Sie kamen in der Nacht und sägten das Symbol für die Vernichtungsmaschinerie der Nazis ab: den Schriftzug "Arbeit macht frei" in Auschwitz. Nun sind die Wörter wieder aufgetaucht, die Diebe in Haft - und der Tabubruch beschäftigt das ganze Land. Von Niels Kruse

Eingang des Stammlager Auschwitz: Solche Orte waren auch für Kriminelle bisher absolut tabu© Irek Dorozanski/Reuters
Es waren drei deutsche Wörter, die die polnische Polizei drei Tage lang gesucht hat, per Großfahndung: Straßen wurden gesperrt und an den Grenzen wurde besonders penibel kontrolliert. Eine üppige Belohnung in Höhe von umgerechnet 27.000 Euro sollte es für die entscheidenden Hinweise geben. Diese drei deutschen Wörter sind, jedes für sich genommen, einfache, harmlose Wörter. Doch der Satz, den sie bilden, steht symbolisch wie kaum ein anderer für das entmenschlichte Verbrechen Nazideutschlands: "Arbeit macht frei".
Dieser aus eisernen Lettern geformte Schriftzug hing jahrzehntelang über dem Tor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz I. Bis er vor wenigen Tagen von Unbekannten mitten in der Nacht gestohlen wurde. Die Inschrift, fast fünf Meter lang und 40 Kilogramm schwer, wurde an der einen Seite abgeschraubt und auf der anderen abgesägt. Nun ist sie wieder da. Zersägt zwar, in drei Teile zu je einem Wort, aber immerhin. In einem Wald im Norden Polens wurde die Polizei fündig. Zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung soll es gegeben haben. Die Spuren im Schnee ließen auf mindestens drei Täter schließen, es waren fünf, die die Polizei festgenommen hat - zwischen 20 und 39 Jahre alt, vier von ihnen arbeitslos, allesamt vorbestraft wegen Raubüberfällen und Körperverletzung.
Die Welt war zutiefst empört über den dreisten Diebstahl. Dieser komme einer Kriegserklärung durch Neonazis gleich, hieß es etwa aus der Holocaustgedenkstätte Jad Vaschem. Ein Sprecher der Gedenkstätte Auschwitz sagte: "Das ist eine Entweihung dieses Ortes." Bestürzt reagierten zudem die Regierungsvertreter Polens, Israels und Deutschlands. Auch, weil bis jetzt unklar ist, aus welchem Grund sich die Bande diesen Schriftzug für ihren Beutezug ausgesucht hat. Waren es schlicht Metalldiebe, die es auf Altmetall abgesehen haben, wie etwa die Unbekannten, die im Süden Polens derzeit ihr Unwesen treiben? Im masurischen Jagodne wurden vor einiger Zeit sogar vier Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg gestohlen.
Oder war es ein gezielter Raub aus politischen Gründen? Der Tag der Befreiung des KZ jährt sich Ende Januar zum 65. Mal - sollte die Gedenkstätte zu diesem Jubiläum geschändet werden, wie einige Medien spekulierten? War es ein Raub auf Bestellung von Nazisouvenir-Jägern? Waren die Täter gar selber Neonazis? Nein, heißt es nun aus Reihen der polnischen Polizei: "Wir können sagen, dass keiner der fünf einer Neonazi-Gruppe angehört", sagte Chefermittler Anrdzej Rokita, bei den Tätern handele es sich schlicht um "gewöhnliche Diebe", das Tatmotiv sei Geldgier gewesen.
Sicher ist, dass sie ihren Beutezug geplant haben mussten. Denn das Tor des ehemaligen Stammlagers wird zwar von einer Kamera überwacht, die aber nur filmt und nicht aufzeichnet. Darüber hinaus patrouillieren regelmäßig Wachen am Eingang entlang, die den Diebstahl selbst aber nicht mitbekommen haben. Der Raubzug war also genau abgepasst - und deswegen ist es auch eher unwahrscheinlich, dass die Räuber nicht wussten, was sie da tun.
"Arbeit macht frei" - diese nur zynisch zu verstehende Parole der Nazis hing an den Eingängen mehrerer Konzentrationslager. Nicht nur im Stammlager von Auschwitz, sondern auch in Dachau, Sachsenhausen und Neuengamme - sie ist Symbol der deutschen Vernichtungsmaschinerie, durch die mehr als sechs Millionen Juden ums Leben kamen.
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