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17. März 2011, 18:40 Uhr

Das droht in Fukushima - vier Szenarien

Atomkatastrophe in Japan

Die Lage im Atommeiler Fukushima 1 spitzt sich weiter zu. Ob es zur größtmöglichen atomaren Katastrophe kommt, entscheiden Wind, Wetter undder Zufall. Vier mögliche Szenarien. Von Michelle Röttger

Die Lage im Atomkraftwerk Fukushima 1 wird immer dramatischer. Wie es im Inneren der japanischen Unglücksreaktoren aussieht, ist unklar. Nach dem Ausfall der Kühlung als Folge des verheerenden Erdbebens sowie dem anschließenden Tsunami heizen sich die betroffenen Reaktorkerne auf - und tun es dem Anschein nach weiter. Bisher versuchten die Betreiber beim Kampf gegen die Katastrophe, den Druck in den Reaktoren zu senken, indem sie immer wieder die Ventile öffneten - auch wenn dabei strahlende Partikel freigesetzt wurden. Sollte der Sicherheitsbehälter eines der Reaktoren nun jedoch stark beschädigt werden, gerät der Prozess völlig außer Kontrolle. Verschiedene Szenarien zum weiteren Verlauf sind denkbar.

Szenario eins - günstigster Fall

Die Sicherheitsbehälter aller Blöcke bleiben intakt, es kommt zu keinen weiteren Wasserstoffexplosionen. Die Kühlung funktioniert, und die Brennstäbe bleiben von Wasser bedeckt. Sie können schließlich auf ein ungefährliches Niveau abgekühlt werden. Durch die Druckentlastungen sind vergleichsweise geringe Mengen an radioaktiven Gasen und Aerosolen aus den Sicherheitsbehältern ausgetreten. Bei günstigen Witterungsverhältnissen werden die radioaktiven Partikel über wenig besiedelten Gebieten oder dem Meer durch Regen ausgewaschen. Das größte Problem bleiben dann die partiellen Kernschmelzen.

Szenario zwei - ständige Gefahr

Die Sicherheitsbehälter aller Blöcke bleiben intakt, aber die Brennstäbe können nicht mehr gekühlt werden. Da die meisten Messgeräte ausgefallen sind, ist es schwer zu sagen, wie lange der Zustand noch kritisch bleibt oder wie erfolgreich die Abkühlung verläuft. Es kommt erneut zu Kernschmelzen. Im schlimmsten Fall frisst sich das radioaktive Material durch den Sicherheitsbehälter und sämtliche Gebäudehüllen ins Erdreich, bis es das Grundwasser erreicht. Kommt die geschmolzene Masse mit dem Beton in Kontakt, werden zusätzliche radioaktive Partikel wie Lanthan-, Cer- und Niob-Isotope freigesetzt. Im Verlauf der Kernschmelze kann es zu weiteren Wasserstoffexplosionen kommen.

Bei Explosionen werden die entweichenden radioaktiven Stoffe mehrere Hundert Meter hoch in die Atmosphäre geschleudert. Dort werden sie von den Luftströmungen erfasst und als radioaktive Wolke mitgeführt. Ohne Niederschlag bleiben die Partikel in den hohen Luftschichten lange in der radioaktiven Wolke. Bei Regen werden sie ausgewaschen. Ohne Explosion austretende Stoffe bleiben in bodennäheren Luftschichten und werden dort vom Wind verteilt. Sämtliche Stoffe lagern sich irgendwann am Boden und auf Pflanzen ab. Sie können sich aber auch direkt auf Kleidung und bloße Körperteile von Menschen, die sich im Freien aufhalten, setzen. Wie sich die radioaktiven Stoffe schließlich verteilen, hängt von den Luftbewegungen am Boden und Hindernissen wie Gebäuden oder Hügeln ab. Auf offenen Flächen werden sie immer wieder aufgewirbelt. In windstillen Ecken setzen sie sich ab, in Pfützen laufen sie zusammen.

Die ausgewaschenen Stoffe brauchen Jahrzehnte, um zu zerfallen. Menschen und Tiere nehmen sie über Luft, Nahrung und Wasser auf. Zum Teil lagern sie sich in Körperorganen ein, in denen sie weiter strahlen und Zellen sowie Erbgut beschädigen.

Szenario drei - schlimmster Fall

Der Sicherheitsbehälter von Block 2 ist stark beschädigt. Radioaktives Material gelangt in Form von Gas, Wasser und Staub in die Umwelt. In unmittelbarer Nähe zum Kernkraftwerk steigt die Strahlenbelastung rasant an. Weitere Arbeiten an allen Reaktorblöcken werden dadurch massiv erschwert. Als Folge kann die Kühlung der Brennstäbe nicht mehr gewährleistet werden. Es kommt wie in Szenario zwei zu erneuten Kernschmelzen. Durch weitere Explosionen kann der Sicherheitsbehälter zudem noch stärker beschädigt werden, und es kann weiteres radioaktives Material in höhere Luftschichten gerissen werden.

Szenario vier - neue Zusatzgefahr

Der Reaktor von Block 4 war zur Zeit des Bebens nicht in Betrieb. Zu Beginn der Krise gehörte er daher nicht zu den Problemreaktoren. Im Zuge der jüngsten Wasserstoffexplosion ist in Block 4 die Kühlung eines Beckens für verbrauchte Brennstäbe ausgefallen. Die Temperatur in den Abklingbecken hat inzwischen dramatisch hohe Werte erreicht, meldet die Internationale Atomenergiebehörde. Dadurch könnten die Schutzhüllen der Brennelemente kaputtgehen. Wenn das Wasser weiter verdampft, ist auch hier mit einer Kernschmelze zu rechnen. Das Kühlungsbecken ist dafür nicht ausgelegt, es gibt keine Sicherheitsvorkehrungen. Das flüssige Brennmaterial könnte sich hier noch schneller ins Erdreich fressen.

Gefunden in der Onlineausgabe der "Financial Times Deutschland"

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