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28. August 2009, 10:25 Uhr

"Sie lebten 18 Jahre in totaler Isolierung"

Ihr Entführer hielt sie seit 1991 gefangen, vergewaltigte sie und zeugte zwei Kinder mit ihr: Nach dem Wiederauftauchen von Jaycee Lee Dugard hat die Polizei das ganze Drama des Falles enthüllt.

Jaycee Lee Dugard, Elfjährige, Lake tahoe, Entführt, Kalifornien, Phillip Garrido

Jaycee Lee Dugard wurde 1991 vor den Augen ihres Stiefvaters entführt. Jetzt ist sie wieder da© AP

Nachdem die 1991 im Alter von elf Jahren in Kalifornien entführte Jaycee Lee Dugard wieder aufgetaucht ist, hat die Polizei erschreckende Details zu dem Fall bekannt gegeben: Ihr Peiniger habe das Mädchen 18 Jahre lang in einem Hinterhof isoliert von der Außenwelt gefangen gehalten, immer wieder vergewaltigt und zwei Kinder mit ihr gezeugt, teilten die Behörden im nordkalifornischen Placerville am Donnerstag (Ortszeit) mit.

Nach Angaben der Polizei sind die Kinder zwei mittlerweile elf und 15 Jahre alte Mädchen. Sie seien gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Garten von der Außenwelt abgeschottet gefangen gehalten worden. Sie lebten dort in Zelten und in einem Schuppen, teilte Sheriff Fred Kollar mit. Mutter und Kinder seien gesundheitlich "in verhältnismäßig guter Verfassung", aber 18 Jahre in einem Garten "würden ihren Tribut fordern". Keines der Kinder habe jemals eine Schule besucht oder einen Arzt gesehen. "Sie lebten auf diesem Gelände des Hauses in totaler Isolierung", sagte Kollar. Nachbarn reagierten bestürzt. Die junge Frau hätten sie nie gesehen, nur gelegentlich die Mädchen, die den älteren Mann als Vater bezeichneten.

Opfer stellte sich als Ehefrau vor

Ein Ehepaar wurde unter Tatverdacht verhaftet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll formell Anklage gegen das Paar erhoben werden. Hauptverdächtiger ist ein wegen mehrfacher Sexualdelikte unter lebenslanger Bewährung stehender Mann. Der 58-jährige war der Polizei in Berkley am Dienstag aufgefallen, als er versuchte, mit zwei Kindern das Gelände der Universität zu betreten und dort religiöse Flugblätter zu verteilen. Er habe sich gegenüber den Kindern verdächtig verhalten, erklärte die Polizei. Eine Kontrolle der Personendaten ergab, dass der Mann ein bedingt entlassener Häftling ist. Sein Bewährungshelfer wurde informiert und ein Treffen angeordnet.

Der 58-Jährige erschien am Mittwoch mit Jaycee Lee Dugard, deren Name durch die US-Version der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY", "Americas Most Wanted", bekannt wurde, und den beiden elf und 15 Jahre alten Mädchen. Bei dem Treffen stellte die inzwischen 29-jährige Dugard sich als "Allissa" und Ehefrau des Verdächtigen vor. Während der Befragung gab der Mann nach Darstellung der Beamten zu, Dugard entführt zu haben. Mit ihm wurde seine 54-jährige Frau Nancy verhaftet - sie soll bei der Entführung 1991 dabei gewesen sein.

Stiefvater galt als tatverdächtig

Die damals elfjährige Dugard war an einer Schulbushaltestelle in South Lake Tahoe vor den Augen ihres Stiefvaters in ein Auto gezerrt worden. Der 60-jährige Carl Probyn galt lange selbst als Tatverdächtiger. "Es hat meine Ehe zerbrochen", sagte er der Nachrichtenagentur AP. "Ich bin durch die Hölle gegangen, ich meine, ich war bis gestern ein Verdächtiger."

Der Fall ließ Fragen aufkommen, ob bedingt Haftentlassene streng genug kontrolliert werden. Die Polizei teilte mit, ein Bewährungshelfer habe bei einem Kontrollbesuch vor kurzem nichts bemerkt - der Hinterhof sei völlig unübersichtlich gewesen, mit Verschlägen, Planen und Zäunen. Dugard habe dort mit den Kindern "wie auf einem Campingplatz" leben müssen.

"Er war halt irgendwie verrückt"

Das Anwesen des mutmaßlichen Täters befindet sich in Antioch, einer 100.000-Einwohnerstadt. Dort betrieb er eine Druckerei. Nachbarn und Kunden sagten, ihnen sei nichts Verdächtiges aufgefallen. Der religiöse Fanatismus des Verdächtigen habe sich in den vergangenen Jahren aber gesteigert. Ein Kunde sagte, der Mann habe zuletzt davon gesprochen, die Druckerei aufzugeben und Prediger zu werden. Im April 2008 schrieb er bei den Behörden unter seiner Adresse eine Vereinigung mit dem Namen "God's Desire" ein. "Er hat geschwafelt, das hat keinen Sinn ergeben", erklärte der Kunde. "Wir haben nie etwas Schlechtes von dem Kerl gedacht. Er war halt irgendwie verrückt."

Der Verdächtige selbst sagte in einem Telefoninterview mit dem TV-Sender KCRA in Sacramento dass dies "am Ende eine starke, herzerwärmende Geschichte" sein werde. "Eine abscheuliche Sache lief anfangs bei mir ab, aber dann habe ich mein Leben vollkommen verändert."

Erinnerungen an Natascha Kampusch

Der jetzige Fall erinnert an die Österreicherin Natascha Kampusch, die acht Jahre lang in der Hand ihres Kidnappers war. Sie war 1998 im Alter von zehn Jahren in Wien entführt und in einem Kellerverlies festgehalten worden. 2006 gelang der heute 21-Jährigen die Flucht, ihr Entführer nahm sich das Leben.

mad/AP/DPA
 
 
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