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21. Juli 2009, 08:40 Uhr

Abhang schon früher abgesackt

Teile der Böschung am Tagebausee von Nachterstedt sind offenbar bereits vor dem Erdrutsch abgesackt. Bei einer Begehung einer Delegation einer rheinischen Tagebaugemeinde vor zwei Jahren soll davon die Rede gewesen sein, dass sich der Abhang gesenkt habe. Das Unglück sei vorhersehbar gewesen, wirft ein Experte den Verantwortlichen vor.

Erdrutsch, Nachterstedt, Uni Kiel, Katastrophenforscher

Über die genaue Unglücksursache des Erdrutsches herrscht weiterhin Rätselraten© Jens Meyer/AP

Am Tagebausee von Nachterstedt hat es offensichtlich schon vor dem verheerenden Erdrutsch Absackungen gegeben. Der Bürgermeister der rheinischen Tagebaugemeinde Inden, Ulrich Schuster, sagte am Dienstag, bei einem Besuch am Concordia-See vor rund zwei Jahren habe er eine Veränderung der Böschung in einem unbebauten Landschaftsbereich wahrgenommen. "Damals wurde offen darüber geredet, dass die Böschung abgesackt ist", sagte er. Nach seiner Wahrnehmung damals war das Ereignis schon etwas älter. Die Besichtigung habe im Rahmen einer Reise mit einer Gruppe des Braunkohleausschusses stattgefunden.

Der Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Universität Kiel, Wolf Dombrowsky, warnt unterdessen davor, dass sich in den Bergbauregionen Deutschlands ähnliche Katastrophen wie in Sachsen-Anhalt ereignen könnten. "In Nachterstedt waschen sich alle Verantwortlichen jetzt rein und sprechen von einem unvorhersehbaren Unglücksfall, doch das entspricht nicht der Wahrheit", sagte der Professor der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der Wissenschaftler ist Mitglied der Schutzkommission beim Bundesinnenminister, einem Beratungsgremium.

Dombrowsky fordert eine Risikokartierung für ganz Deutschland. "Ich verweise seit Jahren darauf, dass die bisherigen Risikobewertungen in Bergbauregionen ungenügend sind, da komplexe geologische Dynamiken etwa durch Wassereintritte, Temperaturschwankungen und unterschiedliche Lastveränderungen unberücksichtigt bleiben", sagte der Forscher. Es reiche nicht aus, stillgelegte Stollen aufzufüllen oder Hohlräume aufzuschütten, wie zahlreiche Beispiele im Ruhrgebiet, im Saarland oder in den Braunkohlegebieten in den neuen Ländern zeigten.

"Es ist ein echtes Ärgernis, dass wir in Deutschland keine öffentliche Debatte über die so genannten Ewigkeitskosten des Bergbaus führen. Aus Angst vor den horrenden Kosten schrecken Kommunen und Bergbaugesellschaften oft davor zurück, seriöse Risikobewertungen durchzuführen. Sie folgten der Devise: "Wenn drei, vier oder zehn Häuser Risse bekommen, absacken oder zusammenstürzen, kommt uns das immer noch billiger als präventive Maßnahmen zu ergreifen", kritisierte Dombrowsky.

Nach Ansicht des Bergbau-Experten Günter Meier müsse derjenige mit einem Restrisiko rechnen, der in einem Gebiet lebe, in dem früher einmal Bergbau betrieben worden ist. Sicherheit in dem Sinne könne man nicht geben. "Aber man muss natürlich durch Untersuchungen, durch Begutachtung und durch Sanierung die gefährdeten Bereiche beseitigen und entsprechend vorrichten, dass sie dauerhaft sicher sind", sagte der Experte von der TU Freiberg im ZDF-Morgenmagazin. Das Problem sei immer, diese unsicheren Bereiche zu erkennen. Die vom Erdrutsch betroffene Siedlung müsse unbedingt geräumt werden.

Neue Anlaufstelle für Bevölkerung

Für die Bevölkerung in Nachterstedt soll unterdessen mit einer neuen Anlaufstelle die Hilfe vorangebracht werden. Das Bergbau-Unternehmen LMBV will mit dem Büro schnelle und unbürokratische Hilfe für die rund 40 Menschen schaffen, die nach dem verheerenden Erdrutsch am Samstag ihre Häuser verlassen mussten. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV will den Betroffenen am Dienstag Bargeld auszahlen. Bei dem Unglück waren drei Menschen im Alter von 48, 50 und 51 Jahren ums Leben gekommen.

Ein letzter Versuch, mit Hilfe der Bundeswehr an die drei Verschütteten zu gelangen, scheiterte am Montag wegen der gefährlichen Lage am Unglücksort. Ein neuer Anlauf zur Bergung sei in Kürze nicht denkbar, sagte der Landrat des Salzlandkreises, Ulrich Gerstner (SPD). In der Nähe der evakuierten Häuser waren am Montag neue Risse im Erdreich entdeckt worden, so dass weitere Erdrutsche befürchtet werden. Am Montagabend wurden auch in Anbauten der evakuierten Häuser Risse festgestellt.

Am Samstagmorgen war urplötzlich eine etwa sechs Fußballfelder große Fläche in den Tagebausee gerutscht und hatte ein Doppelhaus mit drei Bewohnern und die Hälfte eines Mehrfamilienhauses mit in die Tiefe mitgerissen. Über die Unglücksursache herrscht Rätselraten. "So einen Fall hat es in der Bergbaugeschichte noch nicht gegeben. Es ist im Moment nicht möglich, eine Ursache für das Geschehen zu benennen", sagte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU).

Erdrutsch, Nachterstedt, Uni Kiel, Katastrophenforscher

AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
fidschi (23.07.2009, 12:22 Uhr)
So sah es früher aus
Wen es interessiert. Hier gibt es ein Bild: http://www.lmbv.de/pages/fotogalerie.php?idpage=324
Auszuwählen ist lmbv_1206.jpg
Gruß
Fidschi
jomimo (22.07.2009, 20:21 Uhr)
"Auf Sand gebaut" ...
... ist ja schon eine etwas ältere Redensart für verschiedene Situationen - jedoch hier hätten die Bergbaugeologen durchaus einschreiten müssen.
.
Diese Häuser sind 1936 auf einer Kippe errichtet worden !!
tecorian (22.07.2009, 13:32 Uhr)
@pucky80
Yo, haste recht, ist immer mit Vorsicht zu geniessen. Im konkreten Fall hat aber "mein" Baugrundgutachter die Profi-Version mit Bilder von dort aus dem Jahre 2007 und in sehr hoher Auflösung.
Die von Ihm erkannten Errosionsflächen (Trockenbachbette) sind dort (aber auch schon in der freien Version) sehr deutlich zu erkennen und gehen nahezu unmittelbar bis an den ursprünglichen Grubenrand und somit bis auf ca. 50 m zum zerstörten Haus heran. Ist aber nicht das Hauptthema, er meint, dass die besonderen bodenmechanische Beschaffenheit des ehemaligen Abraumgeländes verbunden mit der flutung schlichtweg zu einem solchen oder ähnlichem Resultat führt. Sein Besipiel: Kipp mal in ein Kinderplanschbecken in eine Ecke eine Schubkarree Sand, unverdichtet und fülle dann die restliche Fläche mit dem Gartenschlauch mit Wasser -> Grundbruch am Sandhaufen! Stark vereinfacht aber im Kern die Wahrheit.
pucky80 (22.07.2009, 13:17 Uhr)
Google Earth
Google Earth ist immer bischen mit Vorsicht zu geniessen. Auch wenn 2009 dran steht, sind die verfuegbaren Bilder meist 5-10 Jahre alt. Die sichtbaren erodierten Flaechen sind also laengst unter Wasser und soweit ich weiss, sind die Seesolen nie sonderlich nachbehandelt wurden, weil dort auch im aktiven Tagebaubetrieb schon das Grundwasser drin stand.
tecorian (22.07.2009, 08:58 Uhr)
Unglück war wohl vorhersehbar!
bitte schaut einfach mal in Google Earth die Situation an. Die Aufnahme zeigt deutliche + massive Errosionsspuren im jetzigen Unglücksbereich. Ein Freund von mir ist Baugrundgutachter und der ist , nachdem er sich mal darüber schlau gemacht hat, der Meinung, dass auf Grund der Steilheit des ursprünglichen Geländes, der Materialbeschaffenheit und der Errodierungen so ein Grundbruch eigentlich vorhersehbar war. Warum die örtlichen Fachkundigen dies nicht erkannt hätten, sei ihm schleierhaft.
FIJI (21.07.2009, 18:04 Uhr)
@Fidschi
Gruß aus Suva!
pucky80 (21.07.2009, 17:17 Uhr)
@olga1805
Natuerlich ist auch Trauer fuer die Opfer angesagt und Mitleid mit den Betroffenen, die zwar vom Tagebau verschont worden sind, aber jetzt doch noch wie viele tausend andere umgesiedelt werden, weil ihr Haus abgerissen werden muss.
Die Tagebau-Rekultivierungsmassnahmen sind aber alle fuer sich eine Wiedergutmachung an Natur und Menschheit. Wer die Natur- und Landschaftsschutzgebiete mit all den Seen jetzt sieht mag gar nicht glauben, dass vor wenigen Jahren dort noch Tagebaubagger das Erdreich metertief durchfluegten. Die Anstrengungen der LMBV sind jedenfalls gewaltig und wahrlich keine Billigloesung aus dem Supermarktregal. Alle Seen sind bis jetzt autofrei. Die Rundwege sind den Fussgaengern und Radfahrern vorbehalten, gesaeumt von aufgeforsteten Waeldern und Straeuchern. Auch auf den Seen gibt es sehr starke Beschraenkungen fuer Motorschifffahrt und sonstige Industrialisierungen.
In den ehemaligen Tagebaugebieten hat eindeutig die Natur Vorfahrt.
Das Unglueck von Nachterstedt ist als aussergewoehnlichen Unfall zu werten. Die Tagebaukultivierung kann und darf nich in Frage gestellt werden.
acenes (21.07.2009, 13:55 Uhr)
Erwarte schon lange, dass es auch im Ruhrgebiet rumpelt
So untergraben und kohlemäßig ausgeschlachtet worden wie das Ruhrgebiet dürfte keine Region in Deutschland sein. Hier ist es auch nur noch eine Frage der Zeit bis etwas einstürzt. Vielleicht sollten alle klugen selbsternannten Experten auch mal ein Unglück vorhersehen. Nachher weiß naturgemäß immer jeder alles besser.
chatahootchee (21.07.2009, 13:42 Uhr)
ALLE HABEN RECHT -
nur warum jetzt erst? Berater der Regierung(!), Experten kommen heraus, wenn die Katastrophe passiert ist.
Ehemalige Bergbaugebiete sind Risikogebiete; Vorsorge sollte entsprechend sein.
olga1805 (21.07.2009, 13:36 Uhr)
Bei all dem Leid und der . . . .
Trauer sollte das vielleicht ein Anlass sein zu überdenken, ob es nicht Zeit wäre den Kraftakt Mensch gegen Natur endlich aufzugeben. Überall herum bohren, die Erde aushöhlen, alle Flüsse umleiten, neue Seen anlegen, die Gebirge verunstalten, die Natur grundlegend verändern, dürfte nun wohl genügend Beispiele geliefert haben um das zu beenden. Wenn man aber den halbherzigen bis kaum wahrnehmbaren "Kampf" gegen die Klimakatastrophe sieht, möchte man auch daran nicht mehr glauben. Wahrscheinlich versuchte sich der Mensch in der Vergangenheit schon mehrfach auszurotten und hat bis heut nicht soviel daraus gelernt. Nachweislich waren die Wüstengebiete dieser Erde auch von Menschenhand geprägt, sie waren fruchtbare, bewohnte Flächen mit reichem Tierbestand. Also, dann macht mal so weiter liebe Mitmenschen ! Und, nicht etwa an Morgen denken, warum auch.
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