10. Juli 2008, 18:46 Uhr

Weshalb Frankreich die Atomkraft liebt

Anders als die Deutschen haben die Franzosen keine Scheu im Umgang mit der Kernkraft: Mit 58 Kraftwerken ist Frankreich weltweit unter den Spitzenreitern. Hier beschreibt Forscher und Atomkraftbefürworter Francis Sorin, woher die Begeisterung rührt - und warum selbst ein Uranunfall sie nicht bremsen kann.

Das Atomkraftwerk Tricastin im Rhône-Tal: Hier ist zu Beginn der Woche uranverseuchtes Wasser ausgetreten©

Die Ankündigung des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy Anfang Juli, dass ein neuer Atomreaktor gebaut und 2017 in Betrieb genommen werden würde, hat bei Frankreichs Bürgern nicht für Aufruhr gesorgt. Denn: Diese haben schon vor langer Zeit verstanden, dass Atomenergie - in der Gegenwart wie in der Zukunft - der Hauptpfeiler der französischen Energieversorgung ist. 58 Atomkraftwerke gibt es derzeit in Frankreich, sie produzieren 80 Prozent von Frankreichs Stromaufkommen. Zwei neue Kraftwerke wird es bis 2010 geben. Ihr Bau ist ein Schritt hin zu einer Modernisierung der französischen Atomtechnik, sie werden das Energieangebot an die Nachfrage anpassen.

Die Entscheidung Frankreichs für die Atomenergie liegt in einer simplen geographischen Begebenheit begründet: Im Gegensatz zu vielen seiner Nachbarn - unter anderem Deutschland - verfügt Frankreich nicht über ausreichend Bodenschätze zur Energieversorgung. Um diesen Nachteil auszugleichen, hat unser Land - nach dem Ölpreisschock von 1973 - beschlossen, sich in seiner Energieversorgung maßgeblich auf Atomkraft zu stützen.

Dank des Urans, dessen Vorkommen Frankreich sich in verschiedenen Regionen der Welt gesichert hat, und ergänzend der Wasserkraft ist es Frankreich möglich, eigenständig die nötigen Energiemengen zu produzieren, ohne von anderen abhängig zu sein. In einer Welt, in der fossile Brennstoffe deutlich knapper und teurer werden, verschafft die Nuklearenergie dem Land einen entscheidenden Vorteil: Sie schützt es vor den Preisschocks und Krisen der internationalen Energiemärkte und garantiert ihm Unabhängigkeit bei der so lebenswichtigen Energieversorgung.

Neben diesem entscheidenden strategischen Vorteil hat sich die Nuklearenergie als "gutes Geschäft" für Frankreich erwiesen. Da die Selbstkosten der französischen Energieproduktion im internationalen Vergleich so niedrig sind, kommen die Franzosen in den Genuss eines der niedrigsten Strompreise Europas.(Dieser Preis enthält bereits zukünftige Kosten der Stilllegung von Atomkraftwerken und der Zwischen- und Endlagerung). Überdies ist das Land für sein Fachwissen im Bereich der Atomenergie international anerkannt. Jedes Jahr exportiert Frankreich Atomtechnik, -dienstleistungen und -strom im Wert von sechs Milliarden Euro. Diese Exporte sichern Tausende Arbeitsplätze und stellen einen der wichtigsten Aktivposten der Handelsbilanz unseres Landes dar.

Atomkraft hat einen ökologischen Vorteil

Jenseits dessen hat sich über die Jahre hinweg gezeigt, dass Atomkraft die Umwelt vor jeglicher Verschmutzung schützt - sei es radioaktive oder chemische. So konnte der Ausstoß an Schwefeldioxid und Stickoxid in Frankreich um 70 Prozent reduziert werden, denn fossile Energie wurde durch atomare Energie ersetzt. Und einen weiteren ökologischen Vorteil hat die Atomenergie: Sie setzt praktisch kein CO² frei - das ja hauptsächlich für den Treibhauseffekt verantwortlich ist. Als Alternative zu fossiler Energie verhindert die französische Nuklearenergie jährlich einen Ausstoß von insgesamt 380 Millionen Tonnen CO² - das ist ein nicht zu vernachlässigender Beitrag zum Schutze des Klimas.

Natürlich ist die Atomenergie auch risikobehaftet. Doch die Frage dabei ist: Sind dies "akzeptable" Risiken? Was die Atomabfälle mit langer Halbwertszeit angeht, deren Menge nicht sehr hoch ist, ist man sich international einig: Lagerstätten unter der Erde stellen eine stabile Lösung dar, denn so wird radioaktives Material von der Biosphäre abgeschirmt, bis es nur noch eine geringfügige Strahlung abgibt. Das französische Lagerungssystem garantiert so, dass kommende Generationen keiner inakzeptablen Strahlung ausgesetzt werden.

"Ein Risiko besteht immer"

Auch das Unfallrisiko scheint hinreichend unter Kontrolle. Natürlich kommt es in Atomkraftwerken trotzdem zu Zwischenfällen - genauso wie in jeder anderen industriellen Anlage auch. Ein aktuelles Beispiel ist der Zwischenfall in der südfranzösischen Atomanlage Tricastin bei Avignon. Dort ist uranhaltiges Wasser in die Umwelt ausgetreten. Dadurch wurden zwei Flüsse leicht verschmutzt - die für Strahlenschutz zuständige französische Behörde für nukleare Sicherheit hat die ausgetretene Strahlung jedoch als "zu vernachlässigend" bezeichnet. Der Ausdruck "ein Risiko besteht immer" gilt auch für die Atomenergie. Und auch wenn die Risiken dieser Energieform nicht heruntergespielt werden sollten, kann man ihr nicht absprechen, dass sie extrem sicher ist.

Selbst die Katastrophe von Tschernobyl, die eng mit den technologischen Bedingungen in der Sowjetunion zusammenhing, stellt die 50-jährige Erfahrung der weltweiten Atomenergie-Nutzung nicht infrage: Die Bilanz zeigt, dass Atomkraft die Energie ist, die am wenigstens die Sicherheit und Gesundheit der Menschen beeinträchtigt. In Frankreich etwa hat die Atomenergie kein einziges Todesopfer gefordert. Eine genau so hervorragende Bilanz lässt sich in Deutschland ziehen. Natürlich ist ein Störfall immer möglich. Doch ist die Wahrscheinlichkeit dafür ist winzig, und alles weist darauf hin, dass dessen Folgen begrenzt wären - sowohl für Menschen als auch für die Umwelt. Die Ängste gewisser Umweltaktivisten, dass französische Atomkraftwerke auch jenseits der Grenzen, zum Beispiel in deutschen Bundesländern, Mensch und Natur bedrohen könnten, sind in keiner Weise fundiert.

Eine internationale Zusammenarbeit wäre von Nutzen

Angesichts dieser Argumente kann man die Verwunderung, ja das Bedauern vieler französischer Funktionäre verstehen, dass sich Deutschland für den Atomausstieg entschieden hat. Das Land ist unter den Spitzenreitern in Sachen Atomenergie, sein Nuklearpark läuft wie ein Uhrwerk, jedes Jahr werden so Zehntausende Millionen Tonnen Co²-Ausstoß unterbunden…und nun will Deutschland im Auge der Klimaerwärmung freiwillig auf eine solche Technologie verzichten!

Das Bedauern ist umso größer, auf dieser Seite des Rheins, als Frankreich und Deutschland doch gemeinsam mit all ihrem Fachwissen den Druckwasserreaktor der dritten Generation EPR entwickelt haben - den Experten zufolge höchstentwickelten Reaktor auf dem Weltmarkt. Je nachdem, wie sich die Situation in Deutschland weiter entwickelt, könnte man auch andere Formen der Zusammenarbeit ins Auge fassen. Denn, die größte Herausforderung ist, die weltweite Energieproduktion CO²-Ausstoß frei zu machen. Allein mit alternativen Energiequellen wird dies nicht möglich sein - Atomenergie ist dafür unabdingbar. In diesem Zusammenhang ist offensichtlich, dass eine längjährige und verstärkte Zusammenarbeit weltweit von Nutzen wäre - um die Atomenergie noch sicherer, missbrauchsfrei und nachhaltig zu machen.

Übersetzung: Lisa Louis

Zur Person

Zur Person Francis Sorin ist Direktor der Société Française d’Energie Nucléaire, einer Forschungsorganisation mit 4000 Mitarbeitern, die sich für die Weiterentwicklung der Kernenergie einsetzt. Außerdem ist Sorin Chefredakteur der Zeitschrift "Revue Générale Nucléaire".

 
 
KOMMENTARE (10 von 39)
 
vegefranz (15.07.2008, 11:25 Uhr)
@sethus
da mich jemand als "Kämpfer gegen den Kommunismus" bezeichnete, habe ich diesem als "Kämpfer für den Kommunismus" bezeichnet. Als "grünen Spinner" habe ich niemanden bezeichnet. Das hast du dir ausgedacht. das ist nicht meine diktion
Zur Sache: Niemand - weder du noch ich - können sagen, was in 50 oder 100 Jahren stand der Technik ist. deshalb können Prognosen über den Stand der Technik in 50 oder 100 jahren nicht seriöserweise als Argument herangezogen werden. Ich verwies auf folgendes: Bereits 1978 wurde von KKW Gegnern behauptet, Uran gäbe es noch 25 JAHRE. Das ist nachweislich falsch.
SethusCalvisius (15.07.2008, 02:38 Uhr)
@vegefranz
Es ist schon erstaunlich, wie wenig verbreitet die Begabung ist, über die eigene Generation hinauszudenken. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob die Uranvorräte noch 50 oder vielleicht doch noch 100 Jahre halten werden. Tatsache ist, dass unsere Nachkommen irgendwann zwar kein Uran mehr vorfinden werden, aber unendliche Mengen strahlender Abfälle. (beim Erdöl ist es ja übrigens ähnlich) Menschen, die sich darüber Gedanken machen, als grüne Spinner zu bezeichnen (oder wahlweise Kommunisten, warum auch immer), ist ja wohl nur billig. Aber da wir ja, wenn es soweit ist, alle nicht mehr leben, kann man sich jetzt natürlich noch ganz leicht als Experte aufspielen.
ganzbaf (14.07.2008, 09:48 Uhr)
Niemand,...

der ernst genommen werden will, sollte vogelfranz´ "kommunistentick" ernst nehmen... ;-Pp
.
SO herum wird ein schön passender Schuh daraus.
vegefranz (14.07.2008, 08:32 Uhr)
@michaF
als Kämpfer für den Kommunismus sollten Sie dennoch berücksichtigen, daß die Planwirtschaft immer grosses Leid über die Menschen gebracht hat. Wie soll so ein Parteifunktionär dann seriöserweise die Preise für Uran in 15 Jahren prognostizieren? Steht das in der Mao-Bibel? Ich behaupte: Niemand, der ernst genommen werden will, sollte prognostizieren, daß die Uranvorräte nur noch 50 Jahre halten. Niemend sollte sich aus heutiger Sicht auf einen Preis festlegen.
blindriver (14.07.2008, 02:44 Uhr)
So, wo kommt das U her . . .
Noch ein paar Worte zu den U-Vorräten:
Ja, die Reichweite der weltweiten U-Vorräte hängt von dem Preis ab, den KKW-Betreiber bereit sind, für U zu zahlen, da unterschiedliche Lagerstätten unterschiedliche Förderkosten haben.
Das Problem ist nicht so sehr die Häufigkeit von U an sich (U ist etwa so häufig wie Al), sondern, dass die geringe U-Konzentration selbst in den besten Lagen, da U in der Regel wasserlöslich ist.
Der politisch angenehme Aspekt ist, dass ein Grossteil der U-Förderung und der bekannten Vorräte in westlichen Ländern (Kanada, Australien und USA) lokalisiert ist, obschon speziell F auch eine erhebliche U-Menge aus seinen Ex-Kolonien in Afrika bezieht.
Meine persönliche Einschätzung: In 200 bis 300 Jahren sprechen wir uns wieder, bei massiven Ausbau der Wiederaufbereitung (USA), gerne auch in 600-800 Jahren.
Die Wasserlöslichkeit von U hat übrigens zur Folge, dass man U auch aus dem Meerwasser gewinnen kann (britisches Pilotprojekt Ende der 60er), dafür müssten der Preis aber wohl erst auf 250 - 300 USD pro Pfund U3O8 steigen.
Was aber auch nicht unbedingt ein Hindernis für billigen Atomstrom ist, es ist schwierig, in einem KKW mehr als 20% der Betriebskosten für Brennstoff auszugeben.
Die Kostentreiber für den sogenannten Atomstrom sind vor allem die hohen KKW-Baukosten (Finanzierung, solides Projektmanagement - yes, I am talking to you, AREVA) und Betriebsunterbrechungen durch die lokalen Aufsichtbehörden bzw. nationale Regierungen.
blindriver
(übrigens Standort einer U-Verarbeitungsanlage in Kanada)
Dylan1941 (14.07.2008, 01:47 Uhr)
Unabhängigkeit Frankreichs ?
Während andere Länder von fossilen Brennstoffen abhängig sind, wird in dem Bericht suggeriert das Frankreich unabhängig sei. Gibt es genügend Uran in Frankreich-wohl eher nicht ! Wielange hält das Uran wenn alle Staaten darauf zurückgreifen und alles auf Strom umgestellt würde ? Es wird generell Äpfel mit Birnen verglichen und eine angebliche Renaissance der Atomkraft
lanciert, wobei weltweit mehr Kraftwerke mit fossiler Energie betrieben und gebaut werden und alternative erneuerbare Energien auf dem Vormarsch sind. Alles in Allem frage ich mich mittlerweile wer die "Journalisten" bezahlt .
MichaF (13.07.2008, 23:56 Uhr)
@ vegefranz (2)
Risiko ist nicht alleine von der Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Schadenfalls abhängig. Risiko als technischer Begriff ergibt sich aus dem Produkt der Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Schadensfalls UND des im Schadensfall möglicherweise eintretenden Schadens.
.
Sie haben Recht: Die Wahrscheinlichkeit in der U-Bahn überfallen zu werden ist höher als die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Super-GAU in einem deutschen Kernkraftwerk kommt.
Andererseits ist der eintretende Schaden im Falle eines Super-GAUs um mehrere Größenordnungen höher. Nicht nur, dass ein solcher Unfall tausende töten würde und noch viel mehr Menschen dauerhaft schwer krank machen würde - ein solcher Unfall würde die Bundesrepublik auch auf den Status eines Entwicklungslandes zurückwerfen
MichaF (13.07.2008, 23:49 Uhr)
@vegefranz
Als Kämpfer gegen den Kommunismus sollte Ihnen das ökonomische Gesetz von Angebot und Nachfrage bekannt sein. Wenn man eine konstante Nachfrage annimmt gleichzeitig ein sinkendes Angebot, dann kommt man zwangläufig zu dem Schluss, dass die Preise ansteigen werden.
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Das gilt besonders dann, wenn wie im Moment abzusehen die Stromerzeugung aus Atomkraftwerken weltweit ausgebaut wird und damit auf ein sich verringerndes Angebot eine sich erhöhende Nachfrage trifft.
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Wie man es auch dreht und wendet: Kernenergie ist genauso endlich wie Energie aus Kohle- und Gaskraftwerken. Wenn wir jetzt wo die fossilen Reserven zu Neige gehen (und Kohle zum Beispiel hat noch von allen klassischen fossilen Rohstoffen die größten Vorräte) machen wir es nicht besser als unsere Vorfahren: Wir vertagen die Energiekrise bloß um eine, wenn wir Glück haben vielleicht um 2 Generationen.
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Nachhaltige Politik sieht anders aus.
vegefranz (13.07.2008, 21:20 Uhr)
@pamela
Entschuldigung, Ihre Quellen halte ich für wenig seriös. Wer will heute seriöserweise den Preis von Uran in 10 Jahren voraussehen? Warum soll die "Reichweite" abhängig zum Preis sein ? Im übrigen bleibe ich dabei, daß U-Bahnfahren riskanter als der Betrieb aller deutschen AKWs zusammen ist. Überfallene und mit Messern Verletzte gibt es in Berlin jeden tag in der U-Bahn. Von Körperschäden durch ein AKW habe ich noch nicht gehört (Ausnahme: Die Krümmel-Theorie)
Pamela_1971 (13.07.2008, 16:54 Uhr)
@ vegefranz
Dass die Uranvorräte irgendwann erschöpft sind, ist keine Erfindung der Anti-AKW-Bewegung, sondern Fakt. Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages beziffert die Reichweite der aktuellen, hinreichend gesicherten Vorräte auf 25 Jahre (bei einem angenommenen Preis von 40 Dollar je kg Uran) und auf 47 Jahre (bei einem angenommenen Marktpreis von bis zu 130 Dollar pro kg Uran). Darüber hinaus gibt es auch noch geschätzte/angenommene Vorräte, die aber nicht gesichert sind, und mit denen deshalb auch seriös kaum gerechnet werden kann. Da geht die Reichweite dann noch bis zu 166 Jahren (bei bis zu 130 Dollar Marktpreis pro kg). Aber auch das ist nun nicht wirklich lange, wenn man mal bedenkt, dass es die Erde (zumindest das ist eine gesicherte wissenschaftliche Tatsache) ;-) noch mehr als 7 Milliarden (!) Jahre geben wird.
.
Und was Sie da zum Risiko der Kernenergie schreiben,... naja - ohne Worte ;-) da erspare ich mir mal jeden Kommentar, das spricht ja für sich (hab selten so einen Blödsinn gelesen - so dämlich und zynisch würde nicht mal die AKW-Lobby "argumentieren") ;-)
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