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16. September 2007, 13:54 Uhr

"Jetzt ist sie fällig!"

Immer wieder hatte sie die Polizei gebeten, sie vor ihrem Ehemann zu schützen. Vergebens. Dann, am Tag ihrer Scheidung, griff der Iraker zum Messer und zündete die Fliehende an. Die junge Frau starb. Ihr Ex-Mann steht nun unter Mordanklage. Von Rupp Doinet

Mit diesem Messer erstach Kazim seine Ex-Frau, bevor er sie anzündete© Polizei/DPA

Sazan Bajez-Abdullah hatte sich nach diesem Tag gesehnt. Am 25. Oktober 2006, 14 Uhr, sollte die 24-jährige Kurdin aus dem Irak im Münchner Familiengericht von Kazim Mahmud Raschid, 35, geschieden werden - dem Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, den sie nicht liebte, der sie immer wieder verprügelt hatte. Nicht einmal 30 Minuten dauerte die Verhandlung, dann war Sazan frei. "Sie freute sich wahnsinnig", sagt ihre Anwältin Eelke Müntinga. "Sie war glücklich." Drei Stunden später war Sazan Bajez- Abdullah tot.

Viel ist nicht los an jenem 25. Oktober im Café-Bistro "Kanapee" in der Maier-Leibnitz-Straße 4 in Garching. Ein paar Gäste sitzen bei Spezi oder Bier. Die Bedienung wartet darauf, abgelöst zu werden. Kurz nach 17 Uhr stürmt Kazim herein. "Jetzt ist sie fällig", hört die Kellnerin, bevor der Mann hektisch vor die Tür läuft. Nur ein paar Minuten danach taucht Sazan auf. Sie geht mit schnellen Schritten auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Café vorbei, das nur ein paar Häuserblocks von ihrer Wohnung entfernt liegt. Sie hat ihren fünfjährigen Sohn an der Hand. Die Kellnerin kennt Sazan und Kazim. Sie weiß von der Scheidung an diesem Nachmittag und davon, dass Kazim seine Frau schon öfter misshandelt hat. "Geh nicht weiter!", ruft sie ihr zu: "Der bringt dich um!" Sazan geht weiter. Sie habe ihn schon gesehen, ruft sie zurück und: "Hab keine Angst!"

"Da brennt alles"

Um 17.25 Uhr läutet in der Einsatzzentrale der Münchner Polizei das Notruftelefon. In der Maier-Leibnitz-Straße habe jemand eine Frau angezündet: "Da brennt alles." In den folgenden Minuten überstürzen sich die Anrufe. Ein 13-jähriger Junge meldet sich. Wie ein Radioreporter berichtet er vom Balkon seiner Wohnung aus dem Polizeibeamten, was er sieht. Dass da einer auf eine Frau eingestochen habe, dass er die Flüchtende mit Benzin übergossen habe und dass nun alles brennt. Dass die Frau wahrscheinlich tot und überall Blut sei. Dass Leute sich bemühten, die brennende Frau mit Decken zu löschen, und dass viele Leute da seien. Tatsächlich versuchen viele Passanten und Anwohner, die junge Frau zu retten. Aus den Fenstern und von den Balkonen der umliegenden Häuser werfen sie nasse Handtücher und mit Wasser gefüllte Plastikflaschen herab. Unten auf der Straße reißen sie sich Jacken und Pullover vom Leib, um die Flammen zu ersticken.

Michael Kronoq*, 33, ist mit dem Fahrrad unterwegs. Er hat gerade geduscht und sich nur nachlässig abgetrocknet. Er sieht eine junge Frau mit einem Kind an der Hand über die Straße laufen, die laut um Hilfe schreit, und einen Mann, der sie verfolgt. 200 Meter ist er entfernt und glaubt, es sei ein Spaß. Aber dann sieht er das Gesicht der Frau und ihre Angst, sieht, dass der Mann sie einholt, festhält, dass sie plötzlich brennt. Er wirft sein Fahrrad weg, rennt ihr entgegen, reißt sie zu Boden und wirft sich über sie, um die Flammen zu löschen. In diesem Augenblick gibt es eine Stichflamme, die auch ihn versengt. Zum Glück ist er noch feucht vom Duschen. Mit einem weiteren Mann versucht er, die Flammen zu ersticken. Nasse Tücher werden gebracht, ein Mann bringt einen Feuerlöscher. 15 Sekunden, schätzt Kronoq später, habe es gedauert, bis das Feuer gelöscht war. Noch heute verfolgen ihn die Hilferufe der Frau und der Anblick ihres brennenden Körpers in seinen Träumen.

"Ich hab das Richtige getan"

Der Sohn von Sazan und Kazim, muss mitansehen, wie seine Mutter auf offener Straße ermordet wird. Der Junge steht verloren unter den Passanten. Ein Mann nimmt ihn an der Hand und klingelt an irgendeiner Wohnungstür. Eine Frau lässt die beiden ein und kümmert sich um das Kind. Inzwischen lebt der Junge bei einer Pflegefamilie. Von seiner Wohnung aus, im fünften Stock eines benachbarten Hauses, hört der Kriminalbeamte Peter Sperber*, 46, von der Straße herauf Lärm. Er blickt aus dem Fenster, sieht einen Menschenauflauf, steckt Dienstmarke und Pistole ein und eilt nach unten. Da ist das Feuer bereits gelöscht. Eine Frau berichtet, was passiert ist, und zeigt auf Kazim, der sich gerade nach dem Messer bückt, das er weggeworfen hat. Sperber fordert ihn auf, die Waffe fallen zu lassen, und befiehlt ihm, sich an einen Laternenmast zu setzen. Dann kommen Feuerwehr und uniformierte Polizei. Zu dem Beamten, der ihm die Handschellen anlegt, sagt Kazim Mahmud Raschid: "Ich hab das Richtige getan."

Vor zehn Jahren kam Kazim nach Deutschland, ein unauffälliger Kurde aus Kala Diza im Nordosten des Iraks. Er beantragte Asyl, der Antrag wurde abgelehnt, er wurde "geduldet", hielt sich allerdings nicht an das Verbot, München nicht zu verlassen. Immer wieder pendelte er zwischen München und der Heimat. Wie er es immer wieder schaffte, durch die Grenzkontrollen zu kommen, das muss nun vor Gericht geklärt werden. In Kala Diza leben seine Eltern, seine acht Brüder und zwei Schwestern, die Familie sollte ihm eine Frau suchen. Sie fanden Sazan, die mit ihrer Familie nur ein paar Straßen weiter lebte. 1999 reiste Kazim wieder über die Türkei in den Irak, um sie sich anzusehen. 40 Minuten sprachen die beiden, bis dahin völlig fremd, miteinander. Anschließend wurden sie verlobt. Ihre Eltern, so vertraute Sazan später in München einer Freundin an, hätten sie zu der Ehe gezwungen, sie geschlagen, als sie sich weigerte, den fremden Mann, elf Jahre älter als sie, zu heiraten.

Glückliche Momente waren selten

Ein halbes Jahr nach der Verlobung wurde in Kala Diza Hochzeit gefeiert, wieder war Kazim heimlich nach Kurdistan gereist. Im Jahr 2001 folgte Sazan ihrem Mann nach München. Auch sie stellte einen Antrag auf Asyl. Auch der wurde abgelehnt, auch sie wurde geduldet. Der Sohn kam zur Welt. Die Wohnung wurde zu klein für drei, 2004 zog die junge Familie in eine Sozialwohnung in Garching. Es hat sicher auch ein paar glückliche Stunden gegeben in dieser arrangierten Ehe: "Wenn Du eine Träne wärst in meinen Augen, würde ich nicht weinen, aus Angst, Dich zu verlieren", hat Kazim am Anfang mal für Sazan auf einen Zettel geschrieben. Doch diese Momente waren selten. Sazan, auch das schrieb Kazim, sei eine Frau "mit schwarzem Herzen", eine, die "die Erde auf ihren Händen tanzen lassen will". Aber er, Kazim, werde die Welt in ihren Händen "explodieren lassen".

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 37/2007

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