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9. März 2009, 09:34 Uhr

Helfer graben mit bloßen Händen

Noch immer suchen Einsatzkräfte in den Trümmern des Kölner Stadtarchivs nach dem vermissten Design-Studenten Khalil G. Die Suche mit Spezialhunden wurde jetzt auch in den hinteren Bereich der Trümmerwüste ausgedehnt. Inzwischen stößt das Vorgehen der Retter jedoch auf Unmut bei der Bevölkerung.

Köln, Stadtarchiv, Kölner Stadtarchiv, Einsturz

Fast eine Woche nach dem Einsturz des Stadtarchivs in der Severinstrasse in Köln suchen Einsatzkräfte noch immer nach einem Vermissten© Henning Kaiser/DDP

Die Suche nach dem zweiten Vermissten unter den Trümmern des Kölner Stadtarchivs gestaltet sich knapp eine Woche nach dem Einsturz weiter äußerst schwierig. Auch an einer zweiten Stelle schlugen die Suchhunde am Montagmorgen nicht mehr an, sagte ein Feuerwehr-Sprecher. Nachdem die Einsatzkräfte 5,50 Meter tief in den Schutthaufen hineingegraben hatten, wurde die Suche mit den Spezialhunden "weiter nach hinten" ausgedehnt. Der 24 Jahre alte Student Khalil G., der in einem der ebenfalls eingestürzten Wohnhäuser lebte, wird seit dem Unglück am vergangenen Dienstag vermisst.

Rund 140 Helfer suchten die ganze Nacht in den Schuttbergen nach dem 24-Jährigen. Zum Teil trugen sie das Geröll mit den bloßen Händen ab. "Wir baggern ohne Unterbrechung", sagte ein Feuerwehrsprecher am frühen Montagmorgen. Doch es besteht kaum Hoffnung, den jungen Mann lebend zu finden.

Leiche lag unter einer drei Meter dicken Schuttschicht

Am frühen Sonntagmorgen hatten Feuerwehrleute die Leiche eines bis dahin vermissten 17-Jährigen gefunden. Er lag unter einer drei Meter dicken Schuttschicht. Die beiden jungen Männer hatten in einem der eingestürzten Wohnhäuser gelebt. Die Ermittler gehen nicht davon aus, dass noch mehr Menschen verschüttet wurden, denn es liegen keine weiteren Vermisstenanzeigen vor.

Die Feuerwehr hatte erst am Freitag intensiv mit der Suche nach den beiden Vermissten beginnen können. Zuvor wäre das Betreten der Unglücksstelle für die Helfer zu gefährlich gewesen. Übriggebliebene Gebäudeteile drohten einzustürzen, und der Boden sackte immer wieder weg. Deshalb mussten zunächst Hausruinen abgerissen werden. In das Erdreich wurde massenhaft Beton gefüllt, um es zu stabilisieren.

Zur Zeit seien zwei Spürhunde im Einsatz, ein weiterer sei auf dem Weg nach Köln. "Dann haben alle speziell ausgebildeten Hunde aus Nordrhein-Westfalen schon an der Unglücksstelle gesucht", sagte eine Sprecherin der Feuerwehr. Bald sollen Tiere aus anderen Bundesländern angefordert werden.

Bei dem Einsturz des Archivgebäudes hatten die Bewohner der beiden mit hinabgerissenen Nachbarhäuser und auch weitere Anwohner ihre Wohnungen verloren. Am Montagvormittag rollten Speditionswagen an, um das Hab und Gut der betroffenen Bewohner abzutransportieren. Zusammen mit Feuerwehrleuten räumten Familien Besitztümer aus den Wohnungen eines Hauses. "Das Erdgeschoss ist freigeräumt, wir holen alles 'raus", sagte ein Feuerwehr-Sprecher. Ein Statiker überprüfte die Stabilität des Hauses.

Bereits am Sonntag hatten zehn Betroffene zur Verfügung gestellte Wohnungen bezogen, wie die Stadt mitteilte. Zudem seien von Privatleuten mehr als 100 Wohnungen angeboten worden. Viele der Anwohner hätten alles verloren. Die Hilfsbereitschaft sei groß, sagte eine Stadt-Sprecherin.

Kölner Verkehrsbetriebe entschuldigen sich

Das bedeutende Historische Archiv der Stadt Köln und die beiden Nachbarhäuser waren vergangenen Dienstag vermutlich infolge des U- Bahn-Baus eingestürzt. Vor allem die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) stehen in der Kritik. Vorstandssprecher Jürgen Fenske hatte sich am Sonntag bei den Angehörigen des Opfers und allen Betroffenen entschuldigt. Fehler räumte das Unternehmen aber nicht ein.

Auch mit Blick auf die laufenden Ermittlungen machten die KVB keine Angaben zu Vorwürfen von externen Fachleuten, die von Versäumnissen und Schlamperei sprachen. Medienberichten zufolge wussten KVB und Baufirmen seit längerem von ernsthaften Problemen bei der Grundwasser-Ableitung in Archiv-Nähe. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit dem Fund der Leiche auch wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt und hat mehrere Gutachter eingesetzt.

Die Suche nach den beiden Vermissten war auch wegen der Gefahr eines neues Erdrutsches erst drei Tage nach dem Unglück angelaufen. Die Rettung von wertvollem Archivgut hatte dagegen schon Stunden nach dem Einsturz begonnen. Darüber war bei Anwohnern und Betroffenen Unmut laut geworden. Die Feuerwehr verteidigte ihr Vorgehen auch am Montag mit Hinweis auf die Sicherheit der Einsatzkräfte. Insgesamt seien 1000 hauptamtliche und 1000 ehrenamtliche Kräfte an der Unglücksstelle im Einsatz.

DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
JanvanHelsing (09.03.2009, 18:27 Uhr)
schlicht weg zum
K O T Z E N finde ich das Verhalten hier von einigen Besserwissern.
--
Ich bin gebürtiger Kölner und genau dort aufgewachsen wo dieses tragische Unglück seinen Lauf nahm.
Ich habe Freunde und Verwandte dort, die sich über nichts mehr aufregen als über den Sch... den hier einige Menschen? glauben absondern zu müssen.
--
Ein Freund erzählte mir von Helfern die gesenkten Hauptes die Unfallstelle verlassen haben, weil der Schutt so dicht komprimiert ist, das sie kaum graben können.
Wie hier schon von anderen beschrieben, hier geht es nicht um Geiz, dritte Welt oder sonst was, hier ist Boden weg gesackt...
--
Mein Mitgefühl gehört den beiden Verschütteten und den Menschen die Ihr Obdach verloren haben.
Und wenn Sie liebe Gutmenschen und Besserwisser etwas gutes tun wollen, dann tun sie es...
Halten Sie endlich die Schnauze
Mfg nach Diktat verreist
MK80 (09.03.2009, 16:22 Uhr)
@chinaski66
.... man kann es nur gebetsmühlenartig wiederholen: das gebäude ist NICHT einfach eingestürzt, sondern ihm wurde sozusagen der boden unter den füßen entzogen. ich denke es gibt wenige gebäude, die das heil überstehen würden, da bauwerke in der regel für statische und nicht für dynamische belastungen ausgelegt sind.
und zu denn bloßen händen:
wie denn sonst? oder ist es sinnvoller mit nem 40 tonnen schweren bagger auf den haufen, unter dem verschüttete vermutet werden draufzufahren? mal ganz abgesehen davon das noch immer die gefahr besteht, dass der boden bei zu starker belastung nachgibt?
wie gesagt: wer keine ahnung hat....
chinaski66 (09.03.2009, 15:14 Uhr)
kuala lumpur ?
hätte nie gedacht, dass ich mal solche bilder aus deutschland sehe. bislang sind ja häuser nur in entwicklungsländern "einfach mal so" zusammengebrochen. dann dauert es wochen, bis die verschütteten gefunden werden, man "gräbt mit bloßen händen".
beschämend ! denk ich an deutschland in der nacht, bin ich um den schlaf gebracht.....
Fionn (09.03.2009, 15:14 Uhr)
Anklage von Helfern hier im Forum
Ich gebe MK80 völlig recht und finde es ziemlich daneben hier verbal auf die Rettungskräfte und Helfer einzuschlagen!!!Wer hat hier denn tatsächlich Ahnung von Bergung und Katastrophenschutz? Es kann ja wohl niemand hier verlangen, dass diese Menschen ihr Leben selber unnötig in Gefahr bringen. Dass Dokumente gerettet wurden, ist richtig, allerdings nicht in der Gefahrenzone, wo die Verunglückten liegen oder lagen. Was hätte es außerdem Kevin genützt? Er war sofort tot!! Ich möchte sagen, dass die Einsatzkräfte bis zur Erschöpfung arbeiten und mit den Nerven auch ziemlich am Ende sind. Mein Respekt allen Helfern, auch oder gerade weil es ihr Job ist. Gerade weil es Profis sind, springen die nicht kopflos in den Schutthaufen, wie man das gerne im Fernsehen mal sieht. Ich bin Kölnerin und nah dran am Geschehen. Ich sehe keine Fehler bei den Rettungskräften unter den genannten Umständen vor Ort.
sportartmakler (09.03.2009, 15:09 Uhr)
die helfer sind wohl die letzten
an die sich kritik richten sollte. wenn überhaupt an einzelne entscheidungsträgern die für die bergungsmaßnahmen verantwortlich sind. aber auch hier gilt, hinterher ist man immer schlauer. dass die verlorenen schriftstücke von kritischen stimmen als wichtiger eingestuft werden bleibt als übler beigeschmack wohl im raum stehen.
@eindenker: ich hoffe du hast deinen nick in deinem letzten satz außer acht gelassen. neben dem punkt dass du wohl recht haben magst, forderst du gleichzeitig mehr unglücke dieser art die deine meinung untermauern und nimmst dabei den tod unschuldiger in kauf? ich hoffe du hast deine aussage nicht zu ende gedacht.
MK80 (09.03.2009, 14:37 Uhr)
die ganzen fachleute hier
sollten sich doch einfach mal zurückhalten. es ist eine sache hier anonym gegen die helfer zu hetzen.
klar geht es auch anders, man kann natürlich sofort in die grube springen
und anfangen zu suchen. die die dass tun sind dann die nächsten, die von den professionellen helfern aus dem schutt gezogen werden. ich denke, man kann keinem der dort tätigen vorwerfen, dass die eigensicherung der rettungskräfte vorgeht.
und klar sollte man die ganze zeit blind mit dem bagger in den schutt greifene, gerade wenn man nach vermissten sucht. tut ja mit sicherheit nicht weh, wenn dann mal was vom bagger in in die grube fällt.
wer keine ahnung hat......
indyjones1966 (09.03.2009, 14:04 Uhr)
Bücher und Dokumente zuerst...
Der Eindruck, dass es "wichtiger" gewesen zu sein scheint, Kulturgüter zu retten, statt zielstrebig die Vermissten zu finden (retten?), drängt sich leider auf. Nimmt man die ganze Berichterstattung seit Dienstag zusammen, war es wohl "Pech", als Mensch gerade dort verschüttet zu werden, wo eben auch Archiviertes möglichst unbeschädigt gerettet werden sollte. In anderen Katastrophenregionen zeigen die Bilder sehr deutlich, dass es auch ganz anders geht und man ohne weitere Rücksichten Menschenleben retten will. Das fehlte in Köln! Wie viel alte Bücher und Aufzeichnungen sind den Verantwortlichen wohl ein Menschenleben wert gewesen? Ich möchte darüber gar nicht weiter spekulieren. Einfach mal so als Beschreibung des äußeren Eindrucks auf mich...
dist-bln (09.03.2009, 13:18 Uhr)
DREI TAGE!!!
ERST NACH 3 DREI TAGEN..!!!
Maria1000 (09.03.2009, 13:18 Uhr)
Ein_Denker, sehe ich genauso.
Es wird nur mehr auf billig billig geachtet, die Qualität von Material und Ausführung spielt bei den Geiz-is-Geil-Leuten heutzutage leider keinerlei Rolle mehr. Ein Wahnsinn, dass dies nicht nur bei Privatpersonen (da könnte ich dann sagen "selber schuld!" bei einem Einsturz, sondern auch bei öffentlichen Auftraggebern so läuft inzwischen.....
schade77 (09.03.2009, 13:04 Uhr)
@intercity
schon, aber dann würde die immer größer werdende Nähe zur BILD-Zeitung mit den reisserischen Überschriften nicht mehr so sichtbar.
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