Brandschutz mit Hindernissen

27. November 2012, 12:39 Uhr

Noch rätseln Ermittler, was den Brand in der Behindertenwerkstatt in Titisee mit 14 Todesopfern verursacht hat. Experten sagen: Wirksamer Brandschutz für Behinderte macht Mühe. Von Malte Arnsperger

Manche waren in ihren Rollstühlen den Flammen und dem Rauch ausgeliefert, manche hatten wohl ganz einfach die Orientierung verloren. Der Großbrand in einer Behindertenwerkstatt im Schwarzwald hat ausgerechnet die überrascht, die schon im Alltag auf Hilfe angewiesen sind: Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung. Angehörige der 14 Todesopfer und der Verletzten, aber auch die Familien von Behinderten in ganz Deutschland werden sich nun fragen: Wie ist es eigentlich um den Brandschutz in diesen Einrichtungen bestellt?

Noch rätseln die Ermittler, wie das Feuer in den St.Georg-Werkstätten der Caritas in Titisee-Neustadt ausbrechen konnte. Hinweise auf fehlende Sicherheitseinrichtungen oder Mängel beim Brandschutz habe es ersten Untersuchungen zufolge keine gegeben, hieß es. Egon Engler, Geschäftsführer des Caritasverbandes Freiburg-Stadt, sagte, das erst vor sechs Jahren gebaute Gebäude entspreche den in Baden-Württemberg geltenden Bestimmungen. Es gebe Brandschutzabschnitte, Brandschutztüren und eine Brandmeldeanlage. Diese habe auch ausgelöst. "Wir können überhaupt nicht erklären, wie es zu der Tragödie kommen konnte."

Ralf Höhmann ist Brandschutzexperte für Altenheime und Behinderteneinrichtungen. Die große Zahl an Todesopfern macht ihn stutzig. "Bei so einem großen Feuer kann es leider immer passieren, dass ein oder zwei Menschen sterben, weil sie sich falsch verhalten haben", sagt der Mann vom TÜV-Hessen. "Aber wenn es so viele Opfer gab, muss grundsätzlich etwas falsch gelaufen sein." Höhmann vermutet eine tragische Verkettung von Fehlern. So könnte etwa die Alarmierung nicht frühzeitig genug erfolgt und zusätzlich Brandschutztüren verstellt gewesen sein. "Und dann hat man schnell den Super-Gau."

Forderung: Brandschutzrichtlinien überprüfen

Der Brandschutz in Betrieben wird zunächst von der Arbeitsstättenverordnung geregelt, die auch für Behinderten-Werkstätten gilt. In dieser Vorschrift heißt es unter anderem, der Arbeitgeber habe "Sicherheitseinrichtungen zur Verhütung von Gefahren, insbesondere Feuerlöscheinrichtungen, Signalanlagen in regelmäßigen Abständen sachgerecht warten und auf ihre Funktionsfähigkeit prüfen zu lassen". Ausdrücklich werden in der Verordnung zudem besondere Maßnahmen für Behinderteneinrichtungen gefordert: "Beschäftigt der Arbeitgeber Menschen mit Behinderungen, hat er Arbeitsstätten so einzurichten, dass die besonderen Belange dieser Beschäftigten berücksichtigt werden. Dies gilt insbesondere für die barrierefreie Gestaltung von Arbeitsplätzen sowie von zugehörigen Türen, Fluchtwegen, Notausgängen." Ergänzend zu dieser Verordnung erlassen die Länder Anweisungen für die sogenannten Sonderbauten, zu denen auch Behindertenwerkstätten gehören. Die entsprechende Landesbauordnung von Baden-Württemberg ist jedoch ziemlich vage. Dort heißt es: "An Sonderbauten können zur Verwirklichung der allgemeinen Anforderungen nach besondere Anforderungen im Einzelfall gestellt werden", etwa was "Zahl, Anordnung und Herstellung der Treppen" angeht.

Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz-Stiftung hält den Brandschutz in Deutschland trotz dieser vielen Richtlinien für unzureichend. Stiftungsvorstand Eugen Brysch fordert, soziale Einrichtungen mit selbsttätigen Sprinkleranlagen auszurüsten. Und die Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Behindertenwerkstätten sagte stern.de. "Die gesetzlichen Vorgaben sind sehr umfangreich. Aber selbst wenn man bisher dachte, es reicht aus, muss man nach so einer Katastrophe reagieren und den Brandschutz bundesweit überprüfen."

"Verlängerte Reaktionszeiten"

Doch selbst die beste Ausstattung hilft nicht viel, wenn die Menschen falsch reagieren oder in Panik geraten. Dann kann auch für Nicht-Behinderte ein Feuer mit offensichtlich großer Rauchentwicklung wie in Titisee schnell lebensbedrohlich werden. Dies gilt umso mehr für Behinderte, meint der Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbands (DFV) Hartmut Ziebs. "Menschen mit Behinderungen haben verlängerte Reaktionszeiten und können in Gefahrsituationen unberechenbar handeln."

Noch lässt sich nur erahnen, was in den dramatischen Minuten nach Ausbruch des Feuers in Titisee passiert ist. In Medienberichten heißt es, im Gebäude hätten viele Opfer durch den Rauch die Orientierung verloren. Eine Augenzeugin berichtete der "Badischen Zeitung", dass mit dem Brandalarm Panik unter den Behinderten ausgebrochen sei.

Deshalb bräuchten diese Menschen noch mehr Hilfe und intensivere Schulungen, sagt TÜV-Mann Höhmann: "Es ist enorm wichtig, dass die Betreuer ganz besonders gut ausgebildet und sensibilisiert sind und es sehr regelmäßige Brandschutz- und Räumungsübungen in solchen Einrichtungen gibt", so Höhmann. In Betrieben von Nicht-Behinderten seien jährliche Notfall-Übungen vorgesehen, Schüler müssten alle sechs Monate über das richtige Verhalten bei einem Feuer aufgeklärt werden. Die Menschen in Behinderteneinrichtungen sollten mindestens alle drei Monate auf den Ernstfall vorbereitet werden, meint Höhmann.

Zu viel Übung bringe auch nichts, sagt Günter Mosen, der mit den "Barmherzigen Brüdern" eine Behindertenwerkstätte in Trier betreibt. Brandschutzübungen gebe es dort ein- bis zweimal im Jahr. "Wenn man es öfter macht, stumpfen die Menschen ab und nehmen es nicht mehr ernst." Mosen hält es für wesentlich sinnvoller, bei diesen Proben auf die Behinderten individuell einzugehen. "Wir machen das zum Beispiel mit der sogenannten einfachen Sprache. Das Wort Evakuierung verstehen viele nicht. Bei uns heißt das dann: 'Menschen in Sicherheit bringen.'"

Auch in Titisee-Neustadt konnten sich die allermeisten der 120 Mitarbeiter und Betreuer in Sicherheit bringen. 14 Menschen, darunter 13 Behinderte, schafften es nicht.

Bedienungsanleitung für die Karte: Pfeilsymbole = Karte verschieben;
Plus- und Minussymbole = Kartenausschnitt vergrößern/verkleinern.
"Karte" = Straßenkartenansicht;
"Satellit" = Luftbildaufnahme;
"Hybrid" = Luftbild mit eingezeichneten Straßen
Zum Thema
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Baden-Württemberg Deutschland Titisee Titisee-Neustadt
Panorama
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Amos: Da ich mehrere Autos fahre, müßte ich mehrfach Maut bezahlen. Bekomme ich entsprechend die...

 

  von Gast 107364: Muss ich aus meiner finanzierten Immobilie bei Beantragung der Privatinsolvent raus

 

  von Gast 107350: Wie bekomme ich Verfärbung von einer Creme Farbigen Ledertasche raus?

 

  von Gast 107348: werden Kellerräume in der Mietberechnung mit einbezogen

 

  von Gast 107340: Wann soll ich us Dollar kaufen?

 

  von Gast 107336: ´Benötige ich einen Ernergieausweis oder einen Bedarsausweis für ein Haus von 1963

 

  von Amos: Nochmal zu MB: der neue CLE 450 hat einen Dreilitermotor. Müßte also CLE 300 heißen

 

  von Gast 107289: Glas-Tisch total milchig, Hilfe!

 

  von Gast 107284: Ist parken in einer Verkehrsberuhigten Zone erlaubt?

 

  von bh_roth: Oleander umtopfen

 

  von Amos: Ich suche jemand zur Haushaltsauflösung, NICHT zur Entrümpelung.

 

  von dorfdepp: Wie kann man eine Zinke richten?

 

  von elfigy: Flugzeugabsturz. Wozu ein Krisenstab, was wollen Regierungsmitglieder an der Absturzstelle ?

 

  von StechusKaktus: Gibt es nun die Kriegsanleihe oder nicht?

 

  von starmax: Richtig?

 

  von Gast 107217: Gibt es beim Rentenausgleich eine Renteneinkunftsuntergrenze

 

  von Gast 107213: Muss der Vermieter die Kosten für ein neues Türschloß tragen, wenn der Mieter den Schlüssel seiner...

 

  von Gast 107201: Was kann ich tun, wenn mein ehemaliger Arbeitgeber die Meldungen zur Sozialversicherung nicht...

 

  von jacobidry: Umkehrosmose Wasserfilter

 

  von jacobidry: Boxspringbett oder Kaltschaummatratze