. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
30. Mai 2008, 15:33 Uhr

"Kinder dürfen nicht versagen"

Die Kindererziehung scheint bei vielen Eltern aus den Ruder zu laufen. Im stern-Interview spricht der Kinder- und Familientherapeut Wolfgang Bergmann über perfektionistische Eltern, überforderte Kinder - und darüber, wie Erziehung gelingen kann.

Wolfgang Bergmann: "Das Kind ist ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt"© Frank May/DPA

Überall treffen wir auf kleine Tyrannen und Prinzessinnen. Ihre Erziehung scheint den Eltern völlig aus dem Ruder gelaufen zu sein. Was ist die Ursache für den Kult ums Kind?

Die modernen Kleinfamilien leben isoliert, sind auf sich bezogene Bindungsund Gefühlsgemeinschaften. Und weil die Gefühle zwischen Mann und Frau in unserer individualisierten Kultur immer ein bisschen gefährdet sind, ist das Kind die Substanz der Familie. Es ist ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt - sowohl der elterlichen Liebe, was gut ist, als auch des elterlichen Narzissmus und Ehrgeizes, was schlecht ist.

Das bedeutet, Kinder müssen auch immer tolle Kinder sein?

Ja. Und damit dabei nichts schiefgeht, werden die Kleinen spätestens mit drei Jahren in ein Förderprogramm gesteckt. In Hessen gibt es einen Kindergarten, der schon Zweieinhalbjährige Chinesisch als Zweitsprache lehrt. Was für ein Irrsinn! Das Kind wird in die Rivalität getrieben, bevor es soziale Gefühle entwickelt hat.

Also maximale Verwöhnung auf der einen, Leistungsdruck auf der anderen Seite. Das kann doch nicht gut sein für die kindliche Entwicklung?

Es ist eine teuflische Mischung. Und sie trifft leider auf die meisten Kinder zu. Sie werden früh in Vergleichsängste getrieben, haben schon bei kleinen Fehlschlägen das Gefühl, gescheitert zu sein. Auf der anderen Seite bleiben sie - auch als Folge der Verwöhnung - maulend, egoistisch, fordernd gegenüber ihren Eltern.

Warum meinen viele Mütter, sie müssten immer alles richtig machen?

Zum einen aus Liebe zum Kind. Zum anderen leben wir in einer Perfektionskultur. Aber dieser Perfektionswahn hat auch etwas Narzisstisches. Man will sich selbst als Mutter - oder Vater - dieses tollen Kindes in Szene setzen. Folglich darf der Kleine nicht versagen. Sonst bricht auch das Selbstgefühl der Mutter zusammen.

Kinder brauchen also keine perfekten Eltern …

… sondern starke, stabile Eltern, die im Leben stehen wie ein Fels. Zu denen ein Kind bewundernd hochschauen kann, bei denen es sich geborgen und getröstet fühlt, wenn sich die kleine Spielkameradin abwendet oder es mal versagt.

Warum können Eltern mit diesem Perfektionsanspruch nie starke Eltern sein?

Wenn Eltern versuchen, perfekt zu sein, heißt das, sie stellen sich selbst dauernd infrage: Ein Kind aber braucht mindestens bis zum 15. Lebensjahr Eltern, die ein starkes Selbstvertrauen haben und auch mal sagen: "Du bist mein Sohn, und du machst das jetzt genau so, wie ich das gesagt habe. Punkt!" Eltern, die sich dauernd hinterfragen, sind für Kinder eine Katastrophe.

In einem Ihrer Bücher behaupten Sie: Kinder wollen eigentlich gehorsam sein.

Bei Menschen, die sie respektieren und denen sie vertrauen. Sind Kinder ungehorsam, dann haben sie das Vertrauen und den Respekt verloren. Deshalb ist "gute Autorität" so wichtig. Dann kann Erziehung auch gelingen.

Hätten wir weniger kleine Tyrannen, wenn die Väter sich stärker an der Erziehung beteiligen würden?

Nicht unbedingt. Väter, die immer nur mit ihren Kindern befreundet sein wollen, sind unerträglich für Kinder. Kein Kind will mit seinem Papa gleichberechtigt sein. Es will seinen Papa bewundern. Und es hat ein Recht darauf.

Viele Mütter und Väter versuchen heutzutage, möglichst alle Frustrationen von ihren Kindern fernzuhalten.

Selbst wenn es einem das Herz zerreißt: Man muss ein Kind auch mal durch seine Niederlage gehen lassen. Und bei den etwas Älteren müssen die Eltern auch mal deutlich machen: Das ist deine Fünf in Mathe, nicht meine. Wenn du das Abitur nicht schaffst: Mein Problem ist das nicht. Eltern müssen den Kindern nach und nach die Verantwortung für ihr Leben geben.

Schon kleine Kinder dürfen manchmal alles entscheiden: Ob sie das rosa oder das grüne Kleid anziehen, den Schulranzen vor dem Schlafengehen packen oder nicht. Fördert das wirklich die Autonomie der Kinder?

Natürlich nicht. Die Autonomie bildet sich auch dadurch, dass man die Regeln in einer Familie, die Regeln des sozialen Miteinanders verinnerlicht hat. Erst indem Kinder die Welt in ihren Ordnungsstrukturen begreifen, werden sie zu souveränen Menschen. In der Tiefe ihres Herzens sind aber auch diese Kinder auf der Suche nach einem Erwachsenen, der ihnen endlich mal sagt: "Du bist wahrscheinlich das süßeste Wesen, das je diese Welt bevölkerte. Aber dennoch ziehst du jetzt das wärmere grüne Kleid an. Keine Diskussion."

Warum sind viele Eltern so konfliktscheu?

Die modernen Eltern gehören zur Fernsehgeneration. Sie haben große Teile ihrer Kindheit mit Fernsehbildern und Chips verbracht. Sie sind also selbst schon in eine sehr narzisstische Konsumkultur hineingewachsen. Sie wurden selbst schon verwöhnt. Die jungen Eltern heute sind schnell erschöpft und sehr schnell gekränkt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 22/2008

Interview: Anette Lache
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Spocks_Kommentar (04.06.2008, 10:14 Uhr)
Klasse......
Also zurück zur Zukunft der 3x wöchentlich grün und blau geprügelten folgsamen und niedlichen Püppchen mit Schleifchen im Haar, die sich gut als Einrichtungsgegenstand des Wohnzimmers neben dem Nierentisch und dem Adenauerfoto machen, ja?
Wirklich klasse, so ein Experte aber auch.
Wie wäre es mit der Idee, daß Kinder keine Elternunterhaltungs- und belustigungsmaschinen sind sondern Menschen mit Wünschen, Gefühlen und Sorgen, die man ernst nehmen kann und muß?
Aber das wäre ja weder konservativ noch christlich, also dann doch wieder zurück zu den Erziehungsmethoden von Schreber sen. Seine Söhne waren zwar später behindert, aber als Kind gnadenlos niedlich.....
MEHR ZUM ARTIKEL
Erziehung Außer Rand und Band?

Sie sind uns kostbar, sie sind niedlich und doch kleine Monster, die - oftmals mit Gebrüll - die völlige Unterwerfung ihrer Eltern verlangen. Die werden um des lieben Friedens willen schwach, statt Regeln zu setzen. Wie gehen wir mit unseren Kindern um? Gibt es noch so etwas wie Erziehung? mehr...

Erziehung "Mütter müssen zur Schallplatte werden"

70 Prozent der Kinder sind gestört, sagt der Psychiater Michael Winterhoff. Der Autor des Buches "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" macht dafür Eltern verantwortlich, die von ihren Kindern geliebt werden wollen. Im stern.de-Interview erklärt er seine provokanten Thesen - und vergleicht Eltern mit Tennistrainern. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe