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Die unglaubliche Geschichte der Hannelore Setter

60 Jahre lang lag Hannelore Setter in der Klinik. Zimmer 158 war ihr Zuhause, sie selbst wurde zur guten Seele des Krankenhauses. Die unglaubliche Geschichte einer bemerkenswerten Frau.

Mit 18 wurde Hannelore Setter ins St.-Josef-Stift in Sendenhorst eingeliefert. Sie sollte das Krankenhaus ihr ganzes Leben nicht mehr verlassen. Jetzt ist die ungewöhnliche Patientin im Alter von 79 Jahren gestorben.

Mit 18 wurde Hannelore Setter ins St.-Josef-Stift in Sendenhorst eingeliefert. Sie sollte das Krankenhaus ihr ganzes Leben nicht mehr verlassen. Jetzt ist die ungewöhnliche Patientin im Alter von 79 Jahren gestorben.

Im Krankenhaus liegt niemand gern - schon ein paar Tage wegen eines entzündeten Blinddarms sind manch einem zu viel. Hannelore Setter hat gut 60 Jahre im Krankenhaus verbracht, nahezu bewegungsunfähig und ohne echte Unterbrechung. Sie ist dennoch nicht an ihrem Schicksal verzweifelt. Ein einmaliger Fall in Deutschland, wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft bestätigt. Am vergangenen Mittwoch wurde ihr Zimmer ausgeräumt.

Setter litt an chronischer Polyarthritis, einer Entzündung, die alle Gelenke ihres Körpers betraf und zu deren Versteifung führte. Mit 18 Jahren war die gebürtige Wiedenbrückerin mit dem entzündlichen Gelenkrheuma in die Sendenhorster Fachklinik für Orthopädie und Rheumatologie eingeliefert worden. Setter, die nie in einer eigenen Wohnung lebte, hat die - außer zu seltenen Ausflügen mitsamt Bett - nie mehr verlassen.

Ein schwerer Fall wie dieser ist heute nahezu undenkbar, sagt Ute Heuermann, die Oberärztin, die die Kranke etwa 20 Jahre lang betreute. "Bei ihr ist die Krankheit sehr heftig verlaufen, und die Behandlungsmöglichkeiten, die wir heute haben, waren vor 60 Jahren noch nicht bekannt." Im Regelfall verlassen Rheuma-Patienten die Sendenhorster Klinik nach etwa elf Tagen, in besonders seltenen Fällen sind es mal drei oder vier Wochen.

1500 Mitpatienten kommen und gehen sehen

Am 10. Oktober ist Hannelore Setter 79-jährig gestorben. Zu ihrer Beerdigung kamen Hunderte Trauernde aus ganz ins beschauliche Sendenhorst, wie die "Westfälischen Nachrichten" berichteten. Sie alle gehörten zu einem großen Freundeskreis, den sich Hannelore Setter aufgebaut hatte.

Sie hat, schätzt das Krankenhaus, gut 1500 Mitpatienten kommen und gehen sehen - zu mehreren Hundert von ihnen hielt sie Kontakt. Ihre offene Art, das zugewandte Wesen: Das beschreiben alle, die sie kannten. "Hannelore Setter hat jedes Jahr etwa 400 Weihnachtskarten verschickt", sagt Elisabeth Hölscher, Leitung der Station A 1, auf der Setter in den letzten Jahren lebte. "Und auch mehr als 400 Weihnachtskarten bekommen."

Sie schrieb mit der verkrümmten Hand, konnte aber auch mithilfe einer speziellen Computermaus Mails versenden und im Internet surfen. Seit gut zehn Jahren besaß sie einen PC, finanziert von Freunden, die darum wenig Aufhebens machten. Auch die Kosten für den Krankenhausaufenthalt waren gedeckt, wie das Krankenhaus bestätigt. Einzelheiten dazu unterliegen dem Datenschutz.

Das Bett, ein kleiner Tisch, ein Sessel: Im Krankenzimmer mit der Nummr 158 hat Hannelore Setter beinahe ihr ganzes Leben verbracht.

Das Bett, ein kleiner Tisch, ein Sessel: Im Krankenzimmer mit der Nummr 158 hat Hannelore Setter beinahe ihr ganzes Leben verbracht.

Fernsehen nie vor 20 Uhr

Viele ihrer Freunde - ehemalige Mitpatienten, Krankenschwestern, Ärzte - besuchten die Rheumakranke auch immer wieder in "ihrem" Zimmer mit der Nummer 158: Blumen auf der Fensterbank, eine kleine Stereoanlage, der Ohrensessel in der Ecke und ein Fernseher, "der nie vor acht Uhr abends eingeschaltet werden durfte", wie Hölscher erzählt. Dafür war Setter offenbar ihre Zeit zu schade. Sie malte, stickte, rätselte lieber. Wie sie das schaffte, das ist den Mitarbeitern des St. Josef-Stifts immer noch ein Rätsel. Hannelore Setter konnte die Arme nur noch ein bisschen bewegen - gerade so weit, dass die Gabel in den steifen Händen den Mund erreichen konnte.

Die ehemalige Stationshelferin Elfie Bloch, seit gut vier Jahren in Rente, kam immer noch regelmäßig, frisierte die sehr auf eine gepflegte Erscheinung bedachte Hannelore Setter und brachte frische Wäsche. Auch Hildegard Flüchter besuchte Setter nach einem freiwilligen Sozialen Jahr vor 39 Jahren regelmäßig mit ihrem Ehemann Wilfried. Sie verbrachten ganze Nachmittage in Zimmer 158, spielten Scrabble, hörten Musik und unterhielten sich mit der bewegungslosen Frau im Gipsbett, die geistig überaus mobil war. "Hannelores Allgemeinbildung war phänomenal. Sie hat sich über Bücher und das Internet immer weiter gebildet", sagt Wilfried Flüchter.

Immer wieder ermöglichte ihr auch jemand einen Ausflug. Ins Café gegenüber, nach Lourdes in Frankreich, mit Hilfe der Feuerwehr ins Sauerland. Einmal hat sie Weihnachten bei Familie Flüchter verbracht. "Das war nicht ganz einfach", erzählt Wilfried Flüchter, "denn Hannelore musste ja in ihrem Bett transportiert werden. Nicht alle Türen bei uns zu Hause waren breit genug."

Trubel auf der Station war ein Genuss für sie

Die Oberärztin erinnert sich, dass Hannelore Setter den Großteil des Tages damit verbrachte, Menschen am Telefon zuzuhören und ihnen zu helfen. "Sie war fast wie eine Telefonseelsorgerin", sagt Heuermann. Mancher Chefarzt, erzählt Krankenhaus-Geschäftsführer Werner Strotmeier, "schob gerne knütterige Patienten auf ihr Zimmer - nach zwei Stunden mit Hannelore Setter waren sie mit sich und ihrer Situation wieder im Reinen." Und das nicht, weil Setter auf ihr schlimmes Schicksal hinwies, sondern weil sie ihr Leben trotz der Erkrankung lebenswert fand. "Sie hatte die Gabe, Menschen in Ausnahmesituationen wieder aufzurichten", sagt Wilfried Flüchter.

In ein Pflegeheim wollte Hannelore Setter nie verlegt werden, "sie genoss den Trubel auf der Station", sagt Strotmeier. Und das Krankenhaus entsprach ihrem Wunsch. Sie war für viele - auch Krankenschwestern - "Freundin und Mutterersatz in einer Person", so Strotmeier, "sie gehörte zur Familie".

Hannelore Setter hatte Rituale, die den Tag strukturierten, erzählt Elisabeth Hölscher. Eines war, jeden Morgen am Kalender mit den Sinnsprüchen ein Blatt abreißen zu lassen. Auch am 10. Oktober, dem Todestag von Hannelore Setter. Das Motto jenes Tages lautete: "Frieden kannst Du nur haben, wenn Du ihn gibst."

Stefanie Krampe, DPA/DPA

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