Die Kindererziehung scheint bei vielen Eltern aus den Ruder zu laufen. Im stern-Interview spricht der Kinder- und Familientherapeut Wolfgang Bergmann über perfektionistische Eltern, überforderte Kinder - und darüber, wie Erziehung gelingen kann.

Wolfgang Bergmann: "Das Kind ist ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt"© Frank May/DPA
Die modernen Kleinfamilien leben isoliert, sind auf sich bezogene Bindungsund Gefühlsgemeinschaften. Und weil die Gefühle zwischen Mann und Frau in unserer individualisierten Kultur immer ein bisschen gefährdet sind, ist das Kind die Substanz der Familie. Es ist ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt - sowohl der elterlichen Liebe, was gut ist, als auch des elterlichen Narzissmus und Ehrgeizes, was schlecht ist.
Ja. Und damit dabei nichts schiefgeht, werden die Kleinen spätestens mit drei Jahren in ein Förderprogramm gesteckt. In Hessen gibt es einen Kindergarten, der schon Zweieinhalbjährige Chinesisch als Zweitsprache lehrt. Was für ein Irrsinn! Das Kind wird in die Rivalität getrieben, bevor es soziale Gefühle entwickelt hat.
Es ist eine teuflische Mischung. Und sie trifft leider auf die meisten Kinder zu. Sie werden früh in Vergleichsängste getrieben, haben schon bei kleinen Fehlschlägen das Gefühl, gescheitert zu sein. Auf der anderen Seite bleiben sie - auch als Folge der Verwöhnung - maulend, egoistisch, fordernd gegenüber ihren Eltern.
Zum einen aus Liebe zum Kind. Zum anderen leben wir in einer Perfektionskultur. Aber dieser Perfektionswahn hat auch etwas Narzisstisches. Man will sich selbst als Mutter - oder Vater - dieses tollen Kindes in Szene setzen. Folglich darf der Kleine nicht versagen. Sonst bricht auch das Selbstgefühl der Mutter zusammen.
… sondern starke, stabile Eltern, die im Leben stehen wie ein Fels. Zu denen ein Kind bewundernd hochschauen kann, bei denen es sich geborgen und getröstet fühlt, wenn sich die kleine Spielkameradin abwendet oder es mal versagt.
Wenn Eltern versuchen, perfekt zu sein, heißt das, sie stellen sich selbst dauernd infrage: Ein Kind aber braucht mindestens bis zum 15. Lebensjahr Eltern, die ein starkes Selbstvertrauen haben und auch mal sagen: "Du bist mein Sohn, und du machst das jetzt genau so, wie ich das gesagt habe. Punkt!" Eltern, die sich dauernd hinterfragen, sind für Kinder eine Katastrophe.
Bei Menschen, die sie respektieren und denen sie vertrauen. Sind Kinder ungehorsam, dann haben sie das Vertrauen und den Respekt verloren. Deshalb ist "gute Autorität" so wichtig. Dann kann Erziehung auch gelingen.
Nicht unbedingt. Väter, die immer nur mit ihren Kindern befreundet sein wollen, sind unerträglich für Kinder. Kein Kind will mit seinem Papa gleichberechtigt sein. Es will seinen Papa bewundern. Und es hat ein Recht darauf.
Selbst wenn es einem das Herz zerreißt: Man muss ein Kind auch mal durch seine Niederlage gehen lassen. Und bei den etwas Älteren müssen die Eltern auch mal deutlich machen: Das ist deine Fünf in Mathe, nicht meine. Wenn du das Abitur nicht schaffst: Mein Problem ist das nicht. Eltern müssen den Kindern nach und nach die Verantwortung für ihr Leben geben.
Natürlich nicht. Die Autonomie bildet sich auch dadurch, dass man die Regeln in einer Familie, die Regeln des sozialen Miteinanders verinnerlicht hat. Erst indem Kinder die Welt in ihren Ordnungsstrukturen begreifen, werden sie zu souveränen Menschen. In der Tiefe ihres Herzens sind aber auch diese Kinder auf der Suche nach einem Erwachsenen, der ihnen endlich mal sagt: "Du bist wahrscheinlich das süßeste Wesen, das je diese Welt bevölkerte. Aber dennoch ziehst du jetzt das wärmere grüne Kleid an. Keine Diskussion."
Die modernen Eltern gehören zur Fernsehgeneration. Sie haben große Teile ihrer Kindheit mit Fernsehbildern und Chips verbracht. Sie sind also selbst schon in eine sehr narzisstische Konsumkultur hineingewachsen. Sie wurden selbst schon verwöhnt. Die jungen Eltern heute sind schnell erschöpft und sehr schnell gekränkt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2008