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Unter Oranienburg liegen noch 300 scharfe Bomben

Geschätzt 20.000 Bomben haben die Alliierten im Zweiten Weltkrieg über Oranienburg abgeworfen. Ein Teil davon liegt noch heute unter der Erde. Und könnte jederzeit explodieren.

Von Katharina Link

Bürgermeister Hans Joachim Laesicke besucht nach der Sprengung im November 2013 den Detonationskrater in Oranienburg. Die Stelle an dem bis vor ein paar Stunden noch "Paules" Haus stand

Bürgermeister Hans Joachim Laesicke besucht nach der Sprengung im November 2013 den Detonationskrater in Oranienburg. Die Stelle an dem bis vor ein paar Stunden noch "Paules" Haus stand

Ein riesiger Krater im Boden. Mitten in der Stadt Oranienburg. Hier stand das Haus von Gunthart "Paule" Dietrich, einem Taxifahrer in Rente. Er hatte keine Gelegenheit, sein Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Zu gefährlich. Unter dem Haus lag eine 500-Kilo-Bombe. Ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, der gezündet werden musste. Sein Sohn zeigt auf den Krater: "Hier fehlen acht Meter Haus. Wir haben hier alles schön gemacht, gestrichen, verputzt, Teppich verlegt. Und nun ist alles Schutt und Asche."

Oranienburg ist seit vielen Jahren ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner. Doch die Stadt birgt ein gefährliches Geheimnis. Unter dem Boden liegen nach Experten-Meinung noch etwa 300 scharfe Bomben. Ein enormes Risiko, auch finanziell, für die Einwohner: Auf dem Schaden, der bei der Beseitigung entsteht, bleiben sie meist selbst sitzen.

Rick Minnich, der Regisseur der Dokumentation "Bombenjäger - Das explosive Erbe Oranienburgs" (rbb, Dienstag, 10.03, 21.00 Uhr) hat ein Jahr vor Ort recherchiert. Über den Fall "Paule" sagt er: "Ich fühlte mich fast ein bisschen schuldig, schließlich kam die Bombe, die sein Haus zerstörte, aus meiner Heimat, der USA." So leiden, 70 Jahre nach dessen Ende, noch immer Generationen unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Der Produzent Stefan Kloos sagt: "Es gibt viele Oranienburgs. Der Film soll eine Art Mahnmal sein."

Bund zahlt nur für Räumung deutscher Bomben

Vor 20 Jahren wurde Hans Joachim Laesicke Bürgermeister der Stadt Oranienburg. Die Suche nach den Bomben wurde zu seiner wichtigsten Aufgabe. Seitdem befindet er sich in einem endlosen Kampf mit der Bürokratie. Denn der Bund beteiligt sich nicht an Kosten und Folgen der Kampfmittelbeseitigung, die in Oranienburg inzwischen zum Alltag gehört. Die Regierung fühlt sich nur für Grundstücke im Bundeseigentum oder alliierter Streitkräfte zuständig. Sowie für alte deutsche Blindgänger - "reichseigene" Munition - wie die Bundesregierung als Antwort auf einen Gesetzesentwurf des Bundesrats mitteilt. Amerikanische, britische oder russische Bomben seien Sache der Länder und Kommunen.

Bei Schadensfällen gelten die allgemeinen Regelungen über die Amtshaftung, heißt es weiter auf eine Anfrage des tagesspiegels. Die greifen aber nur, wenn man dem landeseigenen Kampfmittelbeseitigungsdienst oder welcher Behörde auch immer fahrlässiges Handeln vorwerfen könnte.

Eine für den Bund komfortable Situation - und ein Grauen für Städte wie Oranienburg, die Schulden aufnehmen musste, um den Räumdienst zu bezahlen. Für Paule, der keine Versicherung hat, ist die Situation sogar existenzbedrohlich. Die Stadt richtete ein Spendenkonto für ihn ein und organisierte ein Benefizkonzert mit Bands aus der Region. Das lindert immerhin die erste Not.

100.000 Blindgänger bundesweit

Die Beseitigung der Bomben dauert lang und ist ein unglaublicher Aufwand. Nach aktuellen Schätzungen liegen in Deutschland noch etwa 100.000 Blindgänger unter der Erde. Aber nirgendwo so viele auf so kleinem Raum wie in Oranienburg. Was aber machte die Stadt zum Angriffsziel?

Es ging vor allem um die Auerwerke, in denen Hitler nach der Atombombe geforscht haben soll, die Heinkel-Werke, die Kampfbomber herstellten, und den Bahnhof, über den Rüstungstransporte für ganz Deutschland liefen. Etwa 20.000 Bomben wurden über Oranienburg abgeworfen, davon 4022 mit Langzeitzündern. Diese Zünder verzögerten die Detonation um bis zu 48 Stunden - was ganze Produktionsanlagen lähmte. "Die Menschen wurden demoralisiert. Das Betreten der betroffenen Bereiche war lebensgefährlich", heißt es in einem Gutachten der Uni Cottbus. In Oranienburg leidet inzwischen die vierte Generation unter den Blindgängern.

Eine aufsteigende Rauchwolke im August 2012 über den Dächern von Oranienburg. In der Nähe vom Bahnhof wurde eine weitere Weltkriegsbombe unschädlich gemacht

Eine aufsteigende Rauchwolke im August 2012 über den Dächern von Oranienburg. In der Nähe vom Bahnhof wurde eine weitere Weltkriegsbombe unschädlich gemacht

Hochgefährliche Langzeitzünder

In "Bombenjäger" erklärt Heino Borchert vom Kampfmittelbeseitigungsdienst die Funktion der amerikanischen Langzeitzünder - und warum sie heute noch gefährlich sind. Die Detonation wird durch Aceton im Zünder ausgelöst. Da viele Bomben wegen der Kiesschicht in Oranienburg in die Horizontale gerutscht sind, floss das Aceton nicht direkt auf den Zelluloid-Ring, der die Auslösung bewirkt. Aber: Seine Dämpfe zersetzen ihn, ganz langsam. "Jede Bombe mit einem chemischen Langzeitzünder wird irgendwann detonieren. Definitiv. Aber keiner kann sagen wann. Das macht die Sache hochgefährlich", sagt Borchert.

Anhand von historischen Luftbildern versuchen die Räumdienste Orte zu lokalisieren, an denen noch scharfe Bomben liegen könnten. Die Alliierten flogen im Zweiten Weltkrieg direkt nach der Bombardierung über die Gebiete und dokumentierten die Zerstörung. Nach der Wiedervereinigung hatte das Land Brandenburg die Möglichkeit, solche Aufnahmen aus den Archiven in den USA, Großbritannien und Deutschland zu kaufen. Die Millionen Fotografien waren wahllos in Kisten gepackt und verstaut worden. Der Aufwand, die richtigen Bilder zu finden, war enorm. Nun vergleichen Experten historische und aktuelle Luftbilder, um auf die Fährte der Blindgänger zu kommen.

Betroffene brauchen finanzielle Hilfe

Keine 50 Meter von Paules Krater könnte eine weitere Bombe liegen - auf dem Nachbarsgrundstück. Mit Sonden wird das Magnetfeld in der Erde gemessen. Tatsächlich zeigt sich eine Anomalie. "Es könnte eine Bombe sein, wir wissen es nicht. Es könnte auch nur eine bauliche Struktur sein. Um das herauszufinden müssen wir halt ein Loch in den Boden graben", sagt Geophysiker Jonas Lohmann.

Die Kampfmittelbeseitigung in Oranienburg ist nicht nur mit viel Geld verbunden, für das Brandenburg und die Kommune allein aufkommen müssen. An jedem Gebäude, das sich auf einer scharfen Bombe befindet, hängt auch eine Existenz. Betroffene wie Paule brauchen finanzielle Hilfe. Denn er bezahlt heute den Preis für die Folgen von Hitlers Krieg - der stattfand, bevor er geboren wurde.

"Bombenjäger - Das explosive Erbe Oranienburgs", RBB, Dienstag, 21 Uhr

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