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7. April 2009, 15:28 Uhr

Häuserbau auf Italienisch

Die Stadt L'Aquila liegt mitten in einem Erdbebengebiet. Doch das bedeutet in Italien nichts. In der Stadt, wie auch im Rest des Landes, wurden die Gefahren verdrängt. Es gibt keine Vorschriften, die Bauherren dazu zwingen, erdbebensicher zu bauen. Die Grundregeln des Gebäudebaus wurden schlicht missachtet. Von Luisa Brandl, Rom

Erdbeben, Italien, sicherheitsmaßnahmen, Bau

Eingestürzte Häuser nach dem Erdbeben: Viele Gebäude in Italien sind nicht genug gegen Erdbeben geschützt© Christophe Simon/AFP

In L'Aquila stürzten nicht nur alte Gebäude aus Stein ein. Auch Neubauten fielen in sich zusammen - wie Kartenhäuser. "In Kalifornien hätte es bei einem Erdbeben dieser Stärke keinen einzigen Toten gegeben", sagt Franco Barberi, der Vorsitzende der nationalen Katastrophen-Kommission. Den Pfusch am Bau mussten die Menschen mit dem Leben bezahlen.

Die Bilanz ist bitter: Mindestens 200 Todesopfer, mehr als 2000 Verletzte, 70.000 Menschen ohne Obdach, 1,3 Milliarden Euro allein an Gebäudeschäden, ganz abgesehen von dem unwiederbringlich zerstörtem Kulturgut. Doch das Ausmaß der Katastrophe hätte verhindert werden können - wenn es entsprechende Auflagen gegeben hätte. Doch ein Gesetzesvorhaben von 2005 wurde von Mal zu Mal verschoben. Denn schon nach dem Erdbeben in Molise von 2002, bei dem durch den Einsturz eines Schulgebäudes 27 Kinder in den Tod gerissen wurden, wurde die dramatische Situation in Italien offenkundig. Doch seit 2005 bis heute ist nichts passiert. Deshalb kündigte Minister Claudio Scajola an, dass sein Konjunkturpaket, das die Bauwirtschaft ankurbeln soll, auch Sicherheitsnormen enthalten solle. Jene Normen zum Schutz gegen Erdbeben, die in dem Gesetzentwurf im Parlament schon lange schmoren.

Vorschriften wurden erlassen, um nicht angewendet zu werden

Die damalige Regierung Berlusconi hatte nach dem dramatischen Einsturz der Schule San Giuliano di Puglia eilig ein Dekret erlassen. Darin beschrieben Bauvorschriften, wie Ziegelstein, Zement und Holz fachgerecht zu verwenden seien. Das Dekret enthielt auch eine Übergangsregelung, um die bestehenden Gebäude zu modernisieren. Die Vorschriften traten im Oktober 2005 zwar in Kraft, doch angewendet wurden sie noch lange nicht. Weitere 18 Monate zogen ins Land. Es kam zum Regierungswechsel.

Doch das Kabinett Prodi zögert das Vorhaben wieder hinaus. Ende Juni 2009 sollte das Gesetz - wieder unter Berlusconi - endlich verabschiedet werden. Doch gegen das Vorhaben stemmt sich eine Lobby aus Architekten und Ingenieuren, die sich den Standards und Kontrollen entziehen will.

Auch Schulen und Krankenhäuser sind nicht geschützt

Noch nicht einmal die geforderten Sicherheitsstandards für besonders wichtige Gebäude wie Krankenhäuser und Schulen werden umgesetzt. Im Fall eines Erdbebens rächt sich das. So musste die Poliklinik in L'Aquila geschlossen werden. Das Gebäude war nicht erdbebensicher. Nun droht es, einzustürzen. Viele Gebäude hätte man auch mit einfachen Mitteln besser schützen können, sagt Maurizio Cerone, Professor an der Uni in Rom und Spezialist für Gebäudeschäden. "Man muss sich nur die Fernsehaufnahmen von L'Aquila ansehen, um festzustellen, dass bei den einstützenden Zementwänden die einfachsten Grundregeln des Baufaches nicht beachtet wurden."

Doch das Problem gibt es nicht nur in L´Aquila und der Region Abruzzen. In Italien entsprechen schätzungsweise 80.000 Gebäude nicht den Standards der Erdbebensicherung. 20.000 Schulgebäude wurden in Erdbebengebieten errichtet, 16.000 davon stehen in einem Territorium mit erhöhtem Risiko. 9000 sind überhaupt nicht gesichert. Gian Michele Calvi, Professor für Konstruktionen in Erdbebengebieten an der Uni Pavia sagt: "Solange wir nicht in die Sicherheit unserer Gebäude investieren, werden wir weiterhin mit Toten rechnen müssen. Und das ist skandalös."

Von Luisa Brandl, Rom
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Milidakis (09.04.2009, 09:44 Uhr)
Erdbebensicheres Bauen
Es ist sehr wohl möglich durch entsprechende Bauvorschriften und deren Einhaltung solch katastrophale Folgen in bekannt erdbebengefährdeten Gebieten zu begrenzen.
Im vergangenen Juni gab in Patras auf dem Nordpeloponnes ein Erdbeben der Stärke 6,3 und einen Toten. Auch die Schäden an Gebäuden waren sehr begrenzt. Und das obwohl die Griechen nicht dafür berühmt sind, sich an Vorschriften zu halten. In dieser Gegend fordern die Bauschriften Sicherheit für bis zu 7 Richter, in anderen Gegenden mehr.
ganzbaf (08.04.2009, 07:12 Uhr)
Fachwerkhäuser...

sind seit 1000 Jahren erdebensicher.
Und zwar auch ganz ohne Arschiteckt ;-D
DonFuego (07.04.2009, 20:15 Uhr)
Fragt jemand warum?
Ganz einfache Antwort: Mafia.
in_medias_res (07.04.2009, 19:08 Uhr)
meines Wissens gibt/gab es sehr wohl Bauvorschriften
Im Widerspruch zu den Aussagen im Artikel haben mir meine Freunde aus Ovindoli, ca. 40km südlich von l'Aquila gelegen, gesagt, dass es schon 1980 Vorschriften zum erdbebensicheren Häuserbau gab. Deren Haus dort --wie alle neueren Gebäude-- hat ein Stahlbeton-Skelett und -Dach. Natürlich können kriminelle Baufirmen am Zement und Stahl darin betrügen; in Ovindoli hat aber die entsprechende Mafia-Abteilung noch keinen Fuß fassen können. Daher ist dort auch fast nix passiert, wie sie heute schrieben.
laui (07.04.2009, 18:06 Uhr)
@Nostradamus: Darum!
Mit der Villa, Eigentumswohnung, Mietwohnung am Flussufer, am Berghang mit unverbaubarer Sicht, in Florida, im Grünen ausserhalb der stinkenden und überteuerten Metropole Roms kann man die Nachbarn, Freunde und Kollegen viel besser beeindrucken. Und man ist trotzdem schnell in Rom. Und mit den bauweise bedingten Einsparungen kann man ein deutlich representativeres Haus bauen, als wenn es zwar Erdbebensicher ist, jedoch allenfalls mit der Wohnung der Sekretärin konkurieren kann.
Nebenbei, als jemand der sich erfolgreich dem sozialen Druck des Erwerbs von T-Aktien entzogen hatte, musste ich mir oft genug von T-Aktionären deren erfolgreiche Bilanz vorrechnen lassen, mich oft genug als jemand der die Change nicht beim Schopf greift bezeichnen lassen.
Wie lautet das Motto vieler?
besser heute scheinen als morgen sein. Morgen ist schliesslich das Mitleid der anderen mindestens ebenso erfolgreich und reicht mindestens zur Schadensbegrenzung.
Nostradamus (07.04.2009, 17:36 Uhr)
Letztes Erdbeben in Italien Winter 1980
Schon damals war ich erschüttert in welchen Hütten die Italiener mitten in einem Erdbebengebiet wohnten. Davor war es wohl 1976, dass es in der Region bebte und es viele Tote gab.
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Damals habe ich noch gespendet. Heute?
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Warum bauen Menschen unbrauchbar in, an und auf
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* Flußauen/ Überschwemmungsgebieten
* Klippen
* Vulkanen
* Erdbebengebieten
* Sturmregionen
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?
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Warum kauft man Lehmann Zertifikate und Aktien?
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Weil man hofft, dass man ungeschoren davon kommt und es besser macht als der "Vorsichtige", das "Weichei" und vielleicht, weil man die schöne Aussicht genießt und dem anderen zeigen kann, dass man mutiger ist?
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Und warum fordern die "Opfer" dann von all jenen die es klüger machen Unterstützung?
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Die Frage ist wer sind die Opfer? Die, die es klüger machen sind auch Opfer.
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Denn, uns berührt es zutiefst dieses Elend zu sehen, wir spenden immer wieder fleißig, damit die selben Fehler immer und immer wieder begangen werden können.
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Menschliches Verhalten ist absurd.
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