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3. Juni 2008, 09:31 Uhr

"Das Elend in Einzelteile zerlegen"

Vor zehn Jahren entgleiste bei Eschede der ICE "Wilhelm-Conrad-Röntgen", 101 Menschen starben. Der Trauma-Spezialist Georg Pieper betreute damals Angehörige von Todesopfern. Im stern.de-Interview berichtet er über Behandlungsmöglichkeiten und die psychischen Folgen des Unfalls.

Bei dem schwersten Zugunglück der deutschen Geschichte in Eschede kamen 101 Menschen ums Leben© Ingo Wagner/DPA

Herr Pieper, wie geht es den Menschen, die Sie betreut haben, heute? Vielen konnten wir durch unsere Gruppenangebote und Therapien helfen, ihr Trauma zu überwinden. Insbesondere Angehörige von Todesopfern haben unsere Therapiegruppen in Anspruch genommen, die damals vom Gesundheitsservice der Bahn bundesweit ins Leben gerufen wurden. Dagegen haben wir leider viele der Überlebenden nicht erreicht. Gerade hier wäre eine professionelle Betreuung besonders wichtig gewesen. Diese Menschen haben die ganze Tragödie bei vollem Bewusstsein miterlebt. Sie haben zerfetzte Leichenteile gesehen oder den Tod ihrer Partner oder Kinder mit ansehen müssen. Wieso sind diese Menschen nicht zu Ihnen gekommen?

Das ist leider bei jeder Katastrophe so, dass es immer Menschen gibt, für die es unmöglich ist, über das Erlebte zu sprechen, und die das Erlittene einfach nicht verkraften. Besonders den Verlust eines Kindes verwinden manche Menschen nicht. Es kommt vor, dass Katastrophenopfer wenige Monate nach dem Ereignis schwer krank werden und manche sogar vor Gram sterben.

Sind Katastrophenopfer grundsätzlich in ähnlichen Situationen?

Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Menschen Naturkatastrophen besser verwinden können als Katastrophen, die von Menschen verschuldet worden sind. Am schwierigsten ist die Situation von ehemaligen Geiseln oder Opfern anderer Gewalttaten. Das Zugunglück von Eschede liegt vom Schweregrad her in der Mitte.

Wie äußern sich die Folgen von traumatischen Erlebnissen?

Wenn der Schock nach einem Unglück nicht nach einem Monat überwunden wird, sprechen wir von einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Die Opfer erleben das Ereignis immer wieder, sie werden von ihren schrecklichen Erinnerungen im Alltag regelrecht überfallen. Sie fühlen sich dann hilflos und haben Todesangst. Zugleich versuchen sie jeder Situation aus dem Weg zu gehen, die sie an das Ereignis erinnern könnte. Körperlich stehen sie permanent unter starker Anspannung. Dazu kommen Depressionen, Ess-, Schlaf- und andere Störungen, wenn sie es nicht schaffen, über das Erlebte zu sprechen.

Opfer und Angehörige fragen sich oft: Warum? Warum ich? Wie lautet Ihre Antwort?

Das ist die große Frage, die keiner beantworten kann. Es hilft nur, wenn man sich das ganze Elend ansieht, es in Einzelteile zerlegt und sich damit auseinander setzt. Wenn das nicht passiert, ist es wie mit einem umgestürzten Kleiderschrank, in dem die heraus gefallene Kleidung irgendwie wieder reingestopft und die Tür zugedrückt wird. Das entspricht der typischen Situation eines Traumatisierten: Er braucht dann seine ganze Kraft, die Tür zuzuhalten, damit nicht die Erinnerungen herausdringen. In der Therapie machen wir die Tür bewusst auf, nehmen jedes einzelne Kleidungsstück heraus, sehen es uns genau an, und sortieren es dann in den Schrank wieder ein.

Wie funktioniert das konkret?

Wir haben uns in der Gruppe Berichte über das Eschede-Unglück auf Video angesehen. Immer wieder. Die ersten Male war es für die Betroffenen furchtbar, nach und nach lassen dann die starken emotionalen und körperlichen Belastungsreaktionen nach, weil der Stressmechanismus ausgepowert ist. Es ist für die Betroffenen eine sehr wertvolle Erfahrung, einmal nicht von ihren Gefühlen überrollt zu werden. Sie spüren, dass sie die Situation wieder in den Griff bekommen können. Erst dann werden sie überhaupt in die Lage versetzt, zu trauern. Wir haben uns im weiteren Verlauf der Therapie in einen ICE gesetzt und sind zur Unglücksstelle gefahren, um dort gemeinsam zu trauern. Für viele Angehörige war das ein sehr wichtiger Schritt zur Verarbeitung der Tragödie.

Können Opfer von Katastrophen ganz geheilt werden?

Ja, in dem Sinne, dass sie ihre schrecklichen Erlebnisse verarbeiten und nicht davor weglaufen. Jahrestage wie dieser sind dafür da, sich bewusst zu erinnern und die Trauer zuzulassen. Wer versucht, an einem solchen Tag zum Beispiel nach Mallorca zu flüchten, wird sich hinterher eher noch elender fühlen und läuft tatsächlich Gefahr, eines Tages von seinen Erlebnissen überrollt zu werden.

Georg Pieper

Georg Pieper Georg Pieper (55) betreibt in Friebertshausen bei Marburg eine Praxis für Trauma- und Stressbewältigung. In seiner knapp 30-jährigen Tätigkeit als Psychologischer Psychotherapeut hat er vor allem durch Unglücke, Terror und Tragödien traumatisierte Menschen betreut, so etwa nach dem Grubenunfall von Borken 1988, der Bahnkatastrophe von Eschede 1998, oder dem Amoklauf eines 17-jährigen Schülers in einer Erfurter Schule 2002. Foto: AP/Jens Meyer

Interview: Inga Niermann
 
 
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