Gabriele B. aus Lörrach wurde entführt und 540 Kilometer entfernt in Dortmund befreit. Was steckt hinter der Tat? Sicher scheint: B. ist nicht nur Opfer. Die Staatsanwaltschaft ermittelt schon seit Längerem gegen sie und ihren Mann. Das Fortbildungsinstitut des Paares soll in unseriöse Geschäfte verwickelt sein. Von Malte Arnsperger, Lörrach

Hier in Dortmund, wo Reste einer Polizeiabsperrung herumhängen, wurde Gabriele B. gefesselte imd geknebelt aufgefunden© Bernd Thissen/DPA
Das silberne Mercedes Coupe von Gabriele B. steht noch auf dem Hinterhof in einem Industriegebiet im südbadischen Lörrach. Eine Krankenkassenüberweisung, die im Auto liegt, weist auf den Besitzer des Fahrzeugs hin. Im Inneren des dreistöckigen beigen Altbaus schlendern Studenten der hier ansässigen Berufsakademie von Hörsaal zu Hörsaal. Keiner der jungen Leute will etwas mitbekommen haben von dem mysteriösen Verbrechen, dem die 46-jährige B. offensichtlich in diesem Gebäude zum Opfer gefallen ist. Eine Tat, die ein brutaler Racheakt an Gabriele B. und ihrem Ehemann Andre zu sein scheint. Rache für die dubiosen Geschäfte des Ehepaars.
Rückblende: Am Mittwochabend gegen 22 Uhr war bei der Polizei in Lörrach eine Vermisstenmeldung eingegangen: Andre B. hatte vergeblich nach seiner Frau gesucht. Die Polizei veranlasste eine Großfahndung nach Gabriele B. - auch das vergeblich. Rund zwölf Stunden später wurde die 46-Jährige im rund 540 Kilometer entfernten Dortmund in der Nähe einer Autobahn entdeckt - gefesselt, geknebelt, unter Schock stehend. In Vernehmungen habe Gabriele B. angegeben, dass sie von ihrem Arbeitsplatz entführt worden sei, teilten Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft bei einer Pressekonferenz in Lörrach mit.
Um 20 Uhr am Mittwoch seien zwei ihr unbekannte Männer in ihrem Büro aufgetaucht, hätten sie mit einer Waffe bedroht, gefesselt und in ein Fahrzeug verfrachtet, in dem ein dritter Täter saß. In dem Auto habe sie dann ein Beruhigungsmittel einnehmen müssen. Das Erinnerungsvermögen von Gabriele B. setzt nach Angaben der Polizei dann erst wieder kurz vor ihrer Freilassung in Dortmund ein, als sie von einem der Täter bedroht worden sei. Der stellvertretende Kripochef David Müller: "Einer der Täter soll ihr gesagt haben, dies sei eine Warnung. Ihr Ehemann solle sich eine andere Arbeit suchen, und sie soll gut auf ihre Familie aufpassen." Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer wies nebulös auf ein Ermittlungsverfahren gegen das Ehepaar hin und sagte: "Ob die Entführung in einen Zusammenhang zu diesen Ermittlungen steht, ist noch nicht klar. Aber natürlich scheint das Geschäftsleben des Opfers zum Hintergrund der Tat zu gehören."
Anscheinend hat Gabriele B. ihren Peinigern selbst Gründe für die Entführung gegeben. Denn gegen sie und ihren Mann, die im wenige Kilometer entfernten schweizerischen Riehen wohnen, wird seit vergangenem Jahr ermittelt. Im Frühjahr 2007 waren die Geschäftsräume des Paares in Lörrach durchsucht worden. "Wir ermitteln gegen die Dame und ihren Ehemann wegen des Verdachtes auf die unerlaubte Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke, wegen des Betruges von Kunden und wegen Steuerhinterziehung", so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Mannheim zu stern.de.
Andre und Gabriele B. haben nach Angaben ihrer Nachbarn ein zehnjähriges Kind, und sie sind umtriebige Geschäftsleute. Er nennt sich Professor für "Human Ressource Management", also Personalwesen, und ist Chef einer privaten Wirtschaftsakademie im schweizerischen St. Gallen. Seine Ehefrau ist unter anderem Geschäftsführerin eines Sachverständigenverbandes und des Lörracher Weiterbildungsinstitutes, aus dessen Geschäftsräumen sie wohl entführt wurde. Auf der Internetseite des Instituts schreibt Gabriele B, man sei "ein kompetenter Partner für berufliche Weiterbildung" und biete seinen Absolventen eine "gleichbleibend hohe Ausbildungsqualität".
Doch ihre "Studenten", denen sie Lehrgänge als Elektrosmogberater, Mediator oder Wellnesstherapeut anbietet, hat sie laut Staatsanwaltschaft womöglich auf simple Art und Weise betrogen. Den Mannheimer Anklägern zufolge haben die Weiterbildungsinstitute des Ehepaars B. Fachbücher kopiert und dann als eigene Unterrichtsmaterialien verkauft. Und dass, ohne dafür rechtmäßig Lizenzgebühren zu entrichten. Die Gebühren sollen zwar zur Verschleierung an eine Firma in Holland bezahlt worden sein, die jedoch nach Angaben der Ermittler ebenfalls dem Ehepaar gehört.
Einige der insgesamt rund 4000 Studenten, die die angeblich 300 bis 500 Euro teuren Ordner bezogen haben, haben ebenfalls Anzeige erstattet. Sie fühlen sich betrogen. Auch, weil die von den Instituten vergebenen Abschlüsse nicht zertifiziert seien - anders als ihnen vorgegaukelt worden sei. Tatsächlich hat das Ehepaar nach Ansicht der Mannheimer Staatsanwaltschaft sogar eine Zertifizierungsstelle mit Sitz in Brüssel gegründet, um so Seriosität vorzuspielen, sich Kontrollen zu entziehen und sich selber zu beurkunden. Doch die Staatsanwaltschaft Mannheim meint: "Beide Institute sind nie seriös zertifiziert worden."
Ein vernichtendes Zeugnis stellen auch Verbraucherschützer den Schulungsangeboten des Ehepaars B. aus. "Wir kennen diese Institute seit langem und halten nichts davon", sagt Werner Kinzinger von der Aktion Bildungsinfomation (ABI), die dem Bundesverband der Verbraucherzentrale angehört und seit Jahren den privaten Bildungsmarkt beobachtet. "Diese Institute sind nicht mehr als teure Papierauslieferungslager."
Das sehen die so Angegriffenen natürlich anders. Die erhobenen Vorwürde seien "zum größten Teil" Behauptungen, unhaltbare Unterstellungen und Vermutungen heißt es in einer Stellungnahme von Gabriele B. aus dem vergangenen Jahr. Ihr Institut habe immer ausschließlich Studienmaterialen veröffentlicht, zu deren Veröffentlichung es berechtigt sei.
Auch ihr Ehemann Andre wehrt sich in ähnlicher Weise gegen die Anschuldigungen. Diese seien "auf eigene Meinungen, Hörensagen und vage Vermutungen gestützt" heißt es in seiner Stellungnahme, die der 41-Jährige im Internet veröffentlicht hat. Er kündigt an, alles daran zu setzen, "dass Sie in Zukunft weiterhin zuverlässige und qualifizierte Dienstleitungen von der BWA beziehen können".
Doch genau das scheinen die Entführer seiner Frau verhindern zu wollen.