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Der Mann, der nicht sterben durfte, ist tot

Ein Gericht verweigerte Tony Nicklinson die Sterbehilfe. Heute schied der Brite aus dem Leben, das er selbst als "würdelos" und "menschenunwürdig" beschrieb. Er hatte die Nahrungsaufnahme verweigert.

Von Cornelia Fuchs, London

Goodbye, Welt. Die Zeit ist gekommen, ich hatte auch Spaß", war der letzte Satz, den Tony Nicklinson seiner Familie diktierte. Mühsam musste er jeden einzelnen Buchstaben mit einem Augenblinzeln am Computer heraussuchen. Aus dem offenen Mund lief ihm dabei die Spucke über das Gesicht, wie jede Minute jedes Tages. Das war das Leben von Nicklinson seit einem Schlaganfall vor sieben Jahren. Ein Leben, das er nicht mehr wollte.

Irgendwann im Laufe des Mittwochmorgens starb Tony Nicklinson in seiner Wohnung in Wiltshire, die er sein Gefängnis genannt hat. Der einst großgewachsene, aktive Mann mit schnellem Mundwerk war in seinem Rollstuhl geschrumpft zu einem Ausgezehrten, 24 Stunden lang angewiesen auf die Hilfe seiner Frau Jane, der Töchter Lauren und Beth und einer Armee von Pflegern. Gelähmt vom Hals abwärts konnte er weder sprechen noch essen noch sich bewegen. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt war sein Blinzeln.

Manchmal, ohnmächtig angesichts seiner eigenen Hilflosigkeit, stiegen ihm beim Diktieren Tränen in die Augen. Er war einst bekannt gewesen für seinen Witz. Seine Eloquenz war etwas, worüber er sich definierte. Jetzt brauchte er stundenlang für die einfachsten Sätze. Er schrieb einer britischen Journalistin: "Und wie Du Dir vorstellen kannst, machen tränengefüllte Augen die Arbeit mit einem Computer per Blinzeln nicht gerade einfach."

"Unbequem, würdelos, erniedrigend"

Tony Nicklinson wollte kein Opfer sein. Er kämpfte um seine Würde, seine Selbstbestimmung, sein Selbstbild. Er kämpfte um seinen Tod und ging dafür vor Gericht. Er wollte ein Urteil, das es seinen Ärzten erlaubte, ihm auf seinen Wunsch eine tödliche Injektion zu geben. Er schrieb, er habe Angst weiterzuleben, bis er alt sei und noch gebrechlicher.

Doch anders als bei anderen Menschen, die Sterbehilfe suchen, litt Tony Nicklinson an keiner tödlichen Krankheit, er hatte keine unerträglichen Schmerzen. Er wollte nur nicht mehr so leben, wie es sein Körper zuließ und wie er es selber auf Twitter beschrieb: "Unbequem (sechs Stunden in einem Stuhl ohne Bewegung), würdelos (für immer gefüttert werden wie ein Baby), erniedrigend (weinen wie ein Baby vor den Pflegern), menschenunwürdig (Häufchen machen während ich in einer Schaukel über einer Bettpfanne hänge), nass (ich sabbere ständig, wenn ich wach bin), schlechter Geschmack (ich schlafe mit offenem Mund und mein Speichel trocknet ein)".

Nicklinson nannte sich selbst "old school", ein Mann, der noch gelernt hat, dass man nicht weint vor Fremden. Und nicht vor der eigenen Familie. Was er am meisten vermisse, seien Rugby-Abende in der Kneipe mit seinen Freunden und einem Pint Bier, schrieb er. Auf alten Familienfotos sieht man einen gutaussehenden, sportlichen Mann, den Tony Nicklinson vor dem Schlaganfall. Seine Frau traf er 1984 auf einem Blind Date, nach ihrer Heirat lebten sie lange Zeit in Dubai. Nicklinson sprang mit Fallschirmen aus Flugzeugen, er lebte leidenschaftlich, im Spiel mit seinen Töchtern, in Diskussionen um Politik und das Leben.

Es war seine Kämpfernatur, die auf Twitter wieder auflebte in den Wochen vor dem Urteil über seinen Antrag auf das Recht auf Selbstmord. "Ich widersetze mich einem Staat, der mir sagt, was ich zu tun und lassen habe. Der Staat mischt sich viel zu sehr ein", schrieb er. Und dass er als Behinderter diskriminiert werde, wenn ihm die Möglichkeit zum Selbstmord verwehrt werde, die jedem Gesunden offen stehe. Als ihm entgegengehalten wurde, dass eine solche Gesetzgebung auch missbraucht werden könne, reagierte er wütend: "Soll ich ernsthaft akzeptieren, dass intelligente Menschen, die herausfinden können, wie das Universum begann, nicht ein paar einfache Regeln aufstellen können, die diejenigen beschützt, die Schutz brauchen, während Menschen wie mir geholfen wird? Unglaublich! Blöde Panikmache!"

Trotz all seiner Argumente lehnten die Richter seinen Antrag in der vergangenen Woche ab. Die Bilder von einem verzweifelten Tony Nicklinson gingen um die Welt, sein Gesicht verzerrt, sein Körper geschüttelt von Weinkrämpfen. "Das Gesetz verurteilt mich zu einem Leben wachsender Demütigung und wachsenden Elends", schrieb er. Er wollte in Berufung gehen. Und er fing an zu hungern.

Sein ausgezehrter Körper konnte nach einer Woche ohne Nahrung der Lungenentzündung nichts entgegensetzen. An Gott glaube er nicht, schrieb er, und nannte Glauben "die intellektuelle Schwäche, alles, was man nicht erklären kann, auf eine höhere Macht abzuschieben". Als er gefragt wurde, ob er den Tod fürchte, antwortete er: "Nein. Aber ich werde traurig sein."

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