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Kinderhilfe-Chef entsetzt über Hamburger Jugendamt

28. November 2012, 12:36 Uhr

Seit Tagen sucht die Polizei nach dem elfjährigen Ausreißer Jeremie. Im neuen stern erhebt Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Von Anette Lache

Jeremie, Jugendamt, Zirkus, Hamburg Mitte, stern

Hat das Jugendamt im Fall Jeremie versagt?©

Er lebte in einem Zirkusunternehmen bei Pflegeeltern. Dann machte sich Jeremie auf und davon, seit einer Woche sucht ihn die Polizei. Der Fall des ausgerissenen Elfjährigen stellt Polizei und Behörde vor ein Rätsel und wirft die Frage auf, wer die Schuld an seinem Verschwinden trägt. Georg Ehrmann von der deutschen Kinderhilfe kritisiert in diesem Zusammenhang die Methoden deutscher Jugendämter.

"Dieser schwer traumatisierte Junge, der schon als Kind Straftaten beging, hätte nicht im Zirkus untergebracht werden dürfen", sagte Ehrmann dem stern. "Offenbar wurde er einfach in diesen Zirkus gesteckt, und in Hamburg dachte man: Ein Problem weniger. Eine unverantwortlich Vorgehensweise."

Jeremie hätte in eine stationäre Einrichtung gehört

Das Jugendamt Hamburg-Mitte hatte den Jungen vor zwei Jahren in die Obhut einer Zirkusfamilie gegeben. Von der drogenabhängigen Mutter bekam er über die Muttermilch Heroin, seinem Großvater wird vorgeworfen, das Kind geschlagen zu haben, was dieser allerdings dementiert. Jeremie war polizeibekannt. Der Junge hätte in eine stationäre Einrichtung gehört, in der intensiv mit ihm gearbeitet wird, erklärt Ehrmann. Der Experte ist davon überzeugt, dass das Jugendamt den Jungen zu spät aus der Familie nahm und danach die falschen Maßnahmen ergriff. "Jeremie ist ein Fall, der exemplarisch zeigt, wie sich das System an einem Kind versündigt." Er forderte einheitliche Qualitätsstandards in der Jugendhilfe.

In Deutschland sei es immer noch Glückssache, ob ein Kind aus einem Umfeld wie das von Jeremie frühzeitig unterstützt werde und so eine echte Chance bekomme, sagte Ehrmann dem stern: "In der Jugendhilfe kann jedes Jugendamt machen, was es will. Und noch dazu übertragen die Jugendämter Aufgaben an freie Träger, die dann auch wieder weitgehend machen, was sie wollen, weil sie nicht ausreichend kontrolliert werden."

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