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8. November 2007, 08:30 Uhr

Kritik an Sterbehilfe auf Parkplatz

Zwei Deutsche haben sich auf einem Parkplatz in der Schweiz das Leben genommen - unterstützt vom Sterbehilfeverein Dignitas. Der Fall sorgt in Deutschland und der Schweiz für große Empörung. Landesbischöfin Margot Käßmann sprach von "menschenunwürdigem Sterben".

Das Betäubungsmittel Natrium-Pentobarbital und ein Glas Wasser stehen in einem Zimmer von Dignitas in Zürich© Gaetan Bally/DPA

Die Sterbehilfe für zwei Deutsche auf einem Parkplatz in der Schweiz ist in der Bundesrepublik auf scharfe Kritik gestoßen. "Das ist genau die Art eines menschenunwürdigen Sterbens, die in Dignitas von Anfang an angelegt gewesen ist", sagte die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Sie forderte eine stärkere Debatte über Alternativen zur Sterbehilfe: "Wir haben in den vergangenen Jahren so viel aufgebaut, angefangen von einer guten Palliativmedizin bis hin zu Hospizen und Hospizdiensten, die ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen."

"Das ist menschenunwürdig und nicht akzeptabel", sagte der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Man müsse alle Register ziehen, um der Organisation Dignitas das Handwerk zu legen. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe warf Dignitas "Geschäftemacherei unter dem Deckmantel der Nächstenliebe" vor. Mit der Methode des assistierten Suizids solle das Verbot der Tötung auf Verlangen umgangen werden, wurde er zitiert. Es handele es sich um aktive Sterbehilfe.

Zwei Menschen sterben auf einem Parkplatz

Dignitas hatte zwei Deutsche auf einem Parkplatz im Kanton Zürich beim Selbstmord unterstützt. Der schweizerische Staatsanwalt Jürg Vollenweider bestätigte, dass es sich bei den Männern um einen 50- und einen 65-jährigen Deutschen aus Bayern und aus Baden-Württemberg handele. Nach einem Fernsehbericht fuhren die beiden in der vorigen Woche selbst zu dem Waldparkplatz östlich von Zürich, wo sie sich später im Auto das Leben nahmen. Einer sei in einem gemieteten Lieferwagen, der andere mit einem Behindertenfahrzeug gekommen.

Auch in der Schweiz gab es daran heftige Kritik. "Pietät- und geschmacklos" nannte der Bürgermeister der Ortschaft Maur bei Zürich, Bruno Sauter, den Tod der beiden Deutschen in seiner Gemeinde. Schweizer Politiker verlangten ein energisches Vorgehen gegen den "Sterbetourismus". Die Deutsche Hospiz Stiftung bezeichnete das Vorgehen als "zynisch" und "menschenverachtend".

Der Gründer der Dignitas, die auch in Deutschland die Sterbehilfe einführen will, wies die Vorwürfe zurück. Es könne "immer nur Sache der direkt betroffenen Person sein, zu beurteilen, ob die Umstände, unter denen sie einen begleiteten Freitod durchführt, ihrer Auffassung nach ausreichend würdig sind", sagte Ludwig Minelli.

Aktive Sterbehilfe auch in Schweiz verboten

Wie in Deutschland ist auch in der Schweiz zwar aktive Sterbehilfe wie etwa die Verabreichung tödlicher Spritzen verboten. Da die private Dignitas den beiden Sterbewilligen lediglich mit einem tödlichen Medikament geholfen hat, das diese selbst eingenommen haben, gibt es dagegen keine rechtliche Handhabe in der Schweiz.

Ein großer Teil der Sterbewilligen kommt aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland. Offizielle Angaben liegen dazu nicht vor. Laut Dignitas waren es 2006 fast 200 Sterbewillige, die zu der Organisation gegangen sind, darunter etwa 120 aus Deutschland. In Hannover hatte der Schweizer Verein 2005 eine deutsche Organisation gegründet und damit bundesweit Proteste ausgelöst.

Die Dignitas war in jüngster Zeit auch in der Schweiz heftig kritisiert worden. Weil sich Gemeinden der Stadt Zürich geweigert hatten, sogenannte Sterbebegleitungen in Wohn- und Industriegebieten zuzulassen, war Dignitas auf Hotels ausgewichen. Auch das löste Proteste aus. Eine etwa bis Oktober in Zürich angemietete Wohnung wurde gekündigt, weil Dignitas sich ihre Hilfe bezahlen lässt und somit eine gewerbliche Nutzung der Mietsache angenommen wurde.

Hospiz-Stiftung fordert politisches Handeln

"Jetzt geht Dignitas auf Parkplätze. Das ist nicht nur unglaublich zynisch, das ist menschenverachtend. Jetzt wird deutlich, dass Dignitas von einem Wahn besessen ist", sagte der geschäftsführende Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, in Dortmund. "Politisches Handeln ist gefragt und nicht das Entsetzen", fügte er hinzu und rief den Bundesrat auf, ein Gesetz zum Verbot der geschäftsmäßigen Vermittlung von Gelegenheiten zur Selbsttötung in Deutschland voranzutreiben. Die Bundesländer Saarland, Thüringen und Hessen hatten im April 2006 einen solchen Entwurf eingebracht, der jedoch immer noch in den Ausschüssen behandelt wird.

In der Schweiz kündigten Politiker am Mittwoch an, der jüngste Vorfall könnte zu neuen parlamentarischen Vorstößen führen. Die Schweizer Regierung hatte noch im August Initiativen des Parlaments abgewiesen, strengere Vorschriften für die Sterbehilfe einzuführen. So lehnte es die Regierung ab, etwa die Verschreibung und Abgabe des Betäubungsmittels Natrium-Pentobarbital (NAP) neu zu regeln, das von vielen Organisationen bei der Suizidhilfe verwendet wird. Alle geprüften Möglichkeiten hätten sich als unzweckmäßig erwiesen, stellte das Justizministerium dazu fest.

Sterbehilfe ist in der Schweiz nur zulässig, wenn die Sterbewilligen bei vollem geistigem Bewusstsein sind. Die Staatsanwaltschaft untersucht alle Selbstmordfälle routinemäßig. Dabei kann sie sich nach Angaben von Staatsanwalt Georg Staub auch auf Videos stützen, die Dignitas von dem Vorgang anfertigt. Ein Amtsarzt bestätigt dann die Todesursache. "Es ist Sache des Sterbewilligen zu entscheiden, wo er in den Tod gehen will", sagte Staatsanwalt Vollenweider.

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Assisitierter Selbstmord auf dem Parkplatz: Ist das menschenwürdiges Sterben?

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AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
Knaeusle (08.11.2007, 17:12 Uhr)
...
Ich muss mein gesamtes Leben für mein Handeln die Verantwortung übernehmen, die Konsequenzen tragen und für meinen eigenen Tod darf ich das plötzlich nicht mehr - soll das wirklich jemand anders tun? Das sollte ich nun wirklich ganz alleine entscheiden dürfen. Ohne Fragen zu müssen, darf ich das? Ist es nur die Angst der Politik, dass vielleicht ein Steuerzahler zuviel nachher fehlt?
Ich finde, man sollte sich bei dieser Diskussion immer vor Augen halten, dass es hier um Menschen geht, die das Schicksal schwer getroffen hat, denen kein besseres Leben bevorsteht, während sie auf ihren eigenen Tod warten.
einbengelchen (08.11.2007, 14:07 Uhr)
@manndernichtdaist
Schön, daß Sie so genau wissen, wie Sie in der Zukunft, wenn Sie sich wegen Krankheit kaum noch bewegen können, "mit einem Strick in der Hand in den Wald rennen....."
Von denen, die sich diese Gifte bei "Dignitas" kaufen müssen(!) verfügt keiner über die Möglichkeiten, sich das Zeug in der Apotheke zu besorgen.
Und "mit einem Strick in den Wald gehen" können diese verzweifelten Menschen auch nicht mehr!
Sie müssen schon "ein toller Hecht" sein und tolle Beziehungen haben......
Vielleicht interessiert sich da in Kürze mal irgendeine sog. "Strafverfolgungsbehörde" für Sie.
.....einen größeren mist habe ich ja selten erlebt.... , schreiben Sie; ich habe selten mehr Schwachsinn auf einem Haufen gelesen !
manndernichtdaist (08.11.2007, 13:52 Uhr)
@zuddi
einen größeren mist habe ich ja selten erlebt.... "Sicher wären sie lieber zu Hause gestorben - das durften sie ja nicht, weil selbsternannte Moralapostel dies verbieten. Wenn hier also ein Aufschrei der Empörung durch die Lande geht (angeblich....), dann müsste man empört sein, dass diese Menschen, die sowieso schon verzweifelt sind, an so einem anonymen Ort sterben mussten."
Was soll denn dieser Schwachsinn bitte? Wenn ich mich umbringen will muss ich dann zu Dignitas rennen, damit die mir das Zeug besorgen oder was? Oder gar ins Ausland fahren? Weil ich mich hier nicht umbringen darf oder was? Wenn ich mir morgen nen Strick in den Wald mitnehme und mich aufhänge wird kaum einer mich aufhalten und sagen: "Neiiin, tu das nicht! Du darfst das hier in Deutschland nicht - fahr lieber in die Schweiz!" Also echt manchmal....
Futtermeister (08.11.2007, 13:50 Uhr)
Unerträgliche Bevormundung...
Ich freue mich sehr, so viele Kommentare zu finden, die das Problem von der meiner Ansicht nach richtigen Seite angehen. Ich gehe sogar noch weiter: Selbst körperlich gesunden Menschen, die unter entwürdigenden Bedingungen leben müssen und für sich keinen Ausweg sehen, muss, wenn sie alle andere Hilfe ablehnen, die Freiheit gelassen werden, über ihren Tod selber zu entscheiden. Wenn man schon von allen möglichen Herrenmenschen gegängelt wird, sollten diese einem unter dem Vorwand von Moral und Ethik nicht auch noch diese letzte Entscheidungsmöglichkeit versperren dürfen.
sachsenwini (08.11.2007, 13:33 Uhr)
Mit der Sterbehilfe ist es ähnlich wie mit der Babyklappe

Bei beiden ist es gut, dass es so etwas gibt, aber bei beiden ist es traurig, dass es in Anspruch genommen werden muss, und beides löst bei den Moralisten Entrüstung aus.
.
Ich würde es den Neugeborenen wünschen, dass sie in einer intakten Familie als Wunschkinder aufwachsen können, und ich wünsche alten Menschen, die sich ein Leben lang für ihre Familie und für den Staat aufgeopfert haben, ein würdevolles sterben im Kreise der Familie.
Es ist unsere Gesellschaft, die Mütter dazu zwingt, ihr Baby abzugeben und alten Menschen keine andere Möglichkeit gibt als auf einem Parkplatz ihren letzten Trank zu sich zu nehmen.
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Gefragt sind in unserer Gesellschaftsordnung nur leistungsfähige und gesunde Menschen. Hilflose Babys und kranke Greise haben in einem System der Leistung und des Erfolges keinen Raum.
catlin (08.11.2007, 13:29 Uhr)
Menschenunwürdig sind nur die Zustände in unserem Land zum Thema Sterbehilfe
Schlimm ist nämlich, das eine Religion, und eine Regierung über Menschen entscheidet die Leiden und keine Aussicht auf Heilung haben, sich für diesen Schritt entscheiden, und sich dann auch noch wie Verbrecher fühlen sollen. Ich glaube, dass ich mich auch für Sterbehilfe entscheiden würde. Allerdings bin ich nicht in dieser Situation und kann mich dadurch kaum in eine solche hineinversetzen.
sjoegren (08.11.2007, 13:18 Uhr)
...menschenunwürdig....
Seit wann hat die Kirche die Hoheit über Menschenwürde zu urteilen? Die Kirche betreibt selber Pflegeheime in denen sie immer weiter Stellen abbaut, sodaß dort oft nur noch basale Pflegeleistungen von ausgebrannten Angestellten geleistet werden können. Die schwerstkranken Menschen, die dort noch minimal versorgt vor sich hin krepieren, sterben menschenunwürdig. Würde unsere Politik, unterstützt von den Kirchen, endlich den Menschen zugestehen, ihr Ende bei schwersten Krankheiten selber zu gestalten, hätten es "Todestouristen" nicht nötig auf Autobahnparkplätze auszuweichen.
Überdies ist meine Erfahrung als Kliniksarzt, daß die Palliativmedizin überschätzt wird und daß weiterhin viele viele Menschen trotz moderner Palliativmedizin elend verrecken müssen. Wenn wir schon grad über menschenwürdig reden.....
Toertel (08.11.2007, 13:15 Uhr)
Zuerst im eigenen Garten kehren...
Ist es denn menschenwürdig monate- oder jahrelang in deutschen Heimen mit mangelnder Pflege dahinzuvegetieren um dann einsam an den Folgen dauerhaften Flüssigkeitsmangels zu sterben? Dies passiert in Deutschland sicherlich häufiger als in der Schweiz Menschen mit Dignitas aus dem Leben scheiden. Bevor man moralisch-ethische Kritik übt, sollte man mal im eigenen Garten kehren! Natürlich gibt es Palliativmedizin und vorbildliche Hospize - aber viel zu wenig! Im Alltag sind diese Einrichtungen bei den wenigsten Schwerkranken angekommen. Das Sterben wird in Deutschland am liebsten aus dem Leben ausgeklammert - und wenn dann Menschen einen Ausweg suchen, bei vollem Bewußtsein und selbstbestimmt, dann ist auf einmal der Aufschrei groß...
belzebub99 (08.11.2007, 13:13 Uhr)
Ich erwarte die sofortige ....
.... Einberufung einer Ethikkommission unter Vorsitz der Frau Käsebohrer und Herrn Würfelwitz.
Tagung im Steigenberger Berlin an 5 Wochenenden mit Nebenprogramm für Ehepartner.
K.Taschner (08.11.2007, 13:10 Uhr)
Wir Deutschen kapieren es nicht!
Mit welcher Rechtfertigung dürfen wir Außenstehende über diese Beiden urteilen? Sicher wären Sie gern auch in Deutschland, in ihrem gewohnten Umfeld und vielleicht mit Ihrer Familie/Freunden diesen letzten Weg gegangen. Dies ist nicht möglich, ohne die ihn nahestehenden Menschen in die Gefahr der Strafverfolgung zu bringen.
Wir in Deutschland haben das 3.Reich wohl immer noch nicht so weit verarbeitet, dass jeder Mensch über sein Leben (-sende) selbst bestimmen darf. Dann bin ich ja glücklich, dass wenigstens leidende Tiere erlöst werden dürfen.
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