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13. Mai 2009, 22:15 Uhr

Schlafwandler leben gefährlich

Nachts aus dem Fenster gestürzt

Im Schlafanzug durch die Hotellobby wandern oder nachts die Wohnung putzen: Wer schlafwandelt tut oft verrückte Dinge. Und nicht immer verlaufen sie harmlos. stern TV ist dem Phänomen auf die Spur gegangen.

Somnambulismus, Schlaf, wach, Mond, Unfall, Nerven

© Christoph Jungbluth

Wie jeden Abend ging die Lehrerin Ridda Gesellensetter auch an jenem Freitag vor fünf Jahren ins Bett. Zwar hatte ihr Lebensgefährte versprochen, die letzte Runde mit den Hunden zu übernehmen. Aber dennoch schlief Ridda Gesellensetter mit dem Gedanken ein: Die Hunde müssen noch raus.

Am nächsten Morgen erwachte die Frau mit schweren Schnittwunden im Krankenhaus. An das, was in der Nacht passierte, kann sie sich nicht erinnern. Wie sie später erfuhr, stürtzte sie im Schlaf ein Stockwerk tief aus einem Fenster. Offenbar wollte sie die Hunde rauslassen und hat im Schlaf das bodentiefe Schlafzimmerfenster mit der Terrassentür verwechselt.

Die Lehrerin hatte noch Glück im Unglück: In der Etage unter dem Schlafzimmerfenster war die Markise ausgefahren - sonst wäre Ridda Gesellensetter wohl auf die Steinterrasse gefallen. So fiel sie "nur" ins Blumenbeet, in dem aber Plastikstäbe steckten, die die Beete abtrennen.

Durch den Unfall war die Lehrerin ein halbes Jahr krank geschrieben. Der Gesichtsnerv war irreparabel beschädigt. Eine Schönheitsoperation brachte nichts.

Nächtlicher Putzwahn Auch die Abiturientin Jennifer Mondi schlafwandelt - bisher ohne böse Folgen. Nur einmal ist sie auf einem Parkplatz aufgewacht. Sonst räumt die junge Frau nachts auf: Sofakissen ordnen oder Decken zusammenlegen - das Ergebnis sieht sie am nächsten Morgen. Mondi sagt, dass sie abends oft ein schlechtes gewissen hat, weil sie nicht aufgeräumt hat - das könnte ein Grund sein.

Einmal hat sie ihr Bett auseinandergebaut und in ein anderes Zimmer gebracht. Morgens ist sie dann völlig zerschlagen auf dem Sofa aufgewacht. Ihr Bett steht jetzt dort, wo sie es im schlafwandeln hingebracht hat. Mondi hat sich an ihr Schlafwandeln gewöhnt und findet es auch nicht schlimm.

Was Schlafwandeln ist, wer davon betroffen ist und wie Angehörige damit umgehen sollten, erfahren Sie links in der Spalte.

Was ist Schlafwandeln?

Mit Schlafwandeln bezeichnet man das Phänomen, dass Schlafende ohne vollständig aufzuwachen das Bett verlassen, umherwandeln und zum Teil auch alltägliche Tätigkeiten verrichten. In der Regel sind das Sachen, die man tagsüber auch macht. Es sind Dinge, mit denen man vertraut ist. Bizarre Situationen sind dagegen eher selten.

Beim Schlafwandeln funktionieren die Teile des Gehirns, die für automatische Handlungen zuständig sind. Andere Teile dagegen, die für bewusstes Erleben und Erinnerungen zuständig sind, funktionieren nicht. Beim Schlafwandeln handelt es sich genau genommen nicht um eine Schlafstörung, sondern um eine Aufwachstörung. Das Phänomen tritt in der Regel im ersten Nachtdrittel auf, typischerweise während der ersten Tiefschlafphase - also dann, wenn man am schwersten zu wecken ist.

Was löst das Schlafwandeln aus?

Beim Schlafwandeln spielen auch äußere Faktoren eine Rolle: Eine Ursache kann zum Beispiel Schlafmangel sein. Denn: Dann holt der Körper Schlaf nach – und zwar durch ausgeprägtere Tiefschlafphasen. Und dies wiederum führt dann zur nächtlichen Geisterstunde. Weitere Auslöser sind: Ein Jetlag, Ortswechsel, Stress, Fieber, Depressionen oder Drogen.

Wer ist vom Schlafwandeln betroffen?

Auch wenn jeder davon betroffen sein kann, gibt es bestimmte Risikogruppen: So tritt Schlafwandeln sehr viel häufiger bei Kindern auf als bei Erwachsenen. Jedes dritte Kind ist schon mal geschlafwandelt, bei Erwachsenen sind es dagegen nur 1 bis 2 Prozent. Auch genetische Einflüsse spielen beim Schlafwandeln eine Rolle. In Familien, in denen es Schlafwandler gibt, ist die Wahrscheinlichkeit für Somnambulismus zehnmal höher.

Wie schlimm ist es, wenn Kinder schlafwandeln?

Schlafwandeln verschwindet sehr oft mit dem Älterwerden wieder – meistens wächst es sich in der Pubertät aus. Deshalb ist es erst einmal kein Grund zur Sorge, wenn das Kind mal schlafwandelt.

Dass Kinder häufiger schlafwandeln als Erwachsene zeigt auch, dass Schlafen ein Reifungsprozess des Gehirns ist. So wie ein Kind lernt, nicht aus dem Bett zu fallen während es schläft, muss es auch lernen, mit Weckreizen umzugehen, wie etwa Geräusche oder Durst.

Woran merke ich, ob jemand schlafwandelt?

Auf den ersten Blick ist es schwierig, Schlafwandler zu erkennen - denn sie können erstaunlich viel. Selbst Hindernissen auszuweichen, Fahrrad oder Auto fahren ist für sie kein Problem. Schlafwandler können auch antworten, wenn sie etwas gefragt werden. Aber bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass der Blick starr und der Gang unsicher und orientierungslos ist. Auch Antworten sind oft komisch. Kurzum: Die Person ist nicht so wie sonst. Medizinische Sicherheit gibt es aber nur im Schlaflabor: Hier werden die Gehirnströme und die Muskelspannung gemessen.

Im Tiefschlaf sind die Gehirnwellen langsam und ausgeprägt. Die Muskeln sind bewegungsfähig. Im Traumschlaf ist die Gehirnaktivität wesentlich höher, dafür sind aber die Muskeln blockiert, damit es nicht zur Ausübung eines Traumes kommt.

Soll ich jemanden aufwecken, der schlafwandelt?

Nein. Denn der Schlafwandler ist im Tiefschlaf. Er will nicht geweckt oder gestört werden. Wer es versucht, sollte sich nicht über eine patzige Antwort wundern. Besser ist es in jedem Fall, den Schlafwandler an die Hand zu nehmen und zum Bett zurückzuführen.

Schlafwandlerische Sicherheit - Mythos oder Wahrheit?

Die oft zitierte "schlafwandlerische Sicherheit" gibt es nicht. Zwar können Schlafwandler ohne Probleme alltägliche Vorrichtungen durchführen, so zum Beispiel sich etwas zu trinken holen, essen oder sogar Auto fahren. Bei Schlafwandlern besteht aber immer die Gefahr, dass sie Situationen verkennen. Es kommt also vor, dass sie den Herd anlassen, sich verletzen, ohne auf den Verkehr zu achten auf die Straße laufen oder vom Balkon fallen. In anderen Fällen haben Schlafwandler rohes Fleisch oder eine Pizza mit der Plastikfolie gegessen. Es gab auch schon einige Todesfälle als Folge des Schlafwandelns. Spektakulär war auch ein Fall aus Kanada aus den 80er Jahren: Ein junger Mann war mit dem Auto zu seiner Schwiegermutter gefahren und hatte sie erstochen. Untersuchungen ergaben, dass der Mann chronischer Schlafwandler war. Er wurde freigesprochen.

Welchen Einfluss hat Vollmond aufs Schlafwandeln?

Früher dachte man, bei Vollmond würden Menschen eher schlafwandeln. Ein möglicher Grund dafür ist, dass Schlafwandler tatsächlich dem Licht entgegengehen. Da es heute aber eine Vielzahl an Lichtquellen gibt, spielt der Mond beim Schlafwandeln keine Rolle mehr.

Wie sollte Schlafwandeln therapiert werden?

Auf jeden Fall sollten Fenster oder Balkontüren gesichert sein - gerade bei Kindern. Wichtig sind außerdem ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus und Entspannungsübungen. Denn so kommt es nicht zu Stresssituationen. Schlafwandler sollten sich professionelle Hilfe suchen, wenn eine Eigen- oder Fremdgefährdung zu befürchten ist. Oder wenn das berufliche oder soziale Leben dadurch stark eingeschränkt ist. Als letzte Behandlungsmöglichkeit gibt es Medikamente. Bei Kindern werden sie aber so gut wie nie eingesetzt.

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