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17. Januar 2010, 22:07 Uhr

"Sie werden die Nacht nicht überleben"

Die nächsten 24 Stunden sind für viele Verwundete in Haiti entscheidend. Doch noch immer kämpfen die Helfer mit den chaotischen Zuständen. In Port-au-Prince kam es zu Lynchmorden.

Haiti, Erdbeben, Port-au-Princem, Lynchmorde, Selbstjustiz

Das Altersheim in Port-au-Prince ist ebenfalls ein Trümmerhaufen, die alten Menschen leben auf der Straße© Julie Jacobson/AP

Wut, Verzweiflung und Chaos in Haiti: Nach dem Jahrhundert-Erdbeben kämpfen Millionen Menschen ums Überleben und warten auf Wasser, Lebensmittel und Medikamente. Das Ausmaß der historischen Katastrophe wurde fünf Tage nach den Erdstößen immer deutlicher: Neben der zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince sind auch der Süden und Westen des bitterarmen Karibikstaats verwüstet.

Die Vereinten Nationen sprachen von der schlimmsten Katastrophe in ihrer Geschichte. "Jacmel ist kaputt, viele Häuser liegen in Trümmern", sagte Haitis Botschafter Jean Robert Saget. Helfer berichteten über einen logistischen Alptraum, die Hilfsgüter erreichen die Menschen nur schleppend. Noch Überlebende zu finden, wurde immer unwahrscheinlicher. Trotzdem geschehen jeden Tag Wunder: Am Sonntag zog ein israelisches Rettungsteam in Port-au-Prince einen Verschütteten nach 125 Stunden unter Trümmern hervor. Auch die deutsche Besitzerin des zerstörten Hotels Montana, Nadine Cardoso, wurde am Samstag lebend aus den Trümmern des Gebäudes geborgen.

Keine Lebensmittel, kein Wasser, keine Medikamente

Doch vor allem die Schwachen bleiben auf der Strecke, hilflos und allein gelassen. Grauenvolle Szenen spielen sich im staatlichen Altersheim in Port-au-Prince ab. Für die 85 überlebenden Bewohner gibt es weder Lebensmittel noch Wasser oder Arzneimittel. Eine ältere Frau kriecht auf allen vieren durch den Schmutz und bettelt um ihre Medikamente. Ein Mann liegt reglos auf dem Boden, während Ratten an seiner überfüllten Windel nagen. "Helft uns, helft uns", bittet die 69-jährige Mari-Ange Levee am Sonntag. Sie liegt mit Bein- und Rippenbrüchen auf der Erde, Fliegen schwirren um ihre offenen Wunden. Ein Bewohner ist bereits gestorben, weitere werden unweigerlich folgen, wenn nicht unverzüglich Wasser und Nahrungsmittel in dem Heim eintreffen, das nur gut einen Kilometer vom Flughafen entfernt liegt, wie Leiter Jean Emmanuel sagt.

"Ich appelliere heute an jeden, uns irgendetwas zu bringen, sonst werden andere Bewohner die Nacht nicht überleben", sagt Emmanuel. Dabei deutet er auf fünf Männer und Frauen, die unter großen Atembeschwerden leiden. Bei dem Toten handelte es sich um einen 70-jährigen Diabetiker, der nach dem Beben vom Dienstag zunächst aus dem teilweise eingestürzten Heim gerettet werden konnte. Er verhungerte am Donnerstag, sein verwesender Leichnam liegt noch immer auf einer Matratze und ist kaum von den Lebenden um ihn herum zu unterscheiden.

Sechs Bewohner kamen bei der Erdbebenkatastrophe ums Leben, die übrigen 25 Männer und 60 Frauen leben seitdem vor dem eingestürzten Haus. Einige von ihnen haben Matratzen, auf denen sie im Schmutz liegen, andere nicht. Einige Bewohner haben ihr Geld zusammengelegt, um sich drei Packungen Nudeln kaufen zu können, wie die 75-jährige Madeleine Dautriche sagt. Diese teilten sie am Donnerstag mit ihren Mitbewohnern - seitdem haben sie nichts mehr gegessen. Einige rührten die Nudeln nicht an, da sie wegen des fehlenden Trinkwassers in Abwasser gekocht werden mussten. Einige ihrer Mitbewohner trügen Windeln, die seit dem Erdbeben nicht gewechselt worden seien, sagte Dautriche.

Der Länderdirektor des Kinderhilfswerks Plan International, Rezene Tesfamariam, beschrieb die Situation in Jacmel im Süden des Landes: "60 Prozent der Gebäude in Jacmel sind zerstört, 24 Schulen sind eingestürzt oder stark beschädigt, die Krankenhäuser haben keinen Strom", sagte er laut einer Mitteilung vom Sonntag. In den Trümmern eines eingestürzten Waisenhauses im Stadtteil Carrefour der Hauptstadt Port-au-Prince würden noch rund 500 Kinder vermutet, erklärte ein Suchteam aus dem mexikanischen Cancún. "Sie können tot oder lebendig sein", sagte ihr Vertreter Oscar Olíva am Sonntag in seinem Appell an die Koordinatoren internationaler Hilfsorganisationen. Zu dem Heim sei bislang keine Hilfe vorgedrungen.

US-General rechnet mit bis zu 200.000 Toten

Der für die militärischen Hilfsgüter-Transporte zuständige US-General Ken Keen hält es für möglich, dass 200.000 Menschen ums Leben gekommen sind. In einem Fernsehinterview sagte Keen am Sonntag: "Wir werden uns auf das Schlimmste gefasst machen müssen." Haitis Regierung geht davon aus, dass bei dem Beben der Stärke 7,0 vom Dienstag möglicherweise mehr als 100.000 Menschen starben.

Mit einer Welle der Hilfsbereitschaft reagiert die internationale Gemeinschaft. Doch für die Helfer im Land ist die Lage schwierig. Selbst beim Tsunami Ende 2004 in Asien mit mehr als 230.000 Toten habe es keine solchen logistischen Probleme gegeben, sagte Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), in Genf. "Es gibt nichts, worauf wir bauen können", sagt Michael Kühn, Repräsentant der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti. Das UN-Kinderhilfswerk und weitere Organisationen begannen mit der Verteilung von Trinkwasser. Einsatzkräfte aus Israel bauten innerhalb weniger Stunden ein Krankenhaus auf, in dem sie täglich maximal 500 Patienten behandeln können. Die Vereinten Nationen errichteten 15 Zentren inner- und außerhalb von Port-au-Prince zur Verteilung von Hilfsgütern. Auch die mobile Gesundheitsstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist am Sonntagmittag (Ortszeit) in Port-au-Prince angekommen. An Bord des Hilfsfliegers waren 200 Kisten mit Zelten, Betten, Verbandsmaterial und Medikamenten für die Mini-Klinik, sagte eine DRK-Sprecherin. Sie soll die medizinische Grundversorgung Tausender Menschen gewährleisten.

Langsam trägt die Hilfsaktion auch Früchte: Im Fernsehen waren Bilder von Helfern zu sehen, die unter dem Schutz von UN-Blauhelmen Essen und Wasser an einige der hunderttausenden Bedürftigen ausgaben. Als aus einem tieffliegenden Hubschrauber Essenpakete abgeworfen wurden, kam es sofort zu den befürchteten Raufereien um die Lebensmittel.

Spendenkonten Mehr als 50.000 Menschen sind bei dem schweren Erdbeben in Haiti ums Leben gekommen. Unzählige sind obdachlos, verletzt und hilfsbedürftig. Wenn Sie für die Opfer der Naturkatastrophe spenden wollen, finden Sie hier eine Liste mit Hilfsorganisationen, die vor Ort die Bedürftigen unterstützen.

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