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25. Oktober 2011, 13:21 Uhr

Die Dramen von Ercis

Hoffnung und Trauer liegen nah beieinander im Erdbebengebiet der Türkei. Der 13-jährige Yunus, dessen Bilder gestern um die Welt gingen, ist tot. Derweil konnte ein Baby lebend geborgen werden. Von Katharina Miklis

Es sind Bilder, die sicherlich in keinem Jahresrückblick fehlen werden: Der kleine Yunus, wie er unter den Trümmern eines Hauses in Ercis auf seine Rettung wartet. Mit traurigen und leeren Augen blickt er geduldig seinen Rettern entgegen. Auf seiner Schulter liegt die leblose Hand eines Erdbebenopfers. Der Körper des toten Mannes hatte Yunus vermutlich vor der drückenden Last der Betonplatten geschützt. Es dauerte Stunden, aber der 13-Jährige konnte gerettet werden. Es schien ihm relativ gut zu gehen. Yunus wurde zum Symbol der Hoffnung in einem Land, das mittlerweile 432 Menschen durch das schwere Erdbeben verloren hat.

Doch nun ist auch Yunus tot. Er hat es nicht geschafft. Wie unter anderem die türkische Tageszeitung "Hürriyet" berichtet, starb der Junge kurze Zeit nach seiner Bergung. Die Rettungskräfte soll er noch gefragt haben, wie spät es sei. "Oh nein, so spät schon. Bitte sagt meinem Vater nichts davon", sagte er den Männern, bevor er das Bewusstsein verlor. Yunus hatte mehrere Knochenbrüche und schwere innere Blutungen. Auf dem Weg ins Krankenhaus erlag er seinen Verletzungen. Sein Herz blieb einfach stehen.

Ein kleines Baby gibt neue Hoffnung

Aber noch haben die Menschen in der ostanatolischen Provinz nicht aufgegeben, an das Unmögliche zu glauben. Vor allem jetzt, wo am Dienstagmittag ein kleines Baby aus den Trümmern geborgen werden konnte. Auch diese Bilder gehen um die Welt: Behutsam hält ein Helfer in Ercis den erst 14 Tage alten Säugling in den Armen. Die dünnen Beinchen sind nackt, eine Beatmungsmaske bedeckt das kleine Gesicht. Die vielen Menschen, die 47 Stunden nach dem schweren Beben Zeugen dieses kleinen Wunders werden, schreien vor Glück. Sie applaudieren. Rettungskräfte fotografieren das kleine Bündel mit ihren Handys. Ein Video zeigt die verwackelten Bilder einer Rettung, die neue Hoffnung macht.

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Die zwei Wochen alte Azra wird in Ercis, im Osten der Türkei, aus den Trümmern geborgen. Sie lebt© Adem Altan/AFP

Azra heißt das kleine Mädchen, das in der am schwersten vom Erdbeben betroffenen Stadt Ercis zum Sinnbild der Hoffnung wird. Wie die türkischen Fernsehsender NTV und CNN-Türk am Dienstag berichteten, ist das zwei Wochen alte Baby sofort in ein Krankenhaus gebracht worden. "Es ist gesund und es wird leben", sagte ein behandelnder Arzt. Das Kind bewege Arme und Beine. Auch Semiha Karaduman, die Mutter des Kindes, sowie die Großmutter haben überlebt. Beide Frauen sind inzwischen gerettet worden. Die Familie soll sich zur Zeit des Erdbebens in ihrem Wohnzimmer aufgehalten haben. Der Vater des kleinen Mädchens wird noch vermisst.

Zwei Tage nach dem schweren Beben im Osten der Türkei ist die Zahl der Toten am Dienstag auf 432 gestiegen. Mehr als 1300 Menschen seien verletzt. Wie der Krisenstab der Regierung berichtete, sollen über 2200 Gebäude zerstört worden sein. Helikopter und Militäreinheiten unterstützen den Rettungseinsatz in der Provinz Van nahe der iranischen Grenze. Größere Hilfe aus dem Ausland hat die türkische Regierung allerdings bisher mit Hinweis auf eigene Kräfte abgelehnt. Nachdem viele Menschen die zweite Nacht in Folge im Freien ohne Zelte verbringen mussten, verstärkte der türkische Rote Halbmond seine Hilfsbemühungen. Noch immer erschweren starke Nachbeben die Bergungen. Die Chance, weitere Überlebende unter den Tonnen von Schutt zu finden, schwinden mit jeder Stunde. Und doch hat die kleine Azra allen gezeigt, dass es noch zu früh ist, die Hoffnung aufzugeben.

Von Katharina Miklis
 
 
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