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19. Juli 2011, 12:57 Uhr

Der Tag, an dem Anna starb

Anna Kozok war eines der 21 Todesopfer der Loveparade-Katastrophe. Sie hinterließ nicht nur ihre Eltern, sondern auch einen fünfjährigen Sohn. Wie Annas Tod das Leben der drei veränderte. Von Frank Gerstenberg, Heiligenhaus

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"Nur noch geweint": Das Ehepaar Kozok vermisst seine Tochter, Lukas fehlt die Schwester© Thomas Rabsch

Für Andreas Kozok, 48, ist der Jahrestag der Loveparade eine Qual. Wenn ihm etwas geholfen hat seit diesem "verfluchten 24. Juli in Duisburg", an dem seine Tochter Anna starb, dann war es Ruhe, "nichts hören". Seine Frau Ewa, 47, kann besser mit der öffentlichen Erinnerung an die Tragödie der Loveparade umgehen. Ihr hilft das "Reden". Nur einmal versagte ihre Stimme: Als sie im Mai zusammen mit den anderen Hinterbliebenen der 21 Toten von Duisburg bei Bundespräsident Christian Wulff in der Villa Hammerschmidt in Bonn war und sich vorstellen sollte: "Meine Tochter war Anna, sie war 25, sie hat einen Sohn", sagte sie, "danach konnte ich nicht mehr und habe nur noch geweint."

Warten auf den Tod

Zum ersten Mal seit dem 24. Juli um 18 Uhr, als sie vom Lebensgefährten ihrer Tochter den Anruf erhielt, dass "Anna ohnmächtig" geworden sei und im Bethesda-Krankenhaus in Duisburg liege. Ewa schaute gerade mit ihrem vierjährigen Enkel Justin einen Kinderfilm und schaltete sofort um. Die zierliche Frau mit den kräftigen blonden Haaren bebte vor Angst, als sie die Bilder von der Katastrophe sah. Sie bat Justin um ein Kuscheltier für die Mama. Als ahnte der Vierjährige, dass er seine Mutter nicht lebend wieder sehen würde, wollte er keines der Stofftiere hergeben: "Das sind doch Erinnerungen an die Mama." Die Oma nahm seine Stimme auf: "Mami, Mami, ich liebe dich, bitte komm nach Hause", flehte der Kleine auf dem Handy.

Nach einer Irrfahrt rund um das abgesperrte Duisburg erreicht Ewa Kozok um 0.30 Uhr die Intensivstation des Bethesda-Krankenhauses. Ihre Tochter ist an Schläuchen und Monitoren angeschlossen, sie atmet schwach. Für die gläubige Altenpflegerin, die seit 1989 mit ihrer Familie in Deutschland lebt, bricht eine Welt zusammen. Aus ihrer schwarzen Handtasche zieht sie das Handy und spielt Anna die Stimme von Justin vor. In diesem Moment steigen die Kreislauf-Kurven auf dem Monitor, der Brustkorb der schwer verletzten bildhübschen Frau hebt sich heftig.

Fünf Tage lang betet und hofft die Familie - vergebens. Am 28. Juli um acht Uhr hält Andreas Kozok die Hand seiner Tochter. "Du kannst gehen, Anna. Wir passen auf Justin auf, das versprechen wir dir." Genau in diesem Moment, erinnern sich die Eltern, sanken die Amplituden auf den Monitoren, der Herzschlag wurde schwächer, die Gehirnströme ließen nach. "Das mitzuerleben, war das Schlimmste", sagt Annas Onkel Witold. Er hatte vor 25 Jahren bei der Geburt im polnischen Tarnowitz Fotos gemacht von seiner Nichte. Mit seinem riesigen Teleobjektiv stand er am 6. Juli 1985 auf der Straße und fotografierte "wie ein Paparazzi" das Baby, das Ewa an die Fensterscheibe des Krankenhauses hielt. "Wir warteten auf ihre Geburt, jetzt warteten wir auf ihren Tod", sagt Ewas Schwester Theresa. Um 8.50 Uhr war das Leben von Anna Kozok erloschen.

Schweigen am Grab

Seitdem müssen Ewa und Andreas Kozok "funktionieren", Justin zuliebe, der bei seinem Vater lebt, aber mehrere Tage in der Woche bei seinen Großeltern verbringt. Doch in diesen Tagen, an denen die Erinnerungen auf die Kozoks einprasseln, fällt das Funktionieren schwer. Nichts wurde besser, erträglicher in den vergangen 360 Tagen, keine Wunde, die mit der Zeit heilte – im Gegenteil: "Jetzt kommt langsam erst alles hoch", sagt Ewa Kozok. Tag für Tag scheint das Loch größer, das der Tod ihrer Tochter in die Familie gerissen hat. Vermeintliche Kleinigkeiten sind es, die Ewa Kozok immer deutlicher bewusst werden: Nie mehr werde Justin zu seiner Mutter sagen können: "Ich habe dich lieb, Mama." Es wird keinen gemeinsamen Geburtstag und kein gemeinsames Weihnachten mehr geben. Ewa Kozok nimmt Antidepressiva, "sonst würde ich es nicht schaffen."

Andreas Kozok, ein freundlicher, offener, gastfreundlicher Mann, war so stolz auf seine Tochter, die gerne tanzte, quatschte, am Computer spielte und den braunen Gürtel im Taekwondo hatte. Zwei Pokale für Siege bei Internationalen Meisterschaften stehen im schwarzen Schrank des Esszimmers. Daneben Fotos: Anna vertraut mit Justin, Anna Arm in Arm mit ihrem Bruder Lukas, Anna mit dicker Wintermütze im Schnee – immer lachend, immer fröhlich. "Sie war der Kopf der Familie", sagt ihre Mutter.

Annas Bruder Lukas hat nicht nur seine Schwester verloren, sondern auch seine beste Freundin. "Mit ihr konnte ich über alles reden", sagt der 24-jährige Maler und Lackierer. Seit dem 24. Juli 2010 redet der schmale junge Mann mit der Brille nur noch wenig. Manchmal treffen sich seine Eltern und er zufällig auf dem Friedhof – und schweigen. So etwa am 6. Juli, Annas Geburtstag. "Anderthalb Stunden saßen wir nur stumm da", sagt Ewa. Danach seien ehemalige Mitschülerinnen von der Realschule ihrer Tochter zu Besuch gekommen. Sie hatten den Eltern nach Annas Tod ein Fotoalbum mit einer Widmung geschenkt: "In unserem Herzen werden wir Anna immer als den Menschen behalten, der sie war – eine fröhliche, junge Frau, die immer Spaß am Leben hatte und Freude in die Herzen anderer brachte." Am 6. Juli blieben sie bis Mitternacht bei Ewa.

Mit Bekannten kann sie manchmal unbeschwerter reden als in der Familie. Als ihre Schwester Theresa sie zu Weihnachten einlud, sagte sie ab: "Wenn du mit deinen Töchtern sprichst und lachst, dann tut alles so weh, ich kann das nicht."

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