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11. Juni 2008, 14:38 Uhr

Fall Kampusch wird neu aufgerollt

Der Entführungsfall Natascha Kampusch wird noch einmal aufgerollt. Nach Informationen des stern soll eine neue Ermittlungsgruppe der Polizei gebildet werden. Damit reagieren die österreichischen Behörden auf den Abschlussbericht einer Untersuchungskommission zu den bisherigen Ermittlungen. Er stellt der Polizei ein vernichtendes Zeugnis aus. stern.de veröffentlicht Auszüge. Von Uli Hauser

Das Entführungsopfer Natascha Kampusch moderiert mittlerweile eine Talkshow. Ihr Fall wird nun nochmal neu aufgerollt© EPA/Puls 4 / MARTIN MORAVEK

Zehn Jahre nach dem Verschwinden von Natascha Kampusch und fast zwei Jahre nach ihrer Flucht aus achteinhalbjähriger Gefangenschaft wird die Wiener Polizei den Fall wieder neu aufrollen. Nach Informationen des stern soll eine neue Ermittlungsgruppe der Polizei gebildet werden. Diese Sonderkommission, nunmehr die dritte in zehn Jahren, ist notwendig geworden, nachdem die sogenannte "Evaluierungskommission" für den Fall Natascha Kampusch am Mittwoch ihren Schlussbericht an den österreichischen Innenminister Günther Platter übergeben hat. Der 58seitige Bericht kommt zu dem Schluss, dass dem Schutz des Opfers Vorrang gegenüber dem Sicherheitsinteresse der Öffentlichkeit gegeben worden sei. Es könne weitere Opfer geben, wenn "fassbare Gründe für die Annahme sprechen, dass (zumindest) ein bisher nicht ausgeforschter weiterer Täter involviert war".

Die Staatsanwaltschaft Wien bestritt die Aufnahme neuer Ermittlungen. Oberstaatsanwältin Marie-Luise Nittl sagte der Deutschen Presse-Agentur (DPA) am Mittwoch: "Dazu ist es noch zu früh. Zunächst müssen wir den Untersuchungsbericht genau studieren. Danach sehen wir weiter, ob es überhaupt Gründe für weitere Ermittlungen gibt."

"Dass gebremst wurde, das ist evident"

Die zehnköpfige Kommission hatte 166 Aktenordner gesichtet und 25 mit dem Fall befasste Polizeibeamte befragt. Die hochkarätigen Experten kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Sie bemängeln eine "bemerkenswert kritiklose Bereitschaft", wichtigen Spuren und Hinweisen nicht nachgegangen zu sein und sparen nicht mit klaren Worten: "Das Zusammentreffen dieser Umstände gepaart mit zum Teil bemerkenswert anlehnungsgeneigten und verunsichert agierenden Führungskräften führte schlussendlich zu einer Situation, in der teilweise geliehene Autorität bzw. Angst, persönliche Befindlichkeiten sowie die Frage nach einem "Schuldigen" vordergründiger erschienen als die fachlich saubere Aufarbeitung der eigentlichen Fragestellung: Was ist in den Wochen vor dem Verschwinden von Natascha Kampusch beziehungsweise in all den Jahren danach eigentlich wirklich passiert und wer hat dabei welche Rolle gespielt?" Ludwig Adamovich, Vorsitzender der Kommisssion, zum stern: "Dass gebremst wurde, das ist evident. Die Frage ist: Warum? Und wie? Und von wem?

Ludwig Adamovich war 19 Jahre lang Präsident des Österreichischen Verfassungsgerichtshofes und berät heute den Bundespräsidenten. Er sitzt über ihm, im ersten Stock der Hofburg, mitten in Wien, in einem riesigen Zimmer mit einer vier Meter hohen Decke und dunkelroter Seidentapete. Von hier aus regierten die österreichischen Kaiser einst ein Weltreich: nun soll von hier aus ein unangenehmer und schrecklicher Kriminalfall aufgeklärt werden. Es geht um Sadomasopraktiken und Bisexualität, pädophile Netzwerke und Beziehungsgeflechte, Geldschiebereien und Steuerbetrug. Um schnelle Autos und ein armes Mädchen, das in offenbar katastrophalen Familienverhältnissen aufwuchs.

Aber was in einer Sozialsiedlung am Rande der Stadt begann, zwischen Würstchenbuden und Müllverbrennungsanlage, in einer Gegend, hinter der Metternich "den Balkan", also nichts Gutes, vermutete, soll, endlich in der Hofburg angekommen, nicht mehr ausgesessen werden.

Der Jurist Adamovich gilt in Österreich als eine Institution: Sein Vater war der letzte Justizminister Österreichs vor dem Einmarsch der Deutschen 1938 und nach dem Krieg erster Präsident der Wiener Universität. Er beherrscht die Kunst der Gratwanderung. Seine Experten aber können in ihrem Abschlußbericht nur mit Mühe ihren Ärger verklausulieren. Denn noch heute sagt der Sprecher der Wiener Staatsanwaltschaft, selten in der Geschichte der Republik sei ein Fall so gewissenhaft ausermittelt worden wie der von Frau Kampusch.

"Schutzschirm" um Kampusch

Das sieht die Kommission anders. So heißt es auf Seite 13 ihres so genannten "Abschlußberichts": "Die Staatsanwaltschaft Wien ... scheint die Wünsche aus dem Umfeld des Opfers in bemerkenswert kritikloser Bereitschaft akzeptiert zu haben. Dadurch konnte eine Anzahl von nicht vom Gericht bestellten Personen eine Art "Schutzschirm" um das Opfer Natascha Kampusch bilden, welcher die ohnehin schwierigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen um und rund um Wolfgang Priklopil durch Vorgaben, Einschränkungen und Restriktionen erheblich erschwerte."

Der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil hatte am 2.März 1998 das damals zehnjährige Mädchen morgens auf dem Weg zur Schule in einem Kleinlaster gezerrt. So beschreibt bis heute Natascha Kampusch einen Umstand ihrer Entführung. Eine andere Augenzeugin, die heute 22-jährige Ischtar A., eine damalige Schulkameradin, gab dagegen zu Protokoll, "ein zweiter Mann" sei "am Fahrersitz gesessen". Und bleibt bis heute bei ihrer Aussage, wie auch Natascha Kampusch.

Den Umgang mit dem Hinweis der Zeugin bewertet die Kommission auf Seite 32 so: "Mit der Aussage der (wenn auch damals noch unmündigen) Tatzeugin Ischtar A. über die Beteiligung (auch) eines - bisher nicht ausgeforschten - Fahrzeuglenkers lag ein von Anfang an fassbarer Hinweis in Richtung Mehrtäterschaft vor. Dies zudem in einem Verdachtskontext, der schwerwiegende Verbrechen zum Nachteil eines im Entführungszeitpunkt zehnjährigen Kindes und mit langfristigem sexuellem Kindesmissbrauch einen kriminellen Hintergrund zum Gegenstand hatte, dessen massives Gewicht keiner näheren Erörterung bedarf." Und: "Auch die in der Strafanzeige vom 22. September 2006 enthaltenen Angaben von Natascha Kampusch über das Verhalten des Wolfgang Priklopil während des Aufenthaltes in einem Waldstück bei Strasshof, vor der Anfahrt zum Wohnhaus in der Heinestrasse 60, wiesen in diese Richtung." Natascha war in diesem Wohnhaus, wie sie sagt, achteinhalb Jahre von Priklopil festgehalten worden. Mit anderen Worten: Offenbar hat Natascha Kampusch nach ihrem Auftauchen bisher nicht bekannte Aussagen gemacht, womöglich zur Aufklärung des Falls entscheidende Aussagen.

Gendarmerie überprüfte 1520 Zulassungsbesitzer

Ob es einen zweiten Täter gegeben hat oder nicht - fest steht, dass die Polizei nach den ersten Hinweisen auf Wolfgang Priklopil geschlampt hat. Die Kommission: "Allerdings zeigt schon die erste Überprüfung des Priklopil vom 6. April 1998 Mängel. Hatten doch die Beamten, die die 'Fahrzeug (!)-Überprüfung' bei ihm vornahmen, nach ihren Angaben nicht einmal von der Personsbeschreibung der einzigen Zeugin Kenntnis."

Damals hatte die Gendarmerie aufgrund der Beschreibung der Zeugin - Natascha Kampusch sei in ein "großes hohes Auto, weiß lackiert, mit schwarzen Scheiben und einem Buckel" eingestiegen - insgesamt 1520 Zulassungsbesitzer von Fahrzeugen sowie weitere 650 Personen überprüft. Priklopil gab damals an, er habe die Polizisten bereits erwartet: Er zeigte ihnen sein Auto, er hatte nichts dagegen, dass die Beamten ein Polaroid-Foto schossen, und er sagte, er sei am fraglichen Tag allein zu Haus gewesen. Dies werteten die Beamten als "Alibi". Später, so ist in den dem stern vorliegenden Polizeiprotokollen zu lesen, soll Priklopil seinem Geschäftsfreund Ernst H. zufolge, gesagt haben: "Glaublich sagte er ..., dass die Bullen sowieso Stocktrotteln seien. Wenn man ihnen eine intelligente Erklärung geben könne, könne man ohnehin alles machen."

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
ecomoc4u (11.06.2008, 18:18 Uhr)
irgendwie
finde ich die total schnukelig.
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