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18. März 2009, 16:14 Uhr

Der Albtraum des Jules Schelvis

Er kommt, er kommt nicht, er kommt. Das Geschachere um den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk schien endlos. Doch am Dienstag wird er nach stern.de-Informationen in Deutschland landen. Jules Schelvis wird es kaum erwarten können, dass Demjanjuk der Prozess gemacht wird. Er überlebte das Vernichtungslager Sobibor, verlor dort aber seine Familie. Von Kerstin Schneider

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Der mutmaßliche Kriegsverbrecher John Demjanjuk soll sich vor Gericht verantworten© dpa

Die Gespenster suchen ihn fast jede Nacht heim. Jules Schelvis sieht die Leiche seiner Frau Rachel, damals 19. Sie liegt neben ihrer fast gleichaltrigen Schwester Hella und ihrem Bruder "Klein Herman", der nur zwölf Jahre alt geworden ist. Der Knirps drängt sich noch im Tod dicht an seine Eltern David und Gretha. Ihre nackten Leiber liegen auf Gitterrosten über dem Feuer und gehen in Flammen auf. Schweißgebadet schreckt Jules Schelvis hoch. Er zittert. Das Blut pocht in seinen Ohren. Doch das Erwachen tröstet ihn kaum. Denn er weiß, dass sein Alptraum wahr ist.

Jahrzehntelanges Verfahren

Viele Jahre haben die "Gespenster", wie Jules Schelvis seine Alpträume nennt, ihn in Ruhe gelassen. Doch seitdem der 88-jährige Niederländer weiß, dass er in Deutschland bald John Demjanjuk in die Augen sehen könnte, jenem Mann, dem die Staatsanwaltschaft München vorwirft, mit der SS von März bis September 1943 exakt 29.587 Juden in die Gaskammern von Sobibor getrieben zu haben - darunter seine Familie - schreckt Jules Schelvis fast jede Nacht hoch.

Seit über 30 Jahren versuchen die Justizbehörden in mehreren Ländern John Demjanjuk als Mordgehilfen der SS dingfest zu machen. Bislang ohne Erfolg. Nun soll der 88-Jährige in Deutschland vor Gericht gestellt werden. Wegen Beihilfe zum Mord. Insgesamt ermordeten die Nazis zwischen Mai 1942 und Oktober 1943 mehr als 250.000 Juden in Sobibor, also etwa so viele Menschen wie die Stadt Kiel Einwohner hat. Am 14. Oktober 1943 gelang es den Häftlingen in Sobibor, einen Aufstand gegen die SS-Bewacher anzuzetteln. Das Lager wurde danach dem Erdboden gleich gemacht. Doch selbst wenn Demjanjuk jetzt der Prozess gemacht werden sollte, wäre dies nur auf den ersten Blick ein "Coup" in Sachen deutscher Vergangenheitsbewältigung. In Wirklichkeit wirft die Geschichte dieses jahrzehntelangen Verfahrens ein grelles Licht auf die Trägheit der deutschen Justiz, wenn es um die Verfolgung von NS-Verbrechern geht.

"Jude in schwarz-weiß"

Jules Schelvis, der im Prozess gegen John Demjanjuk wahrscheinlich als Zeuge aussagen wird, lebt in einem Vorort von Amsterdam. Er hat warme, dunkle Augen, schütteres, weißes Haar, ein rundes Gesicht, in das sich ein schmerzlicher Zug gegraben hat. Schelvis spricht ausgezeichnet deutsch. "Die Sprache habe ich in den KZ's der Deutschen gelernt", sagt Schelvis nüchtern. Seine Stimme verrät keinen Hass, keinen Groll. Dabei könnte man es ihm kaum verdenken. Zehn Konzentrationslager hat Jules Schelvis als "Arbeitsjude" überlebt. Die Nazis ermordeten 41 seiner Angehörigen.

Jules Schelvis sitzt in seinem Wohnzimmer auf einem eleganten Ledersofa. Chagalls "Jude in schwarz-weiß" sieht ihm von der blassgelb getünchten Wand über die Schulter. Schelvis hat das Bild seines Lieblingskünstlers in Öl nachgemalt. Dabei ist er gar kein gläubiger Jude. "Wir scherten uns nie darum, wer Jude war", sagt er. Während er aus seinem Leben erzählt, forscht Schelvis in den Augen seines Gegenübers, wie jemand, der ständig auf der Hut ist.

Wochenlang wurde um Demjanjuk gestritten. Mal hieß es, er werde ausgeliefert, dann wurde das Ganze wieder gestoppt. Nun wird er die USA endgültig verlassen und am Dienstag in Deutschland erwartet. Sein Vater sei unschuldig und habe niemandem etwas zu Leide getan, sagt Demjanjuks Sohn. Demjanjuk selbst will sich nicht äußern. Dabei hätte er sicherlich - ob schuldig oder nicht - viel zu erzählen über ein Leben, das alles andere als einfach war. Und vielleicht auch darüber, wie die Weichen der Geschichte einen Menschen zum Opfer, den anderen zum Täter machen können. Denn auch davon handelt die Geschichte von John Demjanjuk und Jules Schelvis.

"Wir aßen Hunde, Ratten, Mäuse, ja sogar unsere Hauskatze"

Jules Schelvis ist im Januar 1921 in Amsterdam geboren worden. Seine Mutter ist Näherin, sein Vater Diamantschleifer. Schelvis verlebt eine glückliche Kindheit. Nach der Schule beginnt er mit 16 eine Lehre als Drucker und tritt in die Sozialdemokratische Partei ein.

Iwan Demjanjuk ist nur neun Monate älter als Jules Schelvis. Er kommt im April 1920 in einem ukrainischen Dorf der Provinz Kiew zur Welt. Erst mit neun Jahren wird er eingeschult, besucht den Unterricht - mit einer Unterbrechung von zwei Jahren - nur fünf Jahre. Zu dieser Zeit kollektiviert Stalin die Landwirtschaft, zwingt die Bauern mit Waffengewalt in landwirtschaftliche Großbetriebe, so genannte Kolchosen, und lässt Getreidevorräte beschlagnahmen. Millionen Menschen verhungern. "Wir aßen Hunde, Ratten, Mäuse, ja sogar unsere Hauskatze", gibt Demjanjuk Jahre später zu Protokoll. Immerhin bringt er es als junger Mann auf einer Kolchose zum Traktorfahrer, gilt im bescheidenen Maße als privilegiert.

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