kennedy gewinnt, bei der Siegesfeier im Ambassador-Hotel in Los Angeles wartet auch auf ihn ein Mann mit einer Waffe. Er stirbt am 6. Juni 1968. Seine gebrochene Familie verlässt den Mythos und landet hart in der Realzeit. Der lange Abstieg der Dynastie beginnt. Patricia Lawford, Kennedy-Kind Nummer sechs, lässt sich von ihrem Mann Peter scheiden und nimmt fortan hauptsächlich Hochprozentiges zu sich, ebenso wie Edwards Frau Joan und andere Familienmitglieder. "Mindestens acht meiner engsten Verwandten gehen täglich zu Treffen der Anonymen Alkoholiker", sagt Roberts Sohn Christopher später der Zeitschrift "Vanity Fair". Jackie heiratet zum Entsetzen der Nation den griechischen Tankerkönig Aristoteles Onassis, nicht schön, dafür aber Krösus, und steigt vom Sockel der Witwenschaft um auf dessen mit Vorhäuten von Walen bezogene Barhocker auf der Yacht "Christina". Caroline und John gedeihen fern von Roberts wilder Brut und werden so normal, wie Kennedys eben sein können. Aus Ethels Tollhaus Hickory Hill wird ein chaotischer Schrein, mit Bildern von Bobby an jeder Wand, Exkrementen von Haustieren in den Ecken und lärmenden, vernachlässigten Kindern überall, die von Dächern herunterspringen und überforderte Dienstboten an Bäume fesseln. Die drei ältesten Söhne Joseph, Robert und David sind traumatisiert und rebellisch, schlecht in der Schule und desorientiert. Die überforderte Ethel traktiert sie mit Haarbürsten und schmeißt sie gelegentlich für Wochen aus dem Haus. "Du trägst eine besondere Verantwortung. Liebe dein Land", hatte Robert seinem ältesten Sohn Joseph in typischer Kennedy-Manier nach Johns Tod geschrieben. 1973 unternimmt er auf Nantucket eine wilde Fahrt mit einem Jeep, die damit endet, dass Davids Freundin Pam Kelly querschnittgelähmt ist. Die Kennedys kaufen sich mit einer Million Dollar frei von jeder Verantwortung. Robert, der seinem Bruder David kurz nach der Ermordung des Vaters seine erste Dosis Meskalin ge- geben hatte, trampt quer durchs Land, nimmt Drogen und wird 1983 wegen Heroinbesitzes verhaftet. Ein Jahr später stirbt David an einer Überdosis Heroin, allein in einem Hotelzimmer in Palm Beach, so allein, wie er als 13-Jähriger in einem Hotelzimmer in Los Angeles gewesen war, wo man ihn vergessen hatte und er stundenlang und fassungslos den Mord an seinem Vater im Fernsehen betrachtet hatte. Kurz vor seinem Tod hatte er ein Foto seiner Tante Rosemary in einer Zeitung gesehen und zu Freunden gesagt: "Mir hätte dasselbe passieren können, wenn mein Großvater noch lebte. Sie war ein Ärgernis; ich bin ein Ärgernis. Sie war ein Hindernis; ich bin es auch." Sein bislang unauffälliger Bruder Michael gerät 1997 in die Schlagzeilen, weil er eine Affäre mit einer 14-Jährigen hat, die auf seine Kinder aufpasst und sich anschließend wegen Alkoholismus in Behandlung begibt. An Silvester kommt er ums Leben, als er auf einer gefrorenen Piste rückwärts Ski läuft, während er und einige seiner Geschwister Football mit einer Wasserflasche spielen, und dabei gegen einen Baum prallt. "Die Geschichte unserer Familie ist eine Geschichte von Menschen, die die Regeln brechen und irgendwann von den Regeln gebrochen werden", sagt Pats Sohn Christopher Lawford, auch er jahrelang süchtig wie sein Vater Peter, der ihm zum 21. Geburtstag ein Fläschchen Kokain geschenkt hatte, wofür er sich artig per Post bedankte. "Danke Dad, es hat leider nicht sehr lange gereicht." Einige von Roses und Joes 26 überlebenden Enkeln, die dank des Trustfonds ihres Großvaters über ein geschätztes Einkommen von fast 100000 Dollar pro Jahr verfügen, versuchen gelegentlich, "dem Volk zu dienen", wie man bei den Kennedys zur Politik sagt, doch das Volk will nicht so recht bedient werden. Roberts Sohn Joseph steigt aus dem Wahlkampf für das Amt des Gouverneurs von Massachusetts aus; Schwester Kathleen verliert in Maryland, vielleicht auch, weil sie so gern erzählt, wie ihr Mann bei der Hausgeburt ihrer Tochter die Fruchtblase durchgebissen und sie den Mutterkuchen im Kühlschrank verstaut habe.

Das ist Lichtjahre

entfernt von Jackies Glamour. Einzig Edwards Sohn Patrick sitzt als Abgeordneter für Rhode Island im US-Repräsentantenhaus; auch er hat eine Entziehungskur wegen Drogensucht hinter sich. Um politisch in die Schlagzeilen zu kommen, müssen die Kennedys der dritten Generation auf Arnold Schwarzenegger zurückgreifen, den neuen Gouverneur von Kalifornien. Doch der ist bloß angeheiratet, weswegen er in den Augen des Clans nur eine Nebenrolle spielen kann, und - schlimmer - in der falschen Partei, nämlich bei den Republikanern. Manchmal beschwört Edward den alten Glanz herauf. "Der Funke glimmt noch, die Reise wird nie enden, der Traum niemals sterben", sagt er bei der Eröffnung der Kennedy-Bibliothek in Boston im Beisein seiner Kinder, Neffen und Nichten. Worauf eine Journalistin bissig schreibt: "Die Zähne schimmern noch, das Haar ist dick, und der Traum wird niemals sterben", und Joes Deszendenten attestiert, sie stammten aus dem "flachen Teil des Kennedy-Gen-Pools". Edward, der einzige Überlebende von einstmals vier Brüdern, ist derjenige, der sich dem Staffellauf verweigert hat. "Sie müssen die Führung übernehmen", wird ihm zugerufen, als er zu Roberts Autopsie fährt. Stattdessen wird aus ihm "ein Unfall, der jederzeit passieren kann", wie ein Journalist notiert, der ihn sturztrunken auf einer Reise nach Alaska erlebt hat. Der Unfall passiert 1969, als der 37-Jährige in Chappaquiddick sein Auto von einer Brücke in einen See fährt und seine Passagierin Mary Jo Kopechne sterbend zurücklässt. Es folgen der Alkoholismus seiner Frau, die Krebserkrankung und Beinamputation seines Sohnes Edward, eine halbherzige und verlorene Präsidentschaftskandidatur und immer wieder bizarre trunkene Episoden mit allerlei Frauen in Hotellobbys und auf Booten. "Oh, sie haben anscheinend ihre Haltung gegenüber Offshore-Bohrungen geändert", kommentiert ein Senats-kollege angesichts eines Fotos von Edward auf einer Dame im Mittelmeer. Die letzte Eskapade passiert 1991, als er mit Sohn Patrick und seinem Neffen Willie Smith zwei Frauen in einer Bar in Palm Beach aufgabelt, von denen die eine später behauptet, Smith habe sie vergewaltigt, und die andere, Edward sei mit nichts als einem Hemd gekleidet durchs Haus gegeistert.

Zugleich ist er seit 41 Jahren höchst erfolgreicher Senator von Massachusetts und einer der großen liberalen Politiker der USA. Und er ist der Letzte. Der Einzige, der übrig geblieben ist, um die vaterlosen Bräute zum Altar zu führen und die Särge der verwaisten Söhne ins Grab zu geleiten. Er war in seinem Leben zu oft auf dem Friedhof, hat zu viele Trauerreden gehalten. Der vorläufig letzte Akt der Kennedy-Tragödie, die zugleich sein Leben ist, ist die Krankheit seiner Tochter Kara, die Lungenkrebs hat. Man wünscht niemandem Edwards Träume.

Stefanie Rosenkranz

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