Hatte der Erfurter Amokläufer einen "Antreiber"?

21. April 2004, 12:00 Uhr

Polizei und Staatsanwaltschaft in Thüringen ermitteln gegen eine Person, die sich als "Spiritus Rector" und "Antreiber" des Erfurter Amokläufers Robert Steinhäuser bezeichnet.

Erfurter Gutenberg-Gymnasium: Laut Kommission hatte keines der 16 Opfer des Schulmassakers eine Überlebenschance©

Polizei und Staatsanwaltschaft in Thüringen ermitteln gegen eine Person, die sich als "Spiritus Rector" und "Antreiber" des Erfurter Amokläufers Robert Steinhäuser bezeichnet. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, war zum Jahreswechsel ein entsprechendes Schreiben als Brief und als E-Mail aufgetaucht. In weiteren Schriftstücken schildert der mutmaßliche Trittbrettfahrer demnach außerordentlich brutale Gewaltszenen und drückt Bewunderung für Steinhäusers Tat aus.

Ein Sprecher des Erfurter Justizministeriums wollte den Bericht nicht kommentieren. Er verwies aber darauf, dass Justizminister Karl Heinz Gasser bereits am 1. April von "beunruhigenden Spuren" gesprochen hatte, denen die Behörden nachzugehen hätten. Eine Kommission unter Leitung des CDU-Politikers hat das Massaker vom 26. April 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium untersucht.

Kommission: Keine Überlebenschance für Opfer von Schulmassaker

Keines der 16 Opfer des Schulmassakers vor zwei Jahren in Erfurt hatte eine Überlebenschance. Das geht aus dem am 20. April vorgelegten 371 Seiten starken Bericht einer von der Thüringer Landesregierung eingesetzten Kommission hervor. Sie hatte nach anhaltender Kritik die Ermittlungen zum Täter, zum Ablauf der Bluttat sowie zur Rettung von Opfern untersucht. Hinterbliebene hatten in diesem März Anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung gegen Verantwortliche des Polizei- und Rettungseinsatzes gestellt.

In dem Bericht wird festgestellt, dass ein Lehrer, der nach den Schüssen des 19-jährigen Ex-Schülers Robert Steinhäuser noch mehr als eineinhalb Stunden lebte, selbst bei optimaler medizinischer Versorgung "keine Überlebenschance" hatte. Zeugen hatten berichtet, dass sich der Lehrer laut um Hilfe schreiend noch aus einem Klassenraum über Treppen geschleppt hatte. Eine Rechtsmedizinerin wird mit dem Satz zitiert: "Das grenzt für mich an ein Wunder."

Kommission schließt erneut einen zweiten Täter aus

Seine Verletzungen seinen «unbedingt tödlich gewesen», heißt es in dem Bericht. Moniert wurde jedoch, dass für alle Opfer offiziell eine einheitliche Todeszeit angegeben wurde. Der Polizeieinsatz war umstritten, weil die Schule nicht gestürmt wurde, sondern Spezialkräfte Etage für Etage auf der Suche nach einem vermeintlichen zweiten Täter vorgingen.

Die Kommission unter Leitung von Justizminister Karl Heinz Gasser (CDU), der drei Richter und ein Staatsanwalt angehörten, sprach zwar von Mängeln beim Einsatz, das Vorgehen insgesamt sei jedoch angesichts der Situation nicht zu beanstanden. Die Kommission schloss erneut einen zweiten Täter aus. Alle Schüsse, bis auf den aus einer Polizeiwaffe, seien aus der Pistole des Täters abgeschossen worden. Weitere Ermittlungen gebe es noch zu einem zum Jahreswechsel 2004 aufgetauchten Schreiben, in dem sich eine Person als "spiritus rector und Antreiber des Robert Steinhäuser" darstellt. In dem Bericht heißt es: "Die Kommission nimmt die Sache bis zu einer endgültigen Klärung ernst."

Offen bleiben Fragen nach einem möglichen Mitwisser

Erneut wurde in dem Bericht, von dem Teile bereits am 1. April vorgestellt wurden, die Kritik am erzwungenen Schulabgang des späteren Täters geübt. Er habe nicht den Vorschriften entsprochen und sei unverhältnismäßig gewesen. Steinhäuser hatte regelmäßig die Schule geschwänzt und ein ärztliches Attest gefälscht. Ofen bleiben Fragen nach einem möglichen Mitwisser. Die Kommission schloss jedoch aus, dass ein Warnanruf, der die Schule zwei Tage vor dem Massaker erreichte, aus der Familie des Täters stammte. Nach Aussagen des Hausmeisters soll ein Anrufer etwas "Schlimmes" angedroht haben.

Der vollständige Bericht soll nach Angaben des Justizministeriums heute im Internet veröffentlicht werden. Den Angehörigen von Opfern sei er bereits zugegangen, sagte ein Ministeriumssprecher.

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