Vor zehn Jahren entgleiste bei Eschede der ICE "Wilhelm-Conrad-Röntgen", 101 Menschen starben. Der Trauma-Spezialist Georg Pieper betreute damals Angehörige von Todesopfern. Im stern.de-Interview berichtet er über Behandlungsmöglichkeiten und die psychischen Folgen des Unfalls.

Bei dem schwersten Zugunglück der deutschen Geschichte in Eschede kamen 101 Menschen ums Leben© Ingo Wagner/DPA
Das ist leider bei jeder Katastrophe so, dass es immer Menschen gibt, für die es unmöglich ist, über das Erlebte zu sprechen, und die das Erlittene einfach nicht verkraften. Besonders den Verlust eines Kindes verwinden manche Menschen nicht. Es kommt vor, dass Katastrophenopfer wenige Monate nach dem Ereignis schwer krank werden und manche sogar vor Gram sterben.
Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Menschen Naturkatastrophen besser verwinden können als Katastrophen, die von Menschen verschuldet worden sind. Am schwierigsten ist die Situation von ehemaligen Geiseln oder Opfern anderer Gewalttaten. Das Zugunglück von Eschede liegt vom Schweregrad her in der Mitte.
Wenn der Schock nach einem Unglück nicht nach einem Monat überwunden wird, sprechen wir von einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Die Opfer erleben das Ereignis immer wieder, sie werden von ihren schrecklichen Erinnerungen im Alltag regelrecht überfallen. Sie fühlen sich dann hilflos und haben Todesangst. Zugleich versuchen sie jeder Situation aus dem Weg zu gehen, die sie an das Ereignis erinnern könnte. Körperlich stehen sie permanent unter starker Anspannung. Dazu kommen Depressionen, Ess-, Schlaf- und andere Störungen, wenn sie es nicht schaffen, über das Erlebte zu sprechen.
Das ist die große Frage, die keiner beantworten kann. Es hilft nur, wenn man sich das ganze Elend ansieht, es in Einzelteile zerlegt und sich damit auseinander setzt. Wenn das nicht passiert, ist es wie mit einem umgestürzten Kleiderschrank, in dem die heraus gefallene Kleidung irgendwie wieder reingestopft und die Tür zugedrückt wird. Das entspricht der typischen Situation eines Traumatisierten: Er braucht dann seine ganze Kraft, die Tür zuzuhalten, damit nicht die Erinnerungen herausdringen. In der Therapie machen wir die Tür bewusst auf, nehmen jedes einzelne Kleidungsstück heraus, sehen es uns genau an, und sortieren es dann in den Schrank wieder ein.
Wir haben uns in der Gruppe Berichte über das Eschede-Unglück auf Video angesehen. Immer wieder. Die ersten Male war es für die Betroffenen furchtbar, nach und nach lassen dann die starken emotionalen und körperlichen Belastungsreaktionen nach, weil der Stressmechanismus ausgepowert ist. Es ist für die Betroffenen eine sehr wertvolle Erfahrung, einmal nicht von ihren Gefühlen überrollt zu werden. Sie spüren, dass sie die Situation wieder in den Griff bekommen können. Erst dann werden sie überhaupt in die Lage versetzt, zu trauern. Wir haben uns im weiteren Verlauf der Therapie in einen ICE gesetzt und sind zur Unglücksstelle gefahren, um dort gemeinsam zu trauern. Für viele Angehörige war das ein sehr wichtiger Schritt zur Verarbeitung der Tragödie.
Ja, in dem Sinne, dass sie ihre schrecklichen Erlebnisse verarbeiten und nicht davor weglaufen. Jahrestage wie dieser sind dafür da, sich bewusst zu erinnern und die Trauer zuzulassen. Wer versucht, an einem solchen Tag zum Beispiel nach Mallorca zu flüchten, wird sich hinterher eher noch elender fühlen und läuft tatsächlich Gefahr, eines Tages von seinen Erlebnissen überrollt zu werden.
Georg Pieper Georg Pieper (55) betreibt in Friebertshausen bei Marburg eine Praxis für Trauma- und Stressbewältigung. In seiner knapp 30-jährigen Tätigkeit als Psychologischer Psychotherapeut hat er vor allem durch Unglücke, Terror und Tragödien traumatisierte Menschen betreut, so etwa nach dem Grubenunfall von Borken 1988, der Bahnkatastrophe von Eschede 1998, oder dem Amoklauf eines 17-jährigen Schülers in einer Erfurter Schule 2002. Foto: AP/Jens Meyer