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Winterzeit ist Einbruchszeit

22. Dezember 2012, 19:38 Uhr

Tür einfach zuziehen und auf Facebook posten, wann es in den Urlaub geht? Keine gute Idee! Alle vier Minuten wird in Deutschland eingebrochen - gerade in den Wintermonaten haben Diebe Konjunktur. Ein Report von Nina Poelchau

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Ein offenes Fenster bietet Einbrechern leichten Zugang zu Wohnungen©

Als vor kurzem ein Bekannter zu ihm sagte, er brauche einen Ersatzschlüssel für seine Wohnung, da antwortete Udo Riegel sofort mit einem Spaß: "Nimm eine Fahrradspeiche!" Riegel ist ein drahtiger Mann, 52, flink und fidel, er wohnt mit seiner Familie im dritten Stock in einem Wohngebiet am Stadtrand von Bonn. Hier führt er jetzt die Fahrradspeichen-Nummer vor. Er klemmt den Draht zwischen Tür und Rahmen, fährt damit auf und ab, ruckelt herum. Zwei, drei Sekunden, dann springt die Tür auf. Alle Mann hereinspaziert. "So einfach isses!", ruft er. So einfach ist es für Einbrecher, bei Millionen Deutschen in die Wohnung zu kommen.

Udo Riegel betreibt heute einen Schlüssel- und Sicherheitsdienst. Er hat früher selbst eingebrochen, saß dafür im Gefängnis, als er herauskam, sattelte er um. Wenn einer weiß, was Einbrecher abschreckt, dann ja wohl er, war seine Überlegung. Das ist 30 Jahre her. Er selbst hat sich geändert - die Verhältnisse sind aus seiner Sicht gleich geblieben: "Die Menschen sind immer noch unfassbar naiv und leichtgläubig."

Jetzt ist Hochsaison. Die Monate November bis März mit ihren dunklen Spätnachmittagen. Die düsteren Samstagnachmittage in der Vorweihnachtszeit, an denen die Wohnungsbesitzer die Geschäfte nach Geschenken abgrasen. Das ist die Zeit, in der Einbrecher bevorzugt die Häuser abgrasen. Rund um Weihnachten sind die Aussichten besonders gut, Bares zu finden - Geld für Geschenke, Geldgeschenke.

Alle vier Minuten ein Einbruch - das ist der Jahresdurchschnitt. Die Zahlen in Deutschland steigen. 132.595 Einbrüche waren es 2011, 9,3 Prozent mehr als 2010. Fast ein Viertel mehr Geld als 2010 haben die Versicherungen im zurückliegenden Jahr an Einbruchsopfer bezahlt - 430 Millionen Euro. Im Durchschnitt werden nur etwa 16 Prozent der Einbrüche in Deutschland aufgeklärt.

EU-Öffnung zieht Banden an

Die Täter tragen Handschuhe, sie sind meistens maskiert und schnell, das ist der eine Grund für die lausige Aufklärungsquote. Der andere: Der Polizei fehle, beklagen die Beamten, die Kapazität, sich ausgiebig mit Einbruchsdelikten zu beschäftigen. Die Polizisten zum Beispiel in Köln geben an: Für einen Wohnungseinbruch haben sie höchstens eine Stunde Zeit. Seit sich die EU sukzessive öffnet, kommen immer neue Banden für kurze aber knackige Raubzüge vorbei - so erklärt die Kriminalpolizei den Anstieg der Delikte. Typisch war die Vierergang aus dem Kosovo, die ohne oder mit gefälschten serbischen Papieren im vergangenen Jahr über Monate nach Deutschland ein- und ausreiste, um dort, ausgerüstet vor allem mit dem Basiswerkzeug Schraubenzieher und Kuhfuß, Häuser auszurauben: Die Täter, Fachjargon: "Dämmerungstäter", überfielen in beinahe jedem Ort, der strategisch günstig in der Nähe der Autobahn lag, Einfamilienhäuser - immer nach dem gleichen Muster: Sie enterten durch die Terrassentür, vorausgesetzt, die war nicht gesichert. Sie waren auf Bargeld und Goldschmuck aus. Größere Wertgegenstände wie Fernseher oder PCs ließen sie zurück. Dass sie aufflogen, war Beifang: Das Landeskriminalamt hatte bei einer Abhöraktion im Drogenmilieu von geplanten Einbrüchen erfahren. Zu guter Letzt wurde auch der Händler verhaftet, an den die vier Männer den geklauten Schmuck verkauft hatten: Der hatte alles eingeschmolzen, neu wie antik, die Polizei wog 40 Kilo Gold ab.

Auch diese vier Männer bestätigen, was für Einbrecher typisch ist - und, bei Licht betrachtet, eigentlich erfreulich, denn Rettung ist in Sicht: Der Durchschnittseindringling kapituliert vor Hürden, die jeder aufbauen kann: Wenn Fenster und Türen gesichert sind, wenn irgendwo das Licht anspringt, wenn ein Hund bellt. Bei keiner anderen Straftat bleiben so viele geplante Delikte, nämlich 40 Prozent, unvollendet. Wenn ein Einbrecher dreimal vergeblich angesetzt hat, dann gibt er auf. Er investiert nicht mehr als fünf Minuten, um in ein Gebäude zu kommen. Dann weg. Und weiter. Das sind die Faustregeln, mit denen die Kriminalpolizei mit bisher überschaubarem Erfolg für mehr Sicherheitsvorkehrungen wirbt. Höchstens fünf bis zehn Prozent der Wohnungen in Deutschland sind "fachmännisch gesichert". Die Haustür nur zugezogen, die Fenster gekippt, die Fenster und die Balkontüren mit Rahmen ausgestattet, die von einem Kind locker aufgestemmt werden können: Diese paradiesischen Bedingungen tun sich allerorten für kriminelle Gäste auf.

Udo Riegel, der Experte aus Bonn, erklärt das so: "Die Leute sind so doof zu glauben: Mir passiert das nicht. Das passiert nur anderen. Genau wie bei Lungenkrebs, Herzinfarkt oder Fettleber." Die mangelnde Bereitschaft, sich zu schützen, kann allerdings auch am Preis liegen: Eine gute Alarmanlage, die nicht nur vor Einbrechern schützt, sondern auch den Wohnungseigentümer davor, unentwegt Fehlalarm auszulösen, kostet an die 6000 Euro. 200 bis 300 Euro muss man hinlegen, um ein Fenster mit Schlössern und stabilen Verankerungen zu versehen. 400 Euro bis 500 pro Tür. Wer neu baut, muss etwa 5000 Euro zusätzlich investieren. Vermieter sind lediglich verpflichtet, für abschließbare Türen zu sorgen - aber wer investiert schon gerne hunderte bis tausende Euro in eine Mietwohnung?

Schock in behüteter Wohngegend

Oft folgt die Einsicht dem Einbruch, das ist die Reihenfolge, dann aber hat die Furcht die Opfer fest in den Krallen, mitunter lebenslänglich. Es geht ja nicht nur um den materiellen Schaden. Als hochtraumatisch wird von den meisten empfunden, dass ein Fremder in die Sphäre eingedrungen ist, die sie für einen sicheren Rückzugsort mit sehr intimen Bereichen wie Wäscheschrank, Ehebett, Fotokisten hielten. Und dann: Alles aufgebrochen, herausgerissen, auf den Boden geschmissen, zerwühlt.

Sarah Gertz* war 13. Der Schock von damals begleitet sie ihr Leben lang. Sie war in jener Nacht vor 17 Jahren mit ihrer Schwester und einer Freundin allein zu Hause, ihre Eltern waren verreist. Alles verantwortungsbewusste Mädchen, was sollte schon passieren? Die Wohngegend: am Stadtrand von Saarbrücken, kleine Einfamilienhäuser mit Ziegeldach und gepflegten Gärtchen. Das Haus: spitzer Giebel, hellgrau verputzt, zwei Wohnetagen und ein ausgebauter Keller mit Wintergarten, die Zimmer der Schwestern unter dem Dach. Dort schliefen die drei Mädchen - und dann, am Morgen, als Sarah in die Wohnetage kam: Panik, Herzrasen, lähmende Angst. Alle Schranktüren und Schubladen standen sperrangelweit offen, Schals, Jacken und Papiere lagen auf dem Boden zerstreut, Chaos. Die Einbrecher hatten eine Balkontür aufgehebelt, Geld und Schmuck und Kleider zusammengerafft. Und sich dann an den Küchentisch gesetzt, ein paar Bier aus dem Kühlschrank genehmigt, Zigaretten geraucht - die Kippen höhnten Sarah aus dem Aschenbecher entgegen. Was, wenn die Einbrecher ins Dachgeschoss gestiegen wären? Was, wenn eines der Mädchen in der Nacht nach unten getappt wäre, um etwas zu trinken? Stoff für Albträume. Lebenslänglich.

Sarah Gertz ist heute 30, Krankenschwester, sie lebt alleine. Sie prüft fast zwanghaft, ob wirklich die Tür zweimal abgeschlossen ist und die Rollläden herabgelassen sind, bevor sie ihre Wohnung verlässt. Ihre Eltern haben die gesamte Glasfassade des Wintergartens und alle ebenerdigen Fenster vergittern lassen. Dennoch: Wenn Sarah zu Besuch kommt und den Schlüssel an der Haustür umdreht, dann hält sie heute noch vor Angst die Luft an.

Die meisten Einbrecher sind unbewaffnet

Thomas Feltes, Professor für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaften in Bochum, hat im Auftrag des Deutschen Forums für Kriminalprävention eine Studie erarbeitet. Dafür hat sein Team mit 27 Einbrechern, die in Süddeutschland im Gefängnis saßen, intensive Gespräche geführt. Für Feltes geht daraus hervor: "Der Einbrecher als solcher ist ein friedlicher Mensch. Er scheut die Konfrontation. Er will keine Gewalt. Er ist meistens nicht bewaffnet." Andere Studien bestätigen das. Feltes empfiehlt deshalb, sich bemerkbar zu machen, wenn es im Haus verdächtige Knack- und Scharrgeräusche gibt, wenn sich eine Gestalt vielleicht sogar ins Schlafzimmer schleicht, in dem man sich selbst angststarr befindet: "Licht an! Radio an! Dann ergreift der Einbrecher ziemlich sicher die Flucht!" Und dann die Polizei rufen.

Die größte Gruppe der Einbrecher, etwa 70 Prozent, sind Gelegenheitsdiebe, oft Drogenabhängige, Kleinkriminelle. Sie ziehen ohne weitere Vorbereitung los, viele von ihnen in prekären bis mittelständischen Gebieten, sie setzen nicht auf einen Picasso an der Wand oder Mehrkaräter im Schmuckkästchen, Laptop, Handys, Fotoapparate, etwas Bargeld reichen. Sie orientieren sich von außen blitzschnell: Stecken die Zeitungen vielleicht noch im Briefkasten? Brennt kein Licht? Ist kein Beobachter in der Nähe? Dann klingeln sie - horchen: Kommt jemand? Schlägt ein Hund an? Wenn nein, kann es losgehen.

Die restlichen 30 Prozent: Banden aus dem Ausland und, nur ein sehr kleiner Teil, bestens vorbereitete Profis, die ihre Objekte genau ausgekundschaftet haben, bevor sie einbrechen, die über das nötige Feinwerkzeug verfügen, um damit fast jedes Alarmsystem inklusive Hunden außer Gefecht zu setzen, Fenster und Türen aufzubohren oder unterirdisch in Häuser zu kriechen. Das sind die wenigen, denen es auch gelingt, hochgesicherte Häuser und Villen auszurauben - wie Anfang November das Haus von Wolfgang Schäuble. Es sind die, das ist die beruhigende Nachricht für die Mehrheit im Land, die sich für die Behausungen von Durchschnittsbürgern und deren Sparstrümpfe nicht interessieren.

Ein Goldschatz in der Kommode

Udo Riegel, der Ex-Einbrecher aus Bonn, plaudert gerne. Über seine eigene Ganovenvergangenheit nicht ganz so gerne, schließlich will er nicht seinen Ruf als Sicherheitsberater riskieren. Das muss er dann aber doch erzählen: Die besten Tipps gab es früher in Kneipen. Da erfuhr er, wer wann verreiste, welche Wohnung leer stand und auch schon mal von irgendeinem Handwerker, was sich in einer Wohnung an Diebesgut befand. Sein Fazit: "Die Leute denken einfach den Einbrecher nicht mit." Sei es, wenn sie auf Facebook öffentlich bekannt geben, dass sie demnächst für ein paar Wochen nach Bali verschwinden werden "hoffentlich überleben das meine Blumen." Oder wenn sie einem Fremden, einem Handwerker zum Beispiel, in ihrer Wohnung vertrauensselig ihre Schätze präsentieren.

Vor kurzem hat er das am eigenen Leib erlebt: Eine ältere Dame bestellte ihn zu sich ins Haus, sie bat ihn zu einer Kommode, an der das Schloss klemmte, Riegel ölte das Schloss, trotzdem ließ sich die Schublade nur mit Mühe herausziehen. Das lag am Gewicht: Sie war voll gestopft mit Goldschmuck. Udo Riegel war perplex. Er fragte, wie es nur sein könne, dass die Frau diese Schätze in einer solchen Kommode mitten in der miserabel gesicherten Wohnung aufbewahre? Sie antwortete, im Keller habe sie einen Safe, aber es sei ihr zu blöd, da immer extra runter zu gehen. Und dann der Satz, über den Udo Riegel immer wieder aufs Neue staunt: "Bei mir bricht doch keiner ein!"

Die mächtigsten Feinde des Einbrechers sind immer noch die Nachbarn. Das ist eine der zentralen Botschaften des Bochumer Kriminalwissenschaftlers Thomas Feltes. Von den 27 Straftätern, mit denen sein Team sprach, sind 26 von aufmerksamen Nachbarn verpfiffen worden - nur einer ging einer privaten Sicherheitsfirma ins Netz. Feltes rät deshalb, sich mit den Nachbarn immer gut zu stellen. Allerdings auch Nachsicht zu haben, wenn sie nicht alles, was passiert, richtig interpretieren: Die Nachbarn der Familie Essig in Mannheim sahen aus dem Küchenfenster leider in aller Gemütsruhe zu, wie ein paar Jugendliche eines Nachmittags schnellen Schrittes durch den Garten hinter das Nachbarhaus liefen. Freunde der Töchter, dachten sie - und nicht im Traum daran, dass hinter den Besuchern Einbrecher stecken könnten. Binnen Minuten, erfuhren sie später, brach die Gruppe die Terrassentüre auf und räumte ohne Rücksicht auf Verluste das Haus aus. Inzwischen haben die Essigs nachgerüstet: Zum Beispiel ist der Zugang zur Terrasse mit einer Gartenpforte versperrt. Sobald sich da jemand zu schaffen macht, wissen die Nachbarn, was sie zu tun haben - die 110 rufen.

Verfolgung ist keine gute Idee

Aber was tun, bis die Polizei eintrifft? Schon mal die Verfolgung aufnehmen? Nein, warnt der Kriminologe Thomas Feltes, so verlockend es auch sein mag, ab und zu den Helden zu geben. Georg Wedemeyer, Redakteur des stern in München, hielt es bis zu seinem nachbarschaftlichen Einsatz für selbstverständlich, Zivilcourage zu zeigen - inzwischen sieht er das differenzierter. Die Geschichte ist ein paar Jahre her. Es klingelte an der Haustür. Die Nachbarin stand draußen, stammelte: "Lasst mich rein! In meinem Haus sind Einbrecher." Sie hatte, als sie vom Einkaufen zurück kam, sofort die große Sporttasche im Flur bemerkt. Aus der ragten schon einige ihrer Habseligkeiten. Im Obergeschoss geisterte Taschenlampenlicht an der Decke, es rumorte. Erschrocken hatte sie sich leise zurückgezogen und war zu den Nachbarn gelaufen. "Befallen vom selbstgerechten Größenwahn, bar jeder vernünftigen Überlegung und ohne Angstbremse wollte ich nur eines: die Kerle stellen", erinnert sich Wedemeyer. Mit einem Hammer bewaffnet stürmte er los. Die Haustüre war nur angelehnt, als er sie aufriss, sah er gerade noch, wie der Einbrecher auf der anderen Seite durch die Terrassentür in den dunklen Garten flüchtete. Er brüllte: "Stehenbleiben, du Schwein!" und sprintete hinterher, doch der Dieb war verschwunden.

Wenig später traf die Polizei ein. Einer der Beamten ging mit Wedemeyer zusammen den Fluchtweg ab. "Als wir Richtung Haus zurückliefen, kam uns ein junger Kerl entgegen. Hinter ihm näherte sich ein Auto. Plötzlich gab der Wagen Gas, stellte sich vor dem Halbwüchsigen quer, zwei Männer, Beamte in Zivil, sprangen heraus und hielten ihn fest. Als der junge Dieb so vor mir stand, ein Bürschchen von vielleicht 14 Jahren, schlug meine Wut in Scham um. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich ihn mit meinem Hammer schwer verletzt hätte!"

Ist ein Einbrecher schließlich - aller statistischen Wahrscheinlichkeit zum Trotz – gefasst, sitzt er vielleicht sogar wegen einer ganzen Reihe von Einbruchsdelikten im Gefängnis, dann heißt das übrigens nicht zwangsläufig, dass er dort gewandelt herauskommt wie einst der Bonner Sicherheitsmann Udo Riegel. Die Einbrecher aus der Bochumer Studie beschrieben das Gefängnis eher wie eine Weiterbildungseinrichtung. Einer fasste zusammen: "Ich habe im Knast viel gelernt. Alles das, was ich vorher noch nicht wusste, hab ich dann nach einem Jahr und sechs Monaten gewusst."

Mit Recherchen von: Kerstin Conz, Kathrin Dorscheid, Gerd Elendt, Frank Gerstenberg, Kerstin Herrnkind, Matthias Rittgerott, Georg Wedemeyer.

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