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18. Dezember 2006, 14:29 Uhr

"Unverzeihliches Versagen des Staates"

Hat das Jugendamt im Fall Kevin seine Fürsorgepflicht verletzt? Diese Frage stellen sich die Ermittler, die jetzt zum Tod des Jungen Beweise sammeln. Bremens Justizstaatsrat ist nicht der einzige, der schwere Vorwürfe erhebt.

Das Grab des zweijährigen Kevin auf dem Waller Friedhof in Bremen© Carmen Jaspersen/DPA

Nach dem Tod des zwei Jahre alten Kevin aus Bremen sind zum Beginn der Beweisaufnahme des Untersuchungsausschusses schwere Vorwürfe gegen die Behörden laut worden. "Es hat massive Formen von Kindesmisshandlungen gegeben", sagte Bremens Justizstaatsrat Ulrich Mäurer über die Leiden des kleinen Jungen. So sei Kevin zum Beispiel im August 2004 mit zahlreichen Brüchen in eine Klinik eingeliefert worden.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt seien die Handlungen des Jugendamts "bei aller Liebe mit einem normalen Dienstverhalten nicht mehr in Einklang zu bringen", sagte Mäurer. Er war kurz nach dem Fund der Leiche von Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) mit einer Dokumentation des Falles beauftragt worden.

Fassungslosigkeit und Entsetzen

Die Leiche des kleinen Kevin, der unter der Vormundschaft des Jugendamtes stand, war am 10. Oktober im Kühlschrank seines drogensüchtigen Ziehvaters entdeckt worden. Danach waren die massiven Fehler der Bremer Sozialbehörde bekannt geworden. Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) trat zurück, der Leiter des Jugendamtes wurde vom Dienst suspendiert.

Bremens Justizstaatsrat Ulrich Mäurer sagt vor dem Untersuchungsausschuss in der Bremer Bürgerschaft aus© Marcus Posthumus/DDP

Gegen zwei Mitarbeiter der Behörde wurden strafrechtliche Ermittlungen wegen Vernachlässigung der Fürsorgepflicht eingeleitet. Gegen diese beiden und den Chef der Jugendbehörde laufen zudem Disziplinarverfahren. Röpke wie auch Böhrnsen waren seit Anfang des Jahres über die Lebensumstände Kevins informiert. Der Fall hatte bundesweit Fassungslosigkeit und Entsetzen ausgelöst.

"Massive Karriere mit Drogen und Haft"

Künstliche Ernährung, Knochenbrüche, Infektionskrankheiten - aus den Akten gehen eine Reihe schwerer Missstände im Fall des Kindes hervor. "Die Akten geben keine Antwort auf die Frage, welche Entscheidungen getroffen wurden", sagte Mäurer über Lücken in der Dokumentation. "Ich hoffe immer noch, dass es für alles noch eine andere Erklärung gibt. Dies geht aber aus den Akten nicht hervor."

Ebenso gehe nicht daraus hervor, ob der Sozialarbeiter Kenntnisse über den Lebenswandel von Kevins im November 2005 gestorbener Mutter und ihrem Lebensgefährten hatte. "Die Mutter hat eine massive Karriere mit Drogen und Haft" hinter sich. Drogen, Haft, Alkoholprobleme und ein hohes Maß an Gewalttätigkeiten würden auch das Leben des Ziehvaters kennzeichnen.

Schon mit acht Monaten misshandelt

"Wenn meine Schilderung zutrifft, ist es schon ein kleines Wunder, dass der Säugling überhaupt die nächsten Monate überlebt hat", sagte Mäurer. Schon im Alter von acht Monaten sei Kevin wegen Brüchen und Misshandlungen in die Kinderklinik gekommen, doch habe dies nicht zu einem Strafverfahren geführt.

"Im Fall Kevin hat das Zusammenspiel der staatlichen Hilfen sträflich versagt", hatte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) festgestellt. "Ein schreckliches, unverzeihliches Versagen des Staates", so Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) treffend.

Abschlussbericht bis Mai

Der Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft soll nun untersuchen, welche möglichen strukturellen Probleme der zuständigen Behörden zum tragischen Tod Kevins geführt haben. Bereits für die ersten drei Tage haben die Abgeordneten zur Eröffnung der Beweisaufnahme 24 Zeugen vor das Gremium geladen. Darunter sind Polizisten, der Kinderarzt von Kevin und eine Familienhebamme, die laut Mäurer sofort nach Kevins Geburt für dessen Herausnahme aus der Familie plädiert hatte. Ein Abschlussbericht soll bis spätestens Mai vorgelegt werden.

DPA/AP
 
 
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