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14. Juli 2008, 18:28 Uhr

Schuldsuche nach dem Todeslauf

Zwei Bergläufer kommen auf der Zugspitze ums Leben. Sie waren leicht bekleidet, starben im Schneetreiben. Wie konnte dieses Unglück passieren? Ein Grund für den dramatischen Ausgang des Laufs könnte die mangelnde Kommunikation zwischen zwei Verbänden sein. Von Christian Gressner

Nach dem Extremberglauf: Helfer laden Verletztein einen Rettungshubschrauber© Bergwacht/ddp

In plötzlich einsetzendem Schneetreiben sind am Sonntag zwei Bergläufer auf der 2962 Meter hohen Zugspitze an Erschöpfung gestorben. Nun erhebt der Senioreneuropameister im Berglauf, Helmut Reitmeir, schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter des Extremberglaufs. "Es ist unverzeihlich, dass da am Sonntag zwei Menschen sterben mussten. Das wäre einfach nicht nötig gewesen", sagte Reitmeir der Nachrichtenagentur "DDP" in München. Angesichts der Wettervorhersagen habe er beschlossen, nicht an dem 16 Kilometer langen Lauf teilzunehmen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Man prüfe, ob es einen Verdacht auf fahrlässige Tötung gebe, sagte Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl. Gegen den Veranstalter Peter Krinninger gebe es derzeit jedoch kein Ermittlungsverfahren. Denn: "Im Grundsatz hat jeder Läufer auch eine Verantwortung für sich selbst", sagte Hödl.

Ein Grund für den dramatischen Ausgang des Laufs könnte die mangelnde Kommunikation zwischen zwei Verbänden sein: Der Bayerische Leichtathletikverband und der Deutsche Alpenverein (DAV) haben sich nie über Bergläufe und die damit verbundenen Gefahren ausgetauscht. "Der DAV hat hier leider keine Möglichkeit der Einflussnahme; Berglauf ist eine Laufdisziplin und deshalb bei der Leichtathletik angesiedelt", sagt Andrea Händel, Sprecherin des Alpenvereins, zu stern.de.

Extremberglauf war nicht angemeldet

Bislang müssen Bergläufe beim Leichtathletikverband in Bayern nicht genehmigt werden. Wenn der Veranstalter will, kann er sich mit seinem Wettkampf registrieren lassen. Dafür erhält er vor allem die Sicherheit, dass im näheren Umkreis keine konkurrierende Veranstaltung stattfindet. Für eventuelle Unfälle führt der Verband außerdem einen Härtefonds und hat eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Die Angehörigen der Zugspitz-Opfer hätten wohl Anspruch auf Geld aus diesem Fonds, wenn der Lauf angemeldet wäre, sagt Anton Thalhammer, Geschäftsführer des Bayerischen Leichtathletikverbandes.

Doch der Garmischer Veranstalter Krinninger hatte seinen achten Zugspitz-Extremberglauf anders als im Vorjahr nicht beim Verband in München angemeldet. Wenn er das getan hätte, hätten die Sportfunktionäre zwar weniger auf die Ausrüstung der Läufer für das hochalpine Gelände geachtet als vielmehr auf die Verteilung der Altersklassen. Dennoch: "Es macht sicher Sinn, mit dem Leichtathletikverband zu sprechen", sagt DAV-Sprecherin Händel. "Wir stehen als Ratgeber gerne zur Seite."

Nach den zwei Todesfällen wird der Leichtathletik-Verband jetzt aktiv. Ein Kriterienkatalog soll erstellt werden, den er den Veranstaltern künftig an die Hand geben will, sagt Anton Thalhammer. Darin werde auch der Hinweis enthalten sein, die aktuelle Wetterlage zu beachten. Er schränkt jedoch ein, der Katalog "kann nie verpflichtend sein". Verhaltensregeln könne der Verband niemandem vorschreiben. Angeblich hingen am Start Zettel mit einer Warnung vor einem möglichen Wetterumschwung und der Aufforderung, sich warm anzuziehen. Ob, und wenn ja, wie er die Teilnehmer des Laufes vor dem Wetter gewarnt hat, wollte Organisator Peter Krinninger auf Nachfrage von stern.de nicht sagen. Er verwies auf die Staatsanwaltschaft.

Dass ein Wetterumschwung wie der am Sonntag in den Alpen schnell und mit fatalen Konsequenzen eintreten kann, ist beim Alpenverein natürlich bekannt. Der DAV empfiehlt Bergsteigern für hochalpine Wanderungen unter anderem wetterfeste Kleidung, Handschuhe und Mütze sowie ein Biwaksack, der in Notfällen Schutz vor Unterkühlung bietet. Die Teilnehmer an dem Zugspitz-Extremberglauf hatten all das nicht dabei, sie liefen in dünnen, zum Teil kurzen Laufhosen und T-Shirts durch zentimeterhohen Neuschnee zum 2962 Meter hohen Gipfel.

Im Winter gibt es Pflichtausrüstung

Die Ausrüstung der Bergsteiger ist laut DAV-Sprecherin Händel jedoch nicht ohne weiteres für Läufer geeignet. Die Teilnehmer müssten bei dem Wettkampf Gewicht sparen und seien außerdem deutlich kürzer am Berg unterwegs als Bergsteiger. Aber auf "Skitouren-Rennen", bei denen die Teilnehmer auf Skiern möglichst schnell den Berg hinauflaufen, ist anders als bei Sommer-Bergläufen eine Pflichtausrüstung vorgeschrieben: Die Sportler müssen Rücksack, Windjacke, Rettungsdecke, Handschuhe und Mütze dabei haben, sagt Händel. Ein Lawinen-Verschütteten-Suchgerät tragen sie ebenfalls, damit sie im Ernstfall gefunden werden können. "Diese Rennen finden aber auch im Hochwinter statt, das ist ein Unterschied", sagt Händel.

An dem Rat des DAV scheint man beim Leichtathletikverband nicht interessiert zu sein. Er habe nicht vor, in nächster Zeit mit dem ebenfalls in München sitzenden Alpenverein zu sprechen, sagt Thalhammer. Für die beiden toten Sportler kommt jedes Gespräch der Funktionäre ohnehin zu spät. Auch der Garmischer Veranstalter Peter Krinninger leidet unter den Folgen des Dramas. "Ich bin zutiefst deprimiert, die Veranstaltung habe ich ins Leben gerufen und sie hat sehr vielen Läufern Freude bereitet. Dass sie so ausgeht, ist tragisch."

Von Christian Gressner
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Amaterasu (15.07.2008, 14:25 Uhr)
selbstgerechte Opferverhöhnung!
Wenn ich dieses selbstgerechte Blabla über Eigenverantwortung, Leichstsinnigkeit oder gar Blödheit lese, wird mir schlecht. Hallo? Es handelt sich hier primär um eine menschliche Tragödie. Die Opfer aufgrund ihrer Fehleinschätzung zu verhöhnen zeugt von stumpfer Verrohung. Schonmal überlegt, was ein Angehöriger der Verstorbenen fühlt, wenn er manche Beiträge hier liest?
MisterBrezeldent (15.07.2008, 09:18 Uhr)
Schuldsuche?... und los geht´s:
Alle Schuldsucher bitte in Stringtangas und kleinen Netzhemdchen in 4er-Reihen aufstellen.... fertiiiig.... looos! So wäre das richtig klasse. Ach ja, natürlich noch ´ne richtig geile Unwetterkiste abwarten, damit auch sicher jeder "Sucher" den richtigen Kick ins Grab mitnimmt - und dann rauf auf den Berg mit den Extrem-Suchern. Unter 02:30:00 aber sollte die Zeit schon liegen, sonst gibts Todesstrafe beim Schuld-Suchlauf, gell? Alez hopp... Hahahaaaaahaa
BrunoK (15.07.2008, 00:25 Uhr)
Nachher...
... weiss auch der Stern alles besser.
Hätte er vorher mal besser aufpassen sollen.
Beim Pferdereiten in der norddeutschen Tiefebene gibt's auch ab und an Tote, bei schönstem Wetter.
Die da mitlaufen wissen auf was sie sich einlassen, da müssen keine Schuldige gesucht werden.
Hausfrauen fallen beim Fensterputzen von der Leiter.
Wen will man "haftbar" machen, den Fensterhersteller oder den Leiterhersteller?
Parvis (15.07.2008, 00:22 Uhr)
ach ja @Ernesto55
in diesem Zusammenhang - Haben sie schon mal einen Toten aus dem Fels geholt? Oder an einer Bergrettung teilgenommen?
Parvis (15.07.2008, 00:17 Uhr)
Darwin Award
Die Toten sind ehrenwerte Anwärter für den Darwin Award.
Uneingeschränkte Hochachtung zolle ich den Bergrettern.
peterhamburg (15.07.2008, 00:10 Uhr)
Jeder Sportler ist selbst für seine Ausrüstung verantwortlich
Das gilt für Segler, Kletterer, Taucher, Fallschirmspringer, Rennfahrer, Fechter, Turner und so weiter. Ich bin kein Bergsteiger und kein Alpinist, aber eines weiß selbst ich: Auf die Zugspitze rennst Du nicht im Nylon-Höschen.
Ich habe Mitleid mit den Toten, auch wenn ich glaube, das sie selbst allein ihren Tod zu verantworten haben.
islaender (14.07.2008, 22:33 Uhr)
Schuldig sind
die Leute die im kurzen hosen auf nen Berg gehen, obwohl allgemein bekannt ist das das Wetter schnell wechseln kann!!!
Ernesto55 (14.07.2008, 22:16 Uhr)
Vollkaskodenken
Hat einer von euch schon mal Laufschuhe angehabt, oder an einem Laufwettkampf teilgenommen? Für euch ist Sport, wenn sich legal für viel Geld Leute mit dem Auto zu Tote rasen, oder Schließen im Schützenverein. Vielleicht auch noch Angeln könnt ihr euch als Sport vorstellen. Wenn es Leute gibt die Laufen und dann auch noch etwa Radfahren, haben die alles falsch gemacht was man nur falsch machen kann in eueren Augen. Was mich ärgert sind die schadenfrohen Kommentare. Ich habe für Autorennen nichts übrig, aber wenn ein Rennfahrer verunglückt hat er mein Mitleid und keine hämische Freude.
te-dh (14.07.2008, 21:36 Uhr)
Vollkaskodenken trifft es
schon.
Wer eine Sportart in der Natur betreibt und nicht willens oder in der Lage ist, z.B. einen Wetterbericht einzuholen und danach seine eigene Entscheidung zu treffen, sollte die Sportart wechseln und auf Indoorsport bzw. Schach wechseln.
Jetzt ist es natürlich der Veranstalter schuld, der einem nicht auch noch das letzte bischen eigenverantwortliches Denken abgenommen hat.
Ernesto55 (14.07.2008, 20:24 Uhr)
Einfach nur Dumm
Der Kommentar "Vollkaskodenken" ist einfach nur zynisch und dumm! Er verdient eigentlich nicht sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen! Wenn jemand vor dem Fernseher raucht trinkt und mampft und das über viele Jahre, wird es irgendwann krank, von der Vollkaskoversicherung aufgefangen und der Gesellschaft bemitleidet! Ein Extremsportler dagegen ist selbst schuld, blöd und ein Idiot. Er tut ja was auch für seine Gesundheit und die der zuerst genannten Gruppe, mit seinen Beiträgen, die er für die Raucher und Trinker bezahlt. Man kann ja durchaus über die Frage diskutieren, wie viel Extremsport gesund ist. Ich habe selbst mehrere male mit dem Mountainbike die Alpen überquert, auf eigene Faust und weiß wie überlebenswichtig warme Kleidung in Alpinen Höhen ist. Es ist und war meine eigene Verantwortung! Etwas anderes gilt bei einem Organisierten Lauf wie dem Zugspitzlauf. Die Läufer können nur in lockerer Kleidung starten und kein Gepäck mit tragen, wer etwas anderes sagt hat keine Ahnung. Der Veranstalter hätte die Pflicht gehabt, als klar war dass ab ca. 2000 Meter extreme Bedingungen herrschen die Läufer erst gar nicht weiter zu lassen und abzubrechen! Vielleicht finden sie einen Winkeladvokaten der eine Verurteilung verhindert, aber die moralische Schuld bleibt und die wiegt schwerer.
Mein Mitleid gilt den Opfern, es hätte nicht sein müssen und mein Dank den Helfern die super Arbeit beleistet haben und eine noch größere Katastrophe verhindert haben.
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