Drucken | Fenster schließen    

Kindstötung als Ausweg aus der Depri-Hölle

18. November 2012, 08:00 Uhr

Erst die eigenen Kinder umbringen, dann Selbstmord: Allein in Bayern töteten jüngst Mütter oder Väter neun ihrer Sprösslinge. Meistens haben die Eltern alle Hoffnung auf ein schönes Leben begraben. Von Malte Arnsperger

Unterschleißheim, Selbstmord, Eltern, Mord, Suizid, Kinder, Hildesheim, Kempten, Mutter, Vater, Unfall

Mit einem absichtlichen Unfall auf der A 92 bei Unterschleißheim wollte sich Bianca T. das Leben nehmen. Zuvor tötete sie drei ihrer Kinder.©

Kempten: zwei tote Kinder. Emmering: zwei tote Kinder. Bamberg: zwei tote Kinder. Unterschleißheim: drei tote Kinder. Umgebracht von der eigenen Mutter oder dem eigenen Vater. Seit August sind alleine in Bayern neun Kinder von ihren Eltern getötet worden. In drei Fällen haben sich Mutter oder Vater danach selbst das Leben genommen. Beim jüngsten Vorfall in Unterschleißheim überlebte die 38-Jährige Bianca T. nach der Tötung ihrer drei Kinder einen Suizidversuch. Eine unheilvolle Serie von sogenannten erweiterten Suiziden und Selbstmordversuchen im Freistaat. Und auch in Essen und Hildesheim hatten sich vor einigen Monaten ähnliche Familiendramen ereignet. Aber warum? Gibt es Gemeinsamkeiten und lassen sich solche Tragödien verhindern?

Bianca T. sitzt mittlerweile im Gefängnis. Am Dienstagnachmittag hatte sie ihr Auto auf der A 92 bei Unterschleißheim nahe München gegen eine Leitplanke gelenkt. Die Frau überlebte den absichtlich selbst verschuldeten Unfall. In dem Fahrzeug fanden die Rettungskräfte die Leichen ihrer drei Kinder. Die Zwillinge Lisa-Eveline und Fabian wurden nur vier Monate alt. Bianca T. hatte alle drei Kinder, das ist nun bekannt, kurz vor dem Unfall in einem Waldstück getötet.

Der Grund dafür scheint mittlerweile klar: Die Frau war zuletzt offensichtlich mit ihrem Leben völlig überfordert. Sie hatte drei Kinder zu versorgen, davon zwei Säuglinge, und engagierte sich obendrein im Elternbeirat der Schule ihrer gerade eingeschulten sechsjährigen Tochter. Zudem war wohl das Geld knapp, und dann hatte sie auch noch ihren Lebensgefährten wenige Stunden vor der Tat in eine psychiatrische Klinik einliefern müssen: "Die Lage hat sich zugespitzt", sagt der Landshuter Staatsanwalt Ralph Reiter, der mittlerweile einen Haftbefehl wegen Mordes und Totschlags gegen die Frau erwirkt hat.

Depression und Hoffnungslosigkeit

Der tragische Fall zeigt für Experten geradezu beispielhaft, was Frauen dazu veranlassen kann, ihre Kinder zu töten und sich danach selber das Leben zu nehmen. "Wenn Mütter mit kleinen Kindern so etwas tun, dann sind sie meist tief depressiv und hoffnungslos", sagt der Bayreuther Psychiater und Suizidforscher Manfred Wolfersdorf. "Als einzige Lösung erscheint ihnen der Suizid. Und da die Mütter ihre kleinen Kinder noch als Teil von sich, ihres Körpers, erleben, nehmen sie diese mit in den Tod. Sie sagen sich: 'Ich kann dieses Kind nicht alleine lassen, da es sowieso bald untergehen wird.' Es hat etwas Pseudo-Altruistisches an sich."

Die Wissenschaft hat sich dem Thema erweiterter Suizid bisher spärlich und oft nur am Rande angenommen. Umfassende Studien und belastbares Zahlenmaterial gibt es kaum. Eindeutig scheint aber zu sein, dass diese Form der Suizide vor allem im engsten familiären Umfeld passiert, der Partner oder die Kinder zu Opfern werden, Außenstehende aber fast nie betroffen sind. Genau dieser Umstand sowie die Tatsache, dass die Täter in den meisten Fällen eben nicht überleben, macht die Ursachenforschung so schwer. Einige Ansatzpunkte liefert eine Doktorarbeit über Kindstötungen, die im vergangenen Jahr an der Universität Bonn vorgelegt wurde. Die Autorin vertritt eine ähnliche Meinung wie Psychiater Wolfersdorf: "Das betreffende Elternteil entscheidet sich zum Suizid, weil ihr oder ihm das eigene Leben nicht lebenswert erscheint. Weil für die Mutter oder den Vater nicht in Frage kommt, das Kind allein auf dieser nicht lebenswerten Welt zurückzulassen, tötet er oder sie das Kind zuerst und daran anschließend sich selbst."

Finanzielle Nöte bei Männern ausschlaggebend

Eine niederländische Studie über die "homicide-suicides" (Mord-Suizide) kommt zu dem Schluss, dass finanzielle Nöte eine der Hauptursachen für einen erweiterten Suizid sind. Dies gelte vor allem für Männer. Die Studie erklärt die abartige und - wenn man so will - auch wieder "pseudo-altruistische" Logik, die dahinter steckt: Manche Väter, die vor den Scherben ihrer wirtschaftlichen Existenz stehen und sich deshalb zu einem Suizid entschlossen haben, nehmen demnach auch ihre Familien mit in den Tod, weil sie denken, diese Menschen seien ohne sie in dieser finanziellen Situation ohnehin nicht mehr überlebensfähig. Psychiater Wolfersdorf sagt: "Männer tun so etwas, wenn es schicksalshafte Ereignisse gab, die ihre Lebensplanung zerstören. Sie wollen sich mit ihrer Tat Raum verschaffen."

"Diese Entwicklungen laufen meistens verdeckt ab"

Zu diesen Schicksalsschlägen gehört auch die Trennung vom Partner. Und wieder sind es laut den Untersuchungen insbesondere Männer, die in solchen Situationen ihre Kinder aus Rache an der Partnerin töten und sich dann selbst richten. So heißt es in der niederländischen Studie: "Die meisten Erhebungen haben gezeigt, dass viele der Täter angetrieben werden von einem Kontrollverlust über ihre Partnerin. Das Hauptziel der Handlung des Mannes ist seine Partnerin, nicht die Kinder." Und die Forscherin der Uni Bonn schreibt: "In dieser Konstellation, die auch Medea-Syndrom genannt wird, tötet ein Elternteil ein oder mehrere Kinder, um sich am Partner zu rächen. In manchen Fällen tötet er oder sie sich anschließend selbst."

Taten kaum vorhersehbar

Experten wie Wolfersdorf machen sich aber nicht nur Gedanken über die Ursachen, sondern auch über die Möglichkeiten, solche Taten in Zukunft zu verhindern. Sie stoßen dabei sehr schnell an Grenzen. "Diese Entwicklungen laufen meistens verdeckt ab, und solche Taten sind auch für enge Familienmitglieder schwer vorhersehbar", sagt Wolfersdorf. Hans Hillmeier, stellvertretender Chef des Bayerischen Landesjugendamtes, sieht es ähnlich und gibt zu: "Bei diesem Thema schwingt bei mir viel Hilflosigkeit mit."

Doch gerade für die Sozial- und Jugendbehörden ist es wichtig, diese Hilflosigkeit abzuschütteln und vorbeugend einzugreifen. Hillmeier hält die neuen, seit Jahresanfang geltenden Rechtsvorgaben zum Kinderschutzgesetz für einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung. "Dieses Gesetz hat gerade die präventive Komponente gestärkt. Denn es sieht vor, dass schon werdende Eltern Hilfsangebote bekommen und ihnen Einrichtungen gezeigt werden, an die sie sich mit ihren Sorgen wenden können." Darüber hinaus werde durch das Regelwerk auch die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheits- und Jugendbehörden zum Wohle der Kinder gestärkt, sagt Hillmeier. "Es sind aber auch die Nachbarn, Freunde und Angehörige gefragt. Sobald sie merken, dass eine Mutter oder ein Vater mit kleinen Kindern im Haus überfordert ist, sollten sie ihnen Hilfe anbieten, mal das Kind für einen Nachmittag abzunehmen. Man muss versuchen, den Druck aus diesen Situationen zu nehmen."

Das solche Familiendramen trotzdem passieren, zeigt der Fall aus Hildesheim. Der vierfache Vater Andreas S. war wegen seiner Depressionen in ärztlicher Behandlung, er drohte mehrfach offen mit Suizid. Die Schule seiner ältesten Tochter wusste davon, eine Lehrerin hatte mit der getrennt lebenden Mutter über die schwierige Situation gesprochen. Wenige Tage später tötete Andreas S. seine vier Kinder und versuchte danach, sich umzubringen. Er wurde für den anschließenden Prozess von einem Psychiater untersucht. Der Gutachter ist davon überzeugt, dass diese Tat nicht zu verhindern war: "Dass er Suizidabsichten hatte, war allen bekannt. Aber ich denke nach wie vor, dass sich der Mann erst kurz zuvor zu dieser Tat und der Tötung seiner Kinder entschlossen hat. Wenn man ihn einen Tag vorher danach befragt hätte, hätte er solche Absichten bestimmt bestritten."

© 2014 stern.de GmbH