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Der Asselringer

Weihnachten, Planungsstress. Besonders für den kleinen Neli, der ganz dringend ein ganz besonderes Geschenk für seinen großen Bruder finden muss.

Von Sophie "Frosty" Albers

  Weihnachten beschenkt man die, die man liebt. Keine einfache Aufgabe.

Weihnachten beschenkt man die, die man liebt. Keine einfache Aufgabe.

Es tut mir leid, junger Mann, ich habe keinen Asselringer. Ich weiß gar nicht, was ein Asselringer ist." Herr Kohen drehte sich wieder in die andere Richtung, weg von Neli, hin zu den Kunden, die ausgerechnet am Weihnachtsmorgen noch Geschenke kaufen mussten. Herr Kohen hielt nicht viel von diesen planlosen Leuten, auch wenn dieser Tag immer ein sehr lukrativer für seinen Heimwerkerladen war.

Neli spielte mit der Zunge in seiner Schneidezahnlücke. Er war einfach nur erschöpft. Ganz früh hatte er sich aus dem Haus geschlichen, damit es niemand mitkriegt. Mama und Papa hatten noch geschlafen. Lange hatte er an der Tür gelauscht, um sicher zu gehen. Und auch bei Ben war alles still gewesen. Obwohl der ja immer am Computer spielt "bis in die frühen Morgenstunden", wie Mama sagt, wenn sie schlechte Laune hat. Neli hatte die Eingangstür ganz leise hinter sich zugezogen. Und nun war er schon den ganzen Morgen unterwegs, um das letzte Weihnachtsgeschenk zu finden: den Asselringer für Ben. Und das, obwohl sein großer Bruder seit fast einem Jahr nicht mehr richtig mit ihm sprach.

Die Grundschullehrerin ist schuld

Aber die Grundschullehrerin hatte gesagt, dass "wir alle beschenken müssen, die wir lieben". Einen ganzen Nachmittag hatte Neli darüber nachgedacht, ob das auch für Ben galt.
"Papa, woher weiß ich, ob ich jemanden liebe?", hatte Neli gefragt. "Wenn du ohne den anderen nicht leben willst, würde ich sagen."
Obwohl Ben echt nervte, ihm immer die Schokobrötchen wegaß und nicht mehr so mit ihm spielte, wie er es früher getan hatte, musste Neli zugeben, dass er sich nicht vorstellen konnte, ohne ihn zu sein.

"Wie heißt das Ding noch mal?", fragte Herr Kohen, als die dicke Frau mit den vielen Tüten weg war. Neli zog eine Schnute, dann blickte er Herrn Kohen entschieden ins Gesicht:
"Asselringer."
"Und wozu braucht man das?"
"Weil sonst alle sterben."
"Dann ist das aber ein wichtiges Geschenk. Wie sieht es denn aus?"
Das war ja das Problem. Neli hatte keine Ahnung, wie der Asselringer aussah. Der Junge sank in sich zusammen. Er wollte schlafen, und gegessen hatte er heute auch noch nichts. Herr Kohen fuhr sich mit der Hand durchs schüttere Haar und seufzte.
"Hat er eine Farbe?"
"Grün", sagte Neli schnell, denn er hatte Angst, dass auch Herr Kohen ihn wegschicken würde, so wie die anderen Verkäufer. Er war im Elektrogeschäft gewesen, im Supermarkt, im Spielzeugladen und sogar in der Apotheke. Die Frau dort war immerhin nett gewesen, aber helfen konnte sie ihm auch nicht, obwohl sie im Computer nachgesehen hatte.

Herr Kohen ruft Mama an

"Und wie groß", wollte Herr Kohen wissen.
"So", Neli zeigte mit beiden Händen einen Abstand an, der zunehmend größer wurde.
"Weiß deine Mutter vielleicht, wie er genau aussieht? Sollen wir die fragen?"
"Die schläft."
"Aber es ist doch schon Mittag", sagte Herr Kohen.
Da wurde Neli mulmig. Was wenn Mama aufgewacht war, und er war nicht da? Sie wäre ziemlich sauer.
"Wollen wir sie fragen?", fragte Herr Kohen noch einmal.
"Lieber nicht", sagte Neli.
"Sollen wir ihr vielleicht sagen, dass alles in Ordnung ist, und dass du noch ein bisschen Zeit brauchst, um den Asselringer zu finden?"
Neli nickte. Ja, das war eine gute Idee. "Können Sie ihr das lieber sagen?"

Herr Kohen lächelte kurz, nickte, und Neli gab ihm sein Portemonnaie, wo der Aufkleber mit der Telefonnummer drin war, seitdem er sein Geld schon zwei Mal in der Schule vergessen hatte. "Tu' mir einen Gefallen", sagte Herr Kohen. "Dreh' das Schild an der Tür um, dass es 'Geschlossen' zeigt. Ich bin gleich wieder da."

Als Herr Kohen zurückkam, brachte er Neli ein paar Kekse mit.
"Okay, wir wissen, welche Farbe der Asselringer hat, wie groß er ist, und dass er allen Menschen das Leben rettet. Noch was?", fragte Herr Kohen.
"Man kämpft damit", sagte Neli mit vollem Mund.
"Kämpfen?", fragte Herr Kohen mit hochgezogenen Augenbrauen. "Gegen wen?"
"Gegen Monster."
"Was für Monster?"
"Wo ist eigentlich Ihre Frau", wollte Neli wissen.
"Ich habe keine Frau", sagte Herr Kohen.
Und was machen Sie, wenn der Laden zu ist?"
"Ich repariere Dinge."
"Repa… was?"
"Ich mache sie wieder heile."
"Und danach?"
"Lese ich."
"Und danach?"
"Höre ich Musik."
"Und danach?"
"Gehe ich schlafen."
"Ist das nicht langweilig?"
"Hör mal, für wen ist dieser Asselringer eigentlich", wollte Herr Kohen wissen.
"Für meinen Bruder."
"Den musst du aber sehr mögen, wenn du so viel auf dich nimmst."
"Ich schon, aber er mich nicht."
"Woher willst du das wissen?"
"Er spielt nicht mehr mit mir."
"Und der Asselringer soll das ändern?"

Ben ist auch da

In diesem Augenblick stürzte Mama in den Laden und schlang ihre Arme um Neli. "Um Gottes Willen, Neli, wir haben dich überall gesucht. Wir haben uns solche Sorgen gemacht. Wo warst du denn?" Auch sein Vater umarmte ihn. Und Ben war da - in sicherem Abstand. Mama hatte geweint, das konnte Neli sehen, und er fühlte sich plötzlich furchtbar schlecht.

"Ihm ist ja nichts passiert", sagte Herr Kohen. Doch nun fing auch Neli an zu weinen, er konnte die verschreckten Gesichter seiner Eltern nicht ertragen. "Ah… aber… ich… wollte doch nur den Asselringer", schluchzte er. Mama und Papa schauten ihn besorgt-verständnislos an. "Für… für… Ben!" Die Blicke der Eltern gingen zum Bruder, der genervt in die Heimwerkerregale starrte.
"Ben, den was will Neli?"
"Keine Ahnung."
"Den Asselringer", rief Neli, der ein bisschen wütend wurde. "Damit keiner sterben muss, damit du alle Monster bekämpfen kannst!"
Auf einmal sah Ben ihn an, so richtig an, wie er es schon lange nicht mehr getan hatte. "Du meinst den Ashbringer?"
"Genau", sagte Neli und tat ein bisschen eingeschnappt.
Da kam sein großer Bruder plötzlich auf ihn zu und umarmte ihn. Und nicht nur Neli, auch die Eltern waren verblüfft.
"Das hast du dir gemerkt, Mann?! Du bist so cool!", sagte Ben und an seine Eltern gerichtet: "Das ist meine beste Waffe in 'World of Warcraft', dem Computerspiel, das ihr so hasst."
Die Eltern guckten sehr verwirrt, aber die Jungs lachten. Zusammen. Und Herr Kohen lachte mit.

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