Wie konnte in New Orleans jede gesellschaftliche Ordnung zusammenbrechen? Der Berliner Katastrophensoziologe Harald Wenzel über individuelle und kollektive Traumata - und Ursachen, die weit in der Vergangenheit liegen. Von Nils Schmidt

Eine Frau mit Bildern ihrer Familie schreit in Richtung Fernsehkameras© Matthew Cavanaugh/DPA
New Orleans, vier Tage nach "Katrina": Ein 13 Jahre altes Mädchen harrt unter 15.000 Menschen im Convention Center aus. Es gibt weder zu Essen, noch zu Trinken. Draußen stehen Angestellte mit gezogener Schusswaffe - Schutz vor Plünderern. Doch drinnen geschieht das Unmenschliche: Männer brechen dem Mädchen beide Fußgelenke, dann vergewaltigen sie das wehrlose Opfer. Eine Zeugin sagt dem Nachrichtensender CNN: "Wir gingen zur Polizei, und dort wurde uns gesagt, wir müssten damit leben." Es ist ein Beispiel von vielen, das eines zeigt: Das fröhliche, beschwingte New Orleans ist zu einer Fratze seiner selbst geworden. In den Tagen nach dem 30.8., als an der Golfküste der USA die Not am Größten ist, verlieren immer mehr Menschen sämtliche Hemmungen. In- und außerhalb der überfluteten Stadt am Mississippi werden Schüsse - auch auf Rettungsmannschaften - gemeldet. Leichen verwesen in den Straßen. Entkräftete Menschen warten vergebens auf Hilfe, während selbst Polizisten Supermärkte plündern. Wie konnte die Situation im Süden der USA so außer Kontrolle geraten?
"Im Moment existiert ein gefährliche Gemengelage", sagt Harald Wenzel, Katastrophensoziologe am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin gegenüber stern.de. "Die Rettungspläne für New Orleans waren schlecht ausgearbeitet, die Evakuierung läuft schleppend". In der Stadt sitzen Arme, Kranke und Alte fest - die Mehrheit davon Afro-Amerikaner, "für die es jetzt ums nackte Überleben geht." Die weiße Oberschicht dagegen habe sich rechtzeitig vor dem Hurrikan in Sicherheit gebracht. "Das reißt alte Wunden auf", so Wenzel.
Die am stärksten vom Hurrikan "Katrina" betroffenen Staaten Louisiana, Mississippi und Alabama gehören zu den ärmsten der USA. Der Anteil der Familien unterhalb der Armutsgrenze liegt in New Orleans mit 24 Prozent deutlich über dem Landesdurchschnitt von 9 Prozent. Rund 75 Prozent der Bevölkerung sind Afro-Amerikaner - landesweit sind es nur 12 Prozent. "Die mangelnde Versorgung dieser Menschen mit Wasser und Nahrung ist ein Skandal größten Ausmaßes.", sagt Wenzel. Viele warteten nicht mehr auf Hilfe, sondern versuchten - ganz in amerikanischer Tradition - sich selbst zu helfen.
Die schreckliche Szene im Convention Center ist nur ein Beispiel für die Endzeitstimmung in New Orleans. Mundraub, Diebstahl, Vergewaltigungen und Überfälle sind an der Tagesordnung. Am Superdome drängen sich tausende Menschen um Evakuierungsbusse - sie wollen raus aus der Kloake, die von der Stadt des Jazz und des Karnevals noch übrig ist. "Es gab einfach keine Einsatzpläne für so eine große Katastrophe", sagt Harald Wenzel. Und das, obwohl schon 1993 der Mississippi über die Ufer trat, die Gefahr der Überflutung den Behörden bekannt war. "In den Augen der Menschen ein absolutes Versagen der Regierung", stellt der Berliner Forscher fest.